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Sonntagspredigt in Hude Biblischer Blick auf gnadenlose Wegwerfgesellschaft

Von Dirk Hamm | 04.02.2019, 08:32 Uhr

In seiner Predigt im Sonntagsgottesdienst hat der Huder Pastor Reiner Backenköhler scharfe Kritik an der Wegwerfgesellschaft geübt.

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Eine banale Erkenntnis. Aber dürfen wir Lebensmittel einfach so achtlos wegwerfen? Und ist es gerechtfertigt, weggeworfene Nahrungsmittel aus einem Müllcontainer zu stehlen?

Diesen Fragen hat sich der Huder Pastor Reiner Backenköhler gestern Morgen im Sonntagsgottesdienst in der St.-Elisabeth-Kirche aus biblischer Perspektive genähert. Und zugleich mit einer ganz lebensnahen Herangehensweise: Ein Brötchen in der einen Hand, ein Handy in der anderen, so stieg der Pastor auf die Kanzel. Beiden sei gemeinsam, dass ihre Lebensdauer überschritten ist. Das Brötchen sei am Vortag gekauft worden und das Handy schon nach viereinhalb Jahren hoffnungslos veraltet, so gut es auch noch funktioniere.

Mit Jugendlichen per WhatsApp diskutiert

Dann berichtete der Pastor von einem Vorfall in Bayern, der ihn zu seiner gestrigen Predigt inspiriert habe: Zwei Studentinnen haben, um ein Zeichen gegen die alltägliche Lebensmittelverschwendung zu setzen, in Olching den zugesperrten Müllcontainer eines Supermarktes aufgebrochen und daraus Lebensmittel im Wert von 100 Euro entwendet. Wegen gemeinsam begangenen Diebstahls wurden sie zur Ableistung von je acht Stunden gemeinnütziger Arbeit in einer Tafel verurteilt.

Was denken junge Menschen darüber? Das wollte Reiner Backenköhler wissen und regte in einer WhatsApp-Gruppe, in der er mit rund 40 Jugendlichen aus der Gemeinde verbunden ist, eine Diskussion an. „Ich war begeistert über die Ernsthaftigkeit der Beiträge“, sagte der Pastor auf der Kanzel. Etwa wenn ein Jugendlicher erkläre, das Wort „Lebensmittel“ stehe für Lebensgrundlagen, mit denen man nicht wie mit jedem beliebigen Gegenstand umgehen könne. Alle hätten Verständnis für die beiden Frauen gezeigt, es sei aber auch der Hinweis gekommen, dass es nicht rechtens sei, private Abfalltonnen zu durchwühlen.

Was Paulus über den Überfluss sagt

Jetzt brachte Backenköhler die Bibel ins Spiel, mit dem gestrigen Predigttext, einem Auszug aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther. Darin kritisierte der Apostel die Sitte unter den Christen in Korinth, dass die Wohlhabenden beim damals noch wörtlich zu nehmenden Abendmahl in der Gemeinde Lebensmittel im Überfluss konsumierten und die Armen erst später dazukommen durften.

Paulus spreche von der Gnade Gottes, alles, was die Gemeinde zur Verfügung habe, komme aus dieser Gnade, erläuterte der Pastor. Wo die Menschen sich voneinander abgrenzen nach Arm und Reich, seien sie im wahrsten Sinne „gnadenlos“. Lebensmittel wegwerfen statt mit anderen teilen, darin zeige sich ein „gnadenloser Umgang mit den Geschenken Gottes“. „Gnade heißt, die Welt als Geschenk wahrzunehmen, nicht als Müll“, predigte Backenköhler.

Gedanken über die göttliche Gnade

Gnade bedeute aber auch, nicht mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen, fand er einerseits kritische Worte für die Aktion der Studentinnen. Dennoch dürfe man nicht schweigen angesichts einer gnadenlosen Welt, sondern müsse die Hand zum Gespräch reichen: „Die beiden Frauen haben ein Zeichen gesetzt, ohne das wir heute nicht über den Umgang mit Lebensmitteln sprechen würden.“

Das Brötchen werde gegessen, sagte Backenköhler, und das Handy werde er dorthin bringen, wo seine Rohstoffe verwertet werden.