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Langzeitarbeitslose in Ganderkesee Werkstatt ist mehr als Beschäftigungstherapie

Von Vincent Buß | 12.12.2018, 20:32 Uhr

Menschen, die schon lange arbeitslos sind, sollen durch das Ganderkeseer Werkstattprojekt wieder eine Perspektive bekommen. Eine Beschäftigte erzählt, wie ihr die Arbeit hilft.

„Ich wollte immer arbeiten gehen“, sagt Ulrike Eisenblätter. Doch für die 59-Jährige ist das erst seit letztem Jahr möglich. Aus privaten Gründen, wie sie sagt. „Nach einem Schicksalsschlag stand ich von jetzt auf gleich mit nichts da.“ Doch dadurch war auch ein Neuanfang möglich – sie hatte nun Freiraum, arbeiten zu gehen.

Doch beim Jobcenter kam schnell die Ernüchterung. Mit fast 60 Jahren sei sie zu alt. Was sie auch oft hörte: „In meinem Alter wäre man öfter mal krank.“ Sie wurde weitervermittelt ins Ganderkeseer Werkstattprojekt der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB).

Was in der Werkstatt gemacht wird

Dort sollen Langzeitarbeitslose wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Und zwar über Werkstätten im engeren und weiteren Sinne: Es gibt eine Holzwerkstatt, eine für Fahrräder, aber auch eine für Medien und einen Garten.

Eisenblätter arbeitet allerdings im Textilbereich und strickt: Mützen, Schals, Handschuhe und Socken. Sechs Stunden am Tag. „Stricken ist mein Hobby“, erklärt die 59-Jährige. „Ich mache es zuhause und jetzt auch hier.“ Sie hat also quasi ihr Hobby zum Beruf gemacht. „So fällt mir zuhause nicht die Decke auf den Kopf.“ Denn die Alternative wäre, „zuhause zu versauern“, wie die Frau sagt.

Mehr als nur Arbeit

Die Zeit in der Werkstatt ist aber mehr als bloße Beschäftigung, sie bedeutet Gesellschaft und Unterstützung. „Man ist unter Leuten und hilft sich gegenseitig“, sagt Eisenblätter. „Ohne die Arbeit wäre alles noch schlimmer gewesen.“ Auch die Mitarbeiter würden sie bei privaten Problemen beraten.

Die Idee dahinter erklärt Edgar Ruhm, Mitarbeiter des Werkstattprojekts: „Wir gucken, was die Leute am Arbeitsmarkt hindert.“ Das könnten etwa psychische Probleme sein oder Schulden. Ziel sei, die eigenen Stärken herauszufinden und Eigenantrieb zu gewinnen.

Das sind die Perspektiven

Zurzeit arbeiten Ruhm zufolge 32 Menschen in der Werkstatt. Alle Projekte dienen laut Ruhm gemeinnützigen Zwecken. Eisenblätters Strickwaren etwa gehen an Klienten der Ambulanten Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes Oldenburg.

Die meisten Beschäftigten bleiben laut Ruhm für ein Jahr, bis zu zwei sind vom Jobcenter erlaubt. „Dann muss gewechselt werden“, sagt der Werkstattleiter. Insgesamt dürften Langzeitarbeitslose drei Jahren in solchen Projekten arbeiten. Sechs Leute seien in diesem Jahr bereits in Jobs vermittelt worden.

Eisenblätter hat Hoffnung

Eisenblätter ist schon fast ein Jahr und vier Monate dabei. Sie kann erst einmal bis Ende Juni 2019 bleiben. „Mit ganz viel Glück bekomme ich noch eine Verlängerung“, sagt die 59-Jährige. Darauf hofft sie, denn auf dem Arbeitsmarkt bleibt das Problem mit dem Alter. „Man ist doch nur so alt, wie man sich fühlt“, findet Eisenblätter. Das Argument, dass Menschen in ihrem Alter oft krank seien, habe sie während ihrer Arbeit in der Werkstatt widerlegt. „Wenn es irgendwie geht, bin ich immer hier.“