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Milder Winter 2015/2016 Anzeichen für Klimawandel in Ganderkesee häufen sich

Von Thorsten Konkel | 14.12.2015, 17:38 Uhr

Ganderkesee/Landkreis Oldenburg. Eis und Schnee sind derzeit nicht in Sicht: Vor dem astronomischen Winteranfang am kommenden Dienstag, 22. Dezember, soll das Thermometer in den kommenden Tagen wieder deutlich über zehn Grad Celsius liegen. Liegt das am Klimawandel? Ja, sagen örtliche Experten in Ganderkesee.

Die Chancen auf weiße Weihnachten schwinden, und auch den örtlichen Landwirten bereitet die milde Witterung sorgen: „Wir könnten jetzt endlich eine Frostperiode gebrauchen, damit die Wintersaat in ihrem Wachstum pausiert“, sagt Rainer Bücking, stellvertretender Vorsitzender des Ganderkesee Ortslandvolks.

Kein Schnee – aber viel zu nasse Felder

Doch stattdessen litten die im Herbst mit Wintergetreide bestellten Flächen je nach Böden bereits an Staunässe aufgrund von ergiebigen Regenfällen. „Wenn die Wintersaat jetzt weiter so wächst, drohen ordentliche Verluste durch Auswinterungsschäden, sollte der Frost später doch noch einsetzen“, sagt Bücking.

Um diese Frostschäden an den dann zu weit entwickelten Pflanzen zu vermeiden, säen die Landwirte ihr Wintergetreide oder den Winterraps mittlerweile deutlich später aus als noch vor zehn Jahren, berichtet der Landwirt als ein Beispiel des sich auch in Ganderkesee ändernden Klimas. Auch mit neuen Sorten versuchen die Bauern, sich wandelnden Witterungsbedingungen anzupassen. „Das ist machbar, weil der Wandel langsam eintritt“, beruhigt Bücking.

Anzeichen für den Klimawandel

Anzeichen für den Klimawandel in der Region hat auch Dr. Klaus Handke vom Fuhrenkamp-Schutzverein festgestellt.

„Es ist eigentlich ganz untypisch für Mitte Dezember, aber Laufkäfer und Spinnen tummeln sich jetzt noch ebenso in den Gärten wie Igel“, sagt er.

Auch Vögel müsse derzeit noch niemand füttern: „Sie finden noch genügend Nahrung“, sagt er. Und sogar immer mehr Kraniche würden mittlerweile in der Region überwintern.

Allerdings würden nun auch zusehens heimische Insektenarten von den aus wärmeren Gefilden zuwandernden unter Konkurrenzdruck geraten. „Am Beispiel der Libellen sieht man das ganz deutlich“, sagt Handke. Ein Viertel aller Arten im Bremer Raum seien erst in den letzten Jahren wegen der immer milderen Winter eingewandert.“

Zitronenfalter im Januar

„Es würde mich nicht wunder, wenn wir schon im Januar erste Zitronenfalter in den Gärten fliegen sehen würden“, blickt er voraus. Dabei seien die Insekten bereits Anfang 2015 außergewöhnlich früh unterwegs gewesen – schon im Februar.

Im Wald wird es immer wärmer

Auch der Wald reagiert auf die steigenden Temperaturen : „Die Jahresmitteltemperatur für das Vegetationsjahr von Oktober bis September hat sich seit Beginn der 1990er Jahre von 8,6 Grad Celsius im Mittelwert um fast ein Grad erhöht“, zitiert Rainer Städing, Regionaler Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten, den aktuellen Waldzustandsbericht.

Bodenschäden erwartet

„Das milde Winterwetter in Verbindung mit den doch sehr zahlreichen Niederschlägen erschwert uns derzeit nicht nur die Arbeit im Wald, darunter das Vermeiden von Bodenschäden beim Rausziehen der Bäume, sondern es könnte auch zu erhöhter Sturmwurfgefahr führen, da im weichen, nassen Boden die Bäume bei Sturm weniger Halt haben als bei Frost, Schnee oder trockenerem Wetter“, sagt er. Und der späte Laubabfall habe die Forsten beim Holzeinschlag um einige Wochen zurückgeworfen, da wegen der Unfallgefahr aufgrund mangelnder Einsehbarkeit keine starken Bäume im Laub abgesägt werden dürften.

Mehr Mäuse und andere Schädlinge

Zudem sei jetzt mit verstärktem Schadfraß zu rechnen. „Zum Beispiel durch die verschiedenen Mäusearten, für die es in diesem Winter auch wieder eine Warnung gibt“, erklärt der Sprecher.

Auch grundsätzlich komme es durch die klimabedingte Zuwanderung von Schädlingen oder Erregern im Wald zu neuen Gefahren. „Der Schwammspinner dringt vor und auch bestimmte wärmeliebende Pilzerkrankungen der Waldbäume sind darunter, die wir so bisher nicht kannten“, erläutert er. Das werde sich auch so fortsetzen.

Zeckenalarm im Wald

„Für die Bürger ist wichtig, zu wissen, dass bei den aktuellen Temperaturen immer noch mit Zecken zu rechnen ist“, warnt er.

Doch es gebe nicht nur Nachteile durch den milden Winter: „Ein Vorteil für uns im Wald ist, dass wir fast den ganzen Winter über pflanzen können, solange es nicht friert oder schneit. Da wir hier im Nordwesten relativ viel –vor allem auch Buchen- pflanzen, sind wir froh, wenn die Pflanzungen im Frühjahr schon fertig sind, bevor die ersten Frühjahrstrockenheiten einsetzen“, sagt der Waldexperte. Auch für Städing ist klar: „Das mildere Wetter deutet schon auf eine Klimaerwärmung hin, wobei Wetter und Klima immer zu unterscheiden sind.