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Serie: dk auf Spurensuche Geheimnisse umranken den Jugendhof Steinkimmen

Von Dirk Hamm | 04.04.2017, 08:27 Uhr

Abseits von Autobahn und Landstraße findet sich bei Steinkimmen inmitten eines kleinen Waldstücks ein Ensemble von 15 Gebäuden, locker angeordnet rund um ein stattliches Backstein-Bauernhaus mit Fachwerk-Giebel.

Seit 1952 beheimatet das 5,5 Hektar große Gelände den Jugendhof Steinkimmen mit seinen Tagungs-, Bildungs- und Kreativangeboten für Jugendliche und Erwachsene.

Auf den ersten Blick ahnt der Besucher nicht, dass ein Geheimnis das idyllische Anwesen umwittert: Während des Zweiten Weltkriegs wurde es von den Nationalsozialisten gekauft und es fanden hier sogenannte kriegswichtige Entwicklungen statt. Von Raketentreibstoffen ist die Rede, gar von einem mysteriösen U-Boot. „Früher war der Hof von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Im Wald sind davon noch zwei Pflöcke übrig geblieben“, berichtet Jugendhof-Mitarbeiter Frank Schindler.

Hof 1941 von der Reichskanzlei erworben

Ein Ingenieur namens Rudolf Engelmann habe das Haupthaus, nachdem der Hof 1941 von der Reichskanzlei erworben worden sei, für seine geheimen Experimente genutzt, so viel ist Jugendhof-Leiterin Kerstin Lehmann über die Vorgeschichte der Bildungsstätte bekannt. Aber auch ganz banale Tierhaltung habe er betrieben, davon zeugen ehemalige Stallungen. Diese sind später zu schlichten Übernachtungsmöglichkeiten umgebaut worden, heute dienen sie als Lagerräume.

Seit 2007 ist die gemeinnützige Viasol (Vereinte Integrations- und Arbeitssysteme Oldenburg-Land) GmbH Träger des Jugendhofes. Zuvor war dieser in schwieriges Fahrwasser geraten, nachdem das Land Niedersachsen die Förderung eingestellt hatte.

Vorübergehend Flüchtlinge untergebracht

Lehmann, die 2012 die Geschäftsführung übernahm, ist bemüht, auch unter erschwerten Bedingungen für eine möglichst gute Auslastung der Kapazitäten des Jugendhofes mit seinen 85 Betten zu sorgen. Denn während der Jahre 2015 und 2016 wurden die Räumlichkeiten benötigt, um rund 40 unbegleitete jugendliche Asylbewerber unterzubringen. „Wir mussten damals viele Buchungen absagen“, sagt die Geschäftsführerin. Seit September vergangenen Jahres stehen die Gästehäuser wieder zur Verfügung, doch seien Übernachtungsgäste im Gegensatz zu Besuchern, die zu Tagesseminaren anreisen, seitdem Mangelware.

Zahlreiche pädagogische Nutzungsmöglichkeiten

Dabei stehen den Kunden, etwa Firmen, die ihre Mitarbeiter bei Teambuilding-Maßnahmen enger zusammenrücken lassen oder ihre Auszubildenden in Schlüsselkompetenzen schulen möchten, zahlreiche Möglichkeiten auf dem Jugendhof offen. Da gibt es etwa einen Niedrigseilgarten für erlebnispädagogische Angebote, Räume für Theater-, Musik- und Tanzgruppen, ein Fotolabor und ein Videostudio. Inklusive Aushilfen sind 34 pädagogische und sonstige Mitarbeiter in der Einrichtung beschäftigt.

Die Arbeit mit Jugendlichen umfasst unter anderem auch die Inklusionsbegleitung in Schulen und das Projekt „Frühe Unterstützung bei Schulverweigerung“. Und an weitergehenden Plänen wird gearbeitet, kündigt die Jugendhof-Leiterin an: „Wir sind dabei, als stationäre Jugendhilfeeinrichtung ein zusätzliches Standbein aufzubauen.“

Jugendhof Steinkimmen 1952 eröffnet

In diesem Jahr kann der Jugendhof Steinkimmen auf sein 65-jähriges Bestehen zurückblicken. 1951 war die in den Kriegsjahren so geheimnisvolle Immobilie vom Landesfürsorgeverband Oldenburg erworben worden. Der Hof sollte fortan der Erziehung der Jugend im Sinne der Demokratie dienen. In den Aufbau der Jugendbildungsstätte flossen dazu auch Mittel der amerikanischen McCloy-Stiftung. 1952 wurde der in den folgenden Jahrzehnten mehrfach erweiterte Jugendhof feierlich eröffnet.

Hakenkreuze nach dem Krieg abgedeckt

Eine Spur der unseligen Zeit bis 1945 existiert noch heute, ist jedoch von außen nicht sichtbar. In zwei Scharten am Giebel des Haupthauses prangten einst Hakenkreuze. Eine alte Fotografie, die im Anmeldebereich an der Wand hängt, dokumentiert den missglückten Versuch, dieses Symbol nach dem Krieg zu entfernen. Das Problem wurde gelöst, indem zwei Metallplatten die NS-Symbole heute abdecken.