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Über Libyen nach Deutschland Eritreer in Hude malt seine Flucht auf Leinwand

Von Alexander Schnackenburg | 24.10.2015, 09:14 Uhr

Ein ehemaliger Busfahrer aus Eritrea hat seine Flucht nach Deutschland in Ölbildern dokumentiert. Er zählt zu einer 20-köpfigen Gruppe, die in Deutschland auf eine Perspektive hofft.

Die Überfahrt von Tunesien nach Italien ist Zere haften geblieben. Er hat sie sogar in Öl auf Leinwand gemalt, jene knapp zweitägige Flucht über das Mittelmeer mit rund 200 Personen in einem kaum mehr als zehn Meter langen hölzernen Boot ohne Dach.

Seit knapp einem halben Jahr in Hude und Umgebung

Doch so unwirklich dem Betrachter das Bild der vor Menschen überquellenden „Nussschale“ auf hoher See erscheinen mag, diese Überfahrt, an deren Ende eine italienische Patrouille die Insassen an Bord nahm, war bei Weitem nicht das Schlimmste, was ihm während seiner Reise aus Eritrea nach Deutschland widerfahren sei, berichtet Zere. Der 44-jährige passionierte Maler zählt zu einer 20-köpfigen Gruppe aus Eritrea, die seit knapp einem halben Jahr in Hude und Umgebung lebt und die sich großteils der katholischen Gemeinde Hude angeschlossen hat.

Bei Kirchweihfest Bilder verkauft

Dort ist man auf den Maler aus der Ferne spätestens am 13. September aufmerksam geworden, als die Gemeinde das Kirchweihfest feierte. Denn dort hat Zere 14 seiner Bilder von der Flucht sowie der verlassenen Heimat verkauft. Zwar erzählen einige Gemälde von Korruption, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, doch finden sich auch solche von einer blühenden Landschaft unter seinen Bildern. Zere, den die anderen Flüchtlinge in Hude „Computer“ nennen, hat sein Heimatland geliebt. Ein friedvolles Leben aber sei in Eritrea nicht möglich, konstatiert er. Das Militär gebe den Ton an.

Zwangsweise als Soldat gearbeitet

Auch er, von Haus aus Busfahrer, habe zuletzt zwangsweise als Soldat arbeiten müssen, wie so viele seiner Landsleute. Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemein Sonntagszeitung verrichten derzeit rund 250.000 Frauen und Männer den Militärdienst in dem gut Sechs-Millionen-Einwohner-Land an der Grenze zu Äthiopien, das Diktator Isayas Afewerki seit fast 25 Jahren regiert und aus welchem allein im vorigen Jahr etwa 360000 Menschen geflohen sind: aus Angst vor Willkür, Folter und aus Mangel an Perspektiven.

Zu Fuß Sudan und Libyen durchquert

Eben diese Perspektivlosigkeit hat auch Zere zur Flucht aus Eritrea bewogen. Über eineinhalb Jahre habe er, großenteils zu Fuß, in unterschiedlichen Gruppen den Sudan und Libyen durchquert, ehe er schließlich nach Tunesien gelangt sei. Von dort aus habe ihn eine Schlepperbande nach Italien „überführt“.

Schnell die deutsche Sprache lernen

Jetzt möchte Zere möglichst schnell die deutsche Sprache lernen, die er derzeit nur fragmentarisch beherrscht. Er wartet zurzeit auf einen Platz in einem Integrationskurs. Vielleicht, sagt Zere, könne er ja auch in Deutschland bald als Busfahrer arbeiten – oder in einer anderen Funktion. „Irgendetwas“ wolle er machen, sagt er, Hauptsache, er gewinne eine Perspektive.

In Hude gut aufgenommen

Das Malen helfe ihm dabei, den Kopf aufrecht zu halten, das Geschehene zu verarbeiten und neue Pläne zu schmieden. Im Übrigen fühle er sich in Hude gut aufgenommen. Insbesondere Mechthild Karrasch aus der katholischen Gemeinde, die sich viel um Flüchtlinge kümmere, sei wie eine Mutter zu ihm. Ungemein dankbar sei er auch über die Leinwände und die Farben, mit denen er arbeite, und die ihm eine Delmenhorsterin gespendet habe. Diese Spenden möchte Zere auch künftig nutzen, um den Menschen in Deutschland von seiner einstigen Heimat und von der Flucht zu berichten: „Alle sollen wissen, was auf der Welt passiert“, sagt er dazu.