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Nach Rückbau des alten Sendemasts Sender Steinkimmen reichte fast an Eiffelturm heran

Von Dirk Hamm | 18.11.2017, 11:58 Uhr

Deutschlands höchstes Bauwerk war einmal in Steinkimmen zu finden. Der bei der Einweihung 298 Meter hohe Sendemast musste einem Nachfolger weichen.

Wenn Hans-Georg Schulz zum Briefkasten an der Einfahrt zu seinem Grundstück geht, blickt er auf das noch knapp neun Meter hohe Überbleibsel des ursprünglichen Sendemasts von Steinkimmen. Noch zu Jahresanfang ragte die mit Abspannseilen fixierte Stahlröhre bei einem Durchmesser von zwei Metern 305 Meter in den Himmel. Der vom NDR betriebene Sender war in die Jahre gekommen und entsprach nicht mehr den heutigen statischen Anforderungen, die Errichtung einer neuen Sendeanlage in Gestalt einer 285 hohen Gittermastkonstruktion war unumgänglich.

Alte Antennenspitze bleibt als Andenken erhalten

Nachdem der neue Sender im Mai dieses Jahres in unmittelbarer Nachbarschaft in Betrieb genommen worden war, erfolgte der Rückbau des Vorgängers. Seit Kurzem ist der alte, bis zur Umrüstung 1961 298 Meter hohe Mast Geschichte. Lediglich besagter „Stumpf“ und die vor der Verschrottung bewahrte alte Antennenspitze bleiben, für Spaziergänger gut sichtbar, auf dem NDR-Gelände erhalten. „Wehmut“ beschleiche ihn beim Gedanken an den alten Sendemast, sagt Hans-Georg Schulz. Das ist verständlich, schließlich hat der 86-Jährige am Bau des Fernsehturms mitgewirkt. Und seine kürzlich verstorbene Frau Emma hat 30 Jahre als Reinigungskraft beim Sender gearbeitet.

Fernsehmast wächst 1955 in den Himmel

Das Fernsehen in der jungen Bundesrepublik steckte noch in den Kinderschuhen, als der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) zur Versorgung der Nordwestregion die Errichtung des riesigen Funk- und Fernsehmasts in Auftrag gab. „Auf einer Wiese zwischen Steinkimmen und Bergedorf wächst ein gigantisches Bauwerk in den diesigen Herbsthimmel“, berichtete das dk im Oktober 1955. Weniger als ein Jahr nach Baubeginn konnte der Sender in Betrieb genommen werden.

Anfangs noch wenige „Fernsehteilnehmer“

Anfang August 1956 strahlte er erstmals das Programm des Deutschen Fernsehens – heute „Das Erste“ – aus. „Von diesem Tage an werden die Fernsehteilnehmer im weiten Umkreis auf ihren Bildschirmen ein so störungsfreies Bild sehen wie noch nie zuvor“, erweckte das dk Vorfreude bei den allerdings noch nicht sehr zahlreichen „Fernsehteilnehmern“, die sich damals ein Fernsehgerät leisten konnten.

Kölner Dom vom Fernsehturm weit überragt

Eine zeitgenössische Broschüre über den fertigen „Giganten von Steinkimmen“ stellte das damals höchste Bauwerk Deutschlands nicht ohne Stolz in eine Reihe mit anderen, weltbekannten baulichen Riesen: Fast reichte der Steinkimmer Sendemast zumindest im Hinblick auf die Höhe an den Eiffelturm heran, dessen eigentliche bauliche Struktur zu der Zeit in 300 Metern Höhe gipfelte. Der 157 Meter hohe Kölner Dom wurde weit überragt. Auch hinsichtlich der Konstruktion hatte das neue Wahrzeichen der Delmenhorster Geest Beeindruckendes zu bieten: Das circa 250 Tonnen schwere Bauwerk wurde auf einem Kugelgelenk gelagert, dessen kreisförmige Druckfläche einen Durchmesser von gerade einmal zehn Zentimetern aufwies.

Arbeit am Sendemast fand auch am Boden statt

Hans-Georg Schulz, der aus Pommern stammt und nach der Flucht 1945 in Steinkimmen eine neue Heimat fand, verrichtete seine Arbeit beim Bau des Fernsehturms nicht in schwindelnder Höhe. Das wäre auch gar nicht gegangen: Er habe Höhenangst, erzählt der Rentner. Deshalb habe er später auch nicht Hausmeister beim Sender Steinkimmen werden können: „Ich hätte auch die Birnen am Turm auswechseln müssen.“ Schulz hatte den Malerberuf erlernt, arbeitete viele Jahre im Malerbetrieb Oltmanns in Falkenburg.

Während des Intermezzos auf der Turmbaustelle in Steinkimmen war es unter anderem seine Aufgabe, die Schalen, die zu dem Röhrengiganten zusammengefügt wurden, zu streichen. Hatte er bei Oltmanns noch 30 Mark die Woche verdient, so wanderten jetzt 100 Mark in die Lohntüte, erinnert sich Schulz. Dafür musste allerdings, wenn es in der Woche wegen Nebels zu Verzögerungen kam, auch am Sonntag gearbeitet werden.