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Unfälle provoziert Ganderkeseer "Autocrasher" droht Gefängnis

Von Ole Rosenbohm | 17.09.2019, 11:43 Uhr

17 vorsätzlich herbeigeführte Unfälle listet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift gegen ein Ganderkeseer Ehepaar auf. Sie wollten an dem Geld der Versicherungen verdienen.

Das Terrain für ihre Taten, wirft die Staatsanwaltschaft dem Ehepaar aus Ganderkesee (mit dem Mann am Steuer) vor, waren mehrspurige Straßen. Die Masche: Wollte ein Fahrzeugführer im parallel laufendem Verkehr vor den 30-Jährigen auf dessen Spur wechseln, bremste der nicht etwa ab, sondern beschleunigte aus dem toten Winkel heraus und ließ es so zum Zusammenstoß kommen.

Der Unfallgegner war der Dumme, wurde als Verursacher ausgemacht, denn offiziell Vorfahrt besitzt ja der geradeaus Fahrende. Der 30-Jährige und seine oft neben ihm sitzende und dann als Zeugin aussagende Ehefrau, die damalige Halterin diverser Tat-Fahrzeuge, kassierten von den Versicherungen – und machten dabei auch noch Vorschäden aus früheren Zusammenstößen geltend.

17 solcher vorsätzlichen Unfälle listet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift auf. Sie hat das Paar unter anderem wegen vorsätzlicher Herbeiführung von Unfällen und Versicherungsbetrugs angeklagt. Die Zusammenstöße sollen auf der A1 bei Oyten, auf der B75 Richtung Bremen, in Stuhr und mehrfach in Delmenhorst provoziert worden sein: auf dem Hasporter Damm, der Syker Straße, der Louisenstraße, der Friedrich-Ebert-Allee. Tatzeitraum bereits Januar bis November 2013.

Das Paar hat 13 Mal bei Versicherungen abkassiert

13 Mal hat das Paar damals kassiert, dann wurde eine erste Versicherung misstrauisch. 2015 kam es zur Anklage, erst am Montag vor dem Amtsgericht Delmenhorst zum ersten Prozesstag.

Weit kam das Schöffengericht allerdings nicht. Denn Ziel des Vorsitzenden Richters war es zunächst, auszuloten, ob sich der drohend lange Prozess – für jeden einzelnen Unfall müssten Zeugen und Gutachter aussagen – verkürzen lassen könnte. Verkürzt werden kann aber nur, wenn sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung über das Strafmaß verständigen und die Angeklagten im Gegenzug umfassend aussagen. Diese Einigung kam nicht zustande. Die Staatsanwältin will den (vorbestraften) männlichen Angeklagten – Stand jetzt – mindestens drei Jahre hinter Gitter wissen, die Verteidigung ist auf eine Bewährungsstrafe aus.

Noch ist ein Deal möglich

Aber noch ist ein „Deal“ möglich, wenn der Prozess in Wochen oder sogar Monaten neu aufgenommen wird. Spätestens zu diesem Termin müssen Fragen geklärt werden: Können Gericht und Staatsanwaltschaft (das umfassendes Geständnis im Sinne der Anklage vorausgesetzt) einer Art Bonus zustimmen, weil die Taten ja schon geschlagene sechs Jahre zurückliegen? Und: Unterliegt die Mittäterschaft der Ehefrau dem Jugendstrafrecht, da sie zum Zeitpunkt der Fake-Unfälle noch unter 21 Jahre alt und damit eine Heranwachsende war?

Jeder zehnte Schadensfall gilt als „dubios“

Außergewöhnlich ist die Masche vorsätzlich herbeigeführter Unfälle übrigens nicht. Der Gesamtverband deutscher Versicherer (GDV) geht nach eigenen Angaben davon aus, dass rund zehn Prozent aller angezeigten Kfz-Schadensfälle unter die Kategorie „Dubios-Schäden“ fallen. Laut einer GDV-Sprecherin entsteht den deutschen Versicherern dadurch ein jährlicher Schaden von rund zwei Milliarden Euro. Zu den „Dubios-Schäden“ gehören auch die Fake-Unfälle sogenannter „Autocrasher“ oder „Autobumser“.