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Lebensbilder: Manfred Beier Garage erstes Domizil nach Flucht über die Zonengrenze

Von Paul Wilhelm Glöckner | 01.12.2018, 11:32 Uhr

Mit Manfred Beier kam ein bundesweit anerkannter Fachmann für Kirchenrestaurierung aus Ganderkesee. In der Kommunalpolitik gehörte er zu den führenden Persönlichkeiten der SPD.

Über verschlungene Wege schaffte Manfred Beier den Aufstieg zu einem anerkannten Fachmann für die Restaurierung von Kirchen. Daneben war er 25 Jahre lang als SPD-Kommunalpolitiker Mitglied des Kreistages Oldenburg-Land.

Flucht bei Nacht und Nebel

Geboren wurde er in Putzig, einem winzigen Dorf an den Ufern der Netze in Ostpommern, am 4. April 1934, in einer Familie, die Nebenerwerbslandwirtschaft betrieb und in der jeder Groschen dreimal umgedreht werden musste. Dort hat er auch fünf Jahre die Volksschule besucht, bevor die Beiers Anfang 1945 vor der heranrückenden Roten Armee fliehen mussten, überrollt und zurückgeschickt wurden. Ein Jahr später gelangten sie als Vertriebene zunächst nach Sachsen. Dann wagte man die Flucht nach Westen, bei Nacht und Nebel über die Zonengrenze, zu Verwandten in Rethorn. Eine Autogarage wurde ihr erstes Domizil.

Rückkehr in die Heimat erhofft

Nach dem Schulabschluss arbeitete Manfred ein Jahr lang bei einem Bauern, als Vorbereitung auf die damals noch erhoffte Rückkehr in die Heimat. Dann sattelte er um, er wurde Lehrling bei dem Maler Sprung. Hier hat er den späteren Ganderkeseer Gemeindedirektor und Bürgermeister Gerold Sprung kennengelernt, mit dem ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verbinden sollte.

Kunststudium dank Stipendium

Schon während der Lehrzeit aber belegte er Kurse an der Kunstschule in Bremen, aus Geldmangel erreichte er diese per Fahrrad. Nach der Gesellenprüfung und einem Vorsemester wurde er mit Stipendium schließlich ordentlicher Student im Fachbereich Gestaltende Kunst, wozu die Malerei, das Goldschmieden und die Kirchenrestauration gehörten. 1958 war er damit fertig, doch Aussichten auf eine Beschäftigung gab es nicht, daher begann er eine Dekorateurlehre beim Modehaus Leffers in Delmenhorst. Da hielt es ihn aber nur 14 Tage, die Kontrolle durch die Stechuhr gefiel ihm gar nicht, wie seine Frau Heide später erzählte. Sie hatte er im gleichen Jahr kennengelernt.

Kirche in Schönemoor erster Auftrag

Was tun? Zurück an der Hochschule, absolvierte er ein Architekturstudium und fand schließlich eine Anstellung beim Architekten Jonathan Frank in Delmenhorst. 1968 erfolgte dann sein Eintritt in das renommierte Architekturbüro Angelis und Partner in Oldenburg, wo er als ersten Arbeitsauftrag die Renovation der Kirche in Schönemoor erhielt.

Bundesweit anerkannter Fachmann

Damit war sein weiterer Berufsweg vorgezeichnet, Manfred Beier entwickelte sich zu einem bundesweit gefragten Fachmann für den Wiederaufbau von Kirchen und Klöstern. Beispiele seines Wirkens sind der Wiederaufbau der St.-Georgen-Kirche in Wismar und die Sanierung des Klosters Chorin oder auch der Klosterruine in Hude. Seine Stellung innerhalb seiner Firma konnte er dadurch ausbauen, von 1982 bis 2008 war er dort als Gesellschafter führend tätig.

Wegen Brandts Ostpolitik in die SPD

Schon immer politisch interessiert, brachte Beier die Ostpolitik von Willy Brandt in die SPD. Er avancierte bald zum Vorsitzenden des Ortsvereins Ganderkesee, gelangte auch an die Spitze des SPD-Unterbezirks Oldenburg-Land und wirkte von 1976 bis 2001 im Kreistag dieser Gebietskörperschaft mit. 1974 wurde er vom Niedersächsischen Landtag in die Bundesversammlung entsandt, die Walter Scheel zum Bundespräsidenten wählte. Für diese vielfältige Arbeit im Parteiinteresse ist er später mit der Willy-Brandt-Medaille und dem Ehrenbrief ausgezeichnet worden.

Ein Leben ohne Fernsehapparat

Auch privat hat er immer auf eine glückliche Zukunft vertraut. Sein Grundstück in Bookholzberg konnte er noch als Student nur dank der großzügigen Kreditgewährung einer Bank erwerben und später bebauen. Dort war man nach der Geburt von vier Kindern schließlich zu sechst, lebte ein wenig abseits der Zeitströmung, besaß nie einen Fernsehapparat und flog auch nicht nach Mallorca. Stattdessen ging es 41 Jahre lang immer wieder auf die Hallig Langeneß, wo Manfred Beier malte.

Gerhard Schröder kondoliert der Witwe

Von einer schweren Krankheit immer mehr gezeichnet und schließlich an das Haus gefesselt, ist Manfred Beier dann am 11. Januar 2017 gestorben. In einem Kondolenzbrief an seine Witwe Heide hat der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, an dessen Parteiaufstieg Beier mitwirken konnte, den Verstorbenen als einen Freund gewürdigt, den er „kennen und schätzen gelernt (hatte), auf dessen Wort Verlass war und dem vor allem seine Heimat sehr wichtig“ gewesen ist.