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Prozess um Ganderkeseer Bewaffnetem Cannabiszüchter drohen sechs Jahre Haft

Von Ole Rosenbohm | 14.02.2019, 21:27 Uhr

Im Plädoyer forderte der Staatsanwalt sechs Jahre und drei Monate Haft für einen Ganderkeseer. Zum Verhängnis könnten dem 28-Jährigen ein Schlagstock und ein Messer werden.

„In Ganderkesee kifft jeder“, hatte ein Ermittler überspitzt im September bei einem Prozess in Delmenhorst gesagt, bei dem ein 25-Jähriger gerade noch zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, nachdem er sechs Monate lang Ganderkeseer Kiffer mit Cannabis versorgt haben und dafür 22 Mal hundert oder mehr Gramm Gras gekauft haben soll. In Oldenburg vor dem Landgericht wird jetzt gegen diesen Lieferanten verhandelt. Klar ist: Dieser hatte jede Menge Gras, baute selber an, aber: Hat er den 25-Jährigen wirklich beliefert?

Der 28 Jahre alte Angeklagte bestritt jeglichen Handel am dritten und vorletzten Verhandlungstag. Er kenne den Zeugen nur flüchtig. Es geht um viel. Die Staatsanwaltschaft will den Mann sechs Jahre und drei Monate lang im Gefängnis wissen.

Schlagstock und Messer werden zum Verhängnis

Das Problem des Angeklagten ist nicht, dass bei ihm in zwei Durchsuchungen insgesamt knapp 400 Gramm Marihuana, viele kleine und 20 mittelgroße Pflanzen sowie ein Aufzuchtszelt gefunden wurden. Es ist nicht mal der angeklagte 22-fache verbotene Handel – angebliche Übergabe wöchentlich am Bouleplatz. Würde es allein nur darum gehen, hätte der bescheiden lebende Mann ohne Vorstrafen und mit Job sicher gute Chancen auf eine Bewährungsstrafe – siehe oben.

Des Angeklagten Hauptproblem: Nahe der Drogen wurden Teleskopschlagstock und Einhandmesser gefunden – verboten. Diese Waffen können aus dem „unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“ (Mindeststrafe ein Jahr) einen bewaffneten Handel machen – Mindeststrafe fünf Jahre. Und die stellte der Staatsanwalt in seinem Schlussantrag in Rechnung.

Verteidiger Jan Sürig sieht darin ein „völliges Fehlen jeglicher Verhältnisse“. Gerade hätte er an einem Prozess teilgenommen, bei dem ein Mann wegen versuchten Totschlags kaum mehr als die Hälfte bekommen hatte. Das Cannabisverbot bezeichnete er zudem als verfassungswidrig.

Aber ohne den Handel würden auch die Waffen nicht ins Gewicht fallen, weiß auch Sürig. So konzentrierte er sich, die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen zu erschüttern. „Im Zweifel für den Angeklagten“, hielt er dem Gericht vor. Zweifel gebe es viele.

Uneinheitliche Zahl der Verkäufe

Etwa über die Zahl der Verkäufe: 24 seien es gewesen, hatte der Belastungszeuge der Polizei gesagt. Vor Gericht ging er erst auf die Hälfte runter, dann wieder auf 22 hoch. Weil ein Geständnis im Sinne der Anklage hilfreich für die Frage einer Bewährung war? In seiner Zeugenaussage jetzt vor dem Landgericht sollen es wieder nur halb so viele Ankäufe gewesen sein.

Strittig auch, wie der Belastungszeuge überhaupt auf den Angeklagten als Lieferanten kam. Derjenige, der die beiden laut des 25-Jährigen zusammengebracht haben soll, sagte am Donnerstag, er würde den 25-Jährigen gerne fragen, wie er darauf kommen würde.

Verteidigung setzt auf viele Zweifel

Mit dem Urteil am kommenden Mittwoch geht ein Prozess voller Konflikte zu Ende, der nicht nur die Strafkammer um Vorsitzende Judith Blohm in Atem hielt. Weitere Richter mussten über zwei Befangenheitsanträge gegen die Vorsitzende entscheiden (beide abgelehnt), die Kammer selber über eine Vielzahl ebenfalls abgelehnter Anträge – darunter Forderungen nach einer Untersuchung des Belastungszeugen über dessen Glaubwürdigkeit oder einem Gutachten, ob sich hundert Gramm Cannabis mit dem Pflanzenmaterial überhaupt wöchentlich produzieren lässt. Eine Stunde lang führte Sürig im Plädoyer Zweifel auf, die seiner Meinung nach zugunsten seines Mandanten gewertet werden könnten. Antrag: Freispruch für den Handel, milde Strafe für den Besitz.