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Sonnenwendfeier auf Freilichtbühne In Bookholzberg einst Kult um die lodernde Flamme

Von Dirk Hamm | 18.06.2016, 13:00 Uhr

Die Freilichtbühne „Stedingsehre“ war 1939 Schauplatz einer groß inszenierten Sonnenwendfeier. Die Nazis instrumentalisierten den alten germanischen Brauch.

Ein Höhenfeuerwerk beendete am Abend des 17. Juni 1939 ein eindrucksvolles Spektakel auf der Freilichtbühne „Stedingsehre“ auf dem Bookholzberg. Das Spieldorf war samt Tribünen auf Veranlassung der Nationalsozialisten errichtet worden, um das Historienschauspiel „De Stedinge“ von August Hinrichs aufzuführen. Doch die NSDAP hatte mit der 1935 eingeweihten Kultstätte mehr im Sinn: Sie sollte auch als Ort für Massenkundgebungen dienen, außerdem war die Errichtung eines Schulungszentrums der Partei geplant.

Initiator war Reichsleiter Alfred Rosenberg

Am Samstag, 17. Juni 1939, wurde die „Stedingsehre“ Schauplatz der ersten und größten Sonnenwendfeier auf dem Bookholzberg. Initiator war der Chefideologe der NSDAP, Reichsleiter Alfred Rosenberg. „Die Sonnenwendfeier wurde als Großereignis hochstilisiert im Sinne des Germanentums, des Bauerntums und der Blut- und Boden-Ideologie, verbunden mit der ‚arischen Rasse’. Die Nazis stuften nämlich die Germanen als reinrassiges Bauernvolk ein nach dem Credo: ‚Nationalsozialismus ist volks- und erdverbunden‘“, erläutert Rudolf Klimek vom Arbeitskreis Stedingsehre die propagandistischen Hintergründe der groß aufgezogenen Feier.

Massenchor mit 5000 Sängern

Der Aufwand, den die Organisatoren betrieben, entsprach dem Gigantismus, den nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen kennzeichneten. So sah die Programmfolge nach dem Eintreffen von Gauleiter Carl Röver und Alfred Rosenberg den Auftritt eines Massenchors mit 5000 Sängern und Sängerinnen aus Partei, Jugendformationen, Wehrmacht und Arbeitsdienst vor, dazu ein riesiges Orchester aus zehn Musikzügen sowie 200 Fanfarenbläser des Jungvolks. Nach der Rede von Rosenberg intonierten die 5000 mehrere Feuerlieder aus dem Chorwerk „Sonnenwendfeier“ von Erich Lauer.

Kruder Feuerkult von NS-Führung instrumentalisiert

Der NS-Ideologe und der Gauleiter schritten zum aufgeschichteten Holzstoß, um das große Feuer zu entzünden. Vor dem Hintergrund der lodernden Flammen trugen mehrere Sprecher als Vertreter verschiedener Regionen und Berufe Feuersprüche vor, die die Kraft des Feuers beschworen.

Mit dieser aus heutiger Sicht verstörenden Inszenierung wurde germanisches Brauchtum instrumentalisiert, um mit einem kruden Feuerkult das Band zwischen der „Volksgemeinschaft“ der „Arier“ und ihrem Führer Adolf Hitler sowie der Partei zu zementieren.

„Das Schlechte sollte in den Flammen verbrennen“

Nicht anders ist die Lagerfeuersymbolik in Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel einzuordnen, erklärt Rudolf Klimek: „Andachtsvoll am knisternden Feuer und mit begleitenden Sprechchören sollte das Schlechte und Negative in den Funken sprühenden Flammen verbrennen. Die NS-Schulliteratur sorgte mit wulstigen Texten und visuellen Darstellungen dafür, dass sich die Ideologie in die Kinderherzen einschmeichelte.“

50000 Besucher strömten an diesem Tag zur „Stedingsehre“, wie die Presse berichtete. Eine Zahl, die Rudolf Klimek anzweifelt: „Diese Besucherzahl ist als unrealistisch zu betrachten, da die Örtlichkeit im Bereich der Bühne nicht den erforderlichen Raum bietet.“