Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Offener Brief Ganderkesee: Bürgermeisterin informiert zu Flüchtlingen

Von Katja Butschbach | 09.10.2015, 15:09 Uhr

In einem offenen Brief zur Flüchtlingssituation erklärt Bürgermeisterin Alice Gerken-Klaas, dass Vereinen bei der Integration eine Schlüsselrolle zukomme.

Hier der offene Brief zu Flüchtlingen in der Gemeinde Ganderkesee im Wortlaut:

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

das Thema Flüchtlinge hält viele von uns weiter in Atem. Auch die Kommunen im Landkreis Oldenburg sind zunehmend gefordert, die neu ankommenden Menschen aufzunehmen, unterzubringen und zu betreuen. Bilder von der oft tragisch endenden Flucht übers Mittelmeer und der strapaziösen Balkanroute haben eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Dank dem engagierten Einsatz der vielen ehren- und hauptamtlichen Helferinnen und Helfer konnte die Situation in der Gemeinde Ganderkesee bislang gut gemeistert werden.

Dennoch: Die Flüchtlingskrise bleibt eine der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte, auch hier vor Ort. Seit der Einrichtung der Turnhalle am Habbrügger Weg sind mittlerweile einige Wochen ins Land gezogen. Weitere Notunterkünfte werden benötigt, die Mobilhalle im Stadion soll in der ersten Novemberhälfte ihren Betrieb aufnehmen. Aktuell leben rund 230 Asylsuchende in der Gemeinde, eine erste Zuweisungsquote ist damit erfüllt.

Laut der neuen Quote aber müssen bis spätestens Ende Januar weitere fast 200 Menschen in Ganderkesee untergebracht werden. Möglicherweise werden es noch mehr. Prognosen bezüglich der zu erwartenden Asylbewerber sind zurzeit mit Vorsicht zu betrachten.

Die Gemeinde ist verpflichtet, den vor Krieg, Terror oder auch Armut geflohenen Menschen ein Dach über den Kopf zu bieten. Gemeindeeigene Gebäude und Flächen können hier – auch angesichts des nahenden Winters – natürlich nicht ausgenommen werden. Gerüchte über angeblich geplante Unterkünfte, die leider immer wieder in den einzelnen Ortsteilen auftauchen, sind jedoch kontraproduktiv und zumeist auch völlig haltlos.

Als Bürgermeisterin weiß ich um die gewachsenen sozialen Strukturen in der Gemeinde, die es – so gut wie irgendwie möglich – zu bewahren gilt. Bislang gelingt es unserem engagierten Team im Rathaus meistens, von der Flüchtlingsunterbringung betroffenen Vereinen und Gruppen Ausweichmöglichkeiten anzubieten. Das ist auch wichtig für die Akzeptanz der Aufnahme von Flüchtlingen in der Bevölkerung insgesamt.

Daher kann selbst die vorübergehende Belegung von weiteren Turnhallen nur die allerletzte Option sein, um Flüchtlinge unterzubringen. Auch wird die Gemeindeverwaltung darauf achten müssen, dass nicht einzelne Ortsteile die Hauptlast tragen, während andere Bauerschaften kaum von der aktuellen Flüchtlingskrise betroffen sind.

Bereits seit Ende Juli – und damit deutlich eher als in den meisten anderen Kommunen – kommt im Ganderkeseer Rathaus nahezu täglich ein Krisenstab zusammen, um die aktuelle Situation rund ums Thema Flüchtlinge zu bewerten und entsprechende Schritte einzuleiten. Wenn sich die Pläne der Verwaltung umsetzen lassen und sich die bundesweite Lage zumindest einigermaßen stabilisiert, ist die Gemeinde Ganderkesee aus heutiger Sicht vergleichsweise gut aufgestellt.

„Wir schaffen das, weil wir es schaffen müssen.“ Diesen Satz habe ich Anfang September bei einer Informationsveranstaltung zur Flüchtlingssituation gesagt – und er gilt weiter. Natürlich

fragt sich der eine oder die andere, ob das alles wirklich gut gehen kann. Ob es gelingt, das Zusammenleben der einheimischen Bevölkerung mit den neu ankommenden Menschen hinzubekommen. Die Frage der Integration wird auch dann ein ganz großes Thema bleiben, wenn die derzeitige große Fluchtwelle einmal abebbt.

Mein Eindruck: Wenn Integration gelingen kann, dann hier in unserer ländlich geprägten Gemeinde Ganderkesee, in der die Strukturen noch in Ordnung sind. Gerade den vielen Vereinen, von denen einige selbst betroffen sind, kommt hierbei eine Schlüsselfunktion zu. Flüchtlinge spielen mittlerweile aktiv im Ligabetrieb Fußball, manche helfen ehrenamtlich bei der Tafel oder im Weltladen.

Fast alle wollen so schnell wie möglich die deutsche Sprache erlernen, um sich aktiv ins Vereins- aber auch ins Arbeitsleben einbringen zu können. Die Erfahrungen mit den Flüchtlingen in der Gemeinde Ganderkesee sind – ganz gleich ob sie aus Syrien, dem Irak oder Albanien stammen – bislang fast ausnahmslos positiv.

Integration ist kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Marathon. Zwei Dinge müssen zusammen-kommen: Die Bereitschaft der einheimischen Bevölkerung, sich auf die neuen Mitmenschen einzulassen und ihnen bei der Eingewöhnung zu helfen – und die Bereitschaft der neu Ankommenden, die hier geltenden Regeln zu respektieren und sich anzupassen.

Auch wenn ihn manche herbeireden wollen: Einen echten Stimmungsumschwung in der Bevölkerung kann ich zurzeit nicht erkennen. Die Hilfsbereitschaft ist nach wie vor groß. Die anfängliche Euphorie wird sicher verfliegen, und manche Mahnungen und Warnungen von eher skeptischen Bürgerinnen und Bürger werden sicher stärker Gehör finden als noch vor einigen Wochen. Wenn am Ende ein beherzter, aber zugleich auch pragmatischer Umgang mit der Flüchtlingskrise steht, ist viel gewonnen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, wie sich die Flüchtlingssituation in der Gemeinde Ganderkesee darstellt. Daher werden auch künftig Informationsveranstaltungen stattfinden, bei denen über die geplanten Schritte informiert wird. Die nächste ist für Anfang November vorgesehen.

Fragen zur ehrenamtlichen Unterstützung und zu möglichen Spenden für die Flüchtlingsarbeit beantworten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus weiterhin unter der zentralen Telefonnummer 04222 44-500. Alle Informationen sind zudem übersichtlich zusammengefasst auf der Homepage der Gemeinde unter www.ganderkesee.de zu finden.

Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung in dieser besonderen Situation.

Alice Gerken-Klaas

Bürgermeisterin der Gemeinde Ganderkesee“