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Unverständnis bei Mitschülern Drei Bookholzberger Oberschüler vor Abschiebung

Von Thomas Breuer | 11.02.2016, 17:13 Uhr

Eine seit Anfang Mai 2015 in der Gemeinde Ganderkesee lebende Familie aus dem Kosovo soll zurück in ihre inzwischen offiziell als sicher geltende Heimat. Dies löst an der Oberschule an der Ellerbäke in Bookholzberg großes Unverständnis aus.

Der Fall ist klar, und trotzdem löst er Bestürzung und Unverständnis aus. Die drei jungen Kosovaren Eltion (13), Eduard (15) und Diartnis (17) sollen mit ihren Eltern und einem weiteren Bruder zurück nach Priština – dorthin, woher sie vor etwas mehr als einem Jahr nach Deutschland gekommen sind, bevor es Anfang Mai nach Ganderkesee ging. Das Bundesamt für Migration hat den Asylantrag der Familie abgelehnt, seit Mitte Oktober gilt der Kosovo rechtlich als sicheres Herkunftsland. Und dennoch: Für die drei Jungen ist die bevorstehende Rückkehr ein neuer Einschnitt in ihrem Leben, den ihre Mitschüler an der Oberschule an der Ellerbäke nur schwer nachvollziehen wollen.

In 90 Minuten schon 200 Unterschriften gesammelt

Binnen 90 Minuten haben sie am Donnerstag in der Schule mehr als 200 Unterschriften für den Verbleib der Familie in Deutschland gesammelt. Zusammen mit möglichst vielen weiteren sollen diese schnell der Bürgermeisterin übergeben werden, möglicherweise auch dem Ministerpräsidenten. Die Argumentationslinie ist klar: Die drei aus dem Kosovo stammenden Oberschüler seien bestens integriert, auch in ihrer Freizeit über die Fußballsparte beim VfL Stenum, und hätten schnell Deutsch gelernt. „Wenn man dann einfach weg muss, das ist doch scheiße“, sagt ein Mitschüler. Wenigstens ihren Schulabschluss sollen die drei Brüder in Deutschland machen dürfen.

Abschiebung mit Hindernissen

Was die Mädchen und Jungen und auch die Lehrerschaft ratlos zurücklässt, ist der bisherige Ablauf der Abschiebung. Am Mittwoch um 6.30 Uhr, berichtet Eduard, hätten vier Beamte, davon zwei in Uniform, vor der Tür ihrer gemeindeeigenen Wohnung in Schierbrok gestanden. Binnen drei Stunden sollte alles gepackt und fertig für die Abreise sein. So kam es auch, doch als der von den Behörden eingesetzte Bus gerade in Richtung Flughafen Hannover unterwegs war, stoppte er auch schon wieder. „Im Flugzeug ist kein Platz mehr“, habe es geheißen. Die Familie wurde zurück in ihre Wohnung gebracht, sie soll sich dort nun in den nächsten zwei bis drei Wochen für die Abschiebung bereithalten.

Eltion darf nicht mehr mit auf Klassenfahrt

„Wir dürfen nicht bleiben, und das ist für mich nicht gut“, sagt Eduard. „Wir sind alle sehr traurig.“ Eine Traurigkeit, die sich, gepaart mit dem Gefühl, dass man etwas tun muss, auch über die Oberschule gelegt hat. Das Schicksal der Jungen nimmt breiten Raum ein. Am Freitagmorgen soll in einer Schülervollversammlung grundsätzlich über Asyl- und Bleiberecht informiert werden.

„Wenn man etwas von Abschiebungen in den Nachrichten hört, denkt man nicht weiter darüber nach“, sagt Luca. Jetzt, mit Eltion, Eduard und Diartnis vor Augen, sei das ganz anders. In der 8c etwa sind sie fassungslos, das ihr Mitschüler Eltion nicht mit darf auf die in Kürze beginnende Klassenfahrt. „Er darf den Landkreis nicht mehr verlassen“, erklärt Bennet, „dabei ist er unser Freund.“ Ein Lehrstück deutscher Demokratie, das sich so auf keinem Unterrichtsplan findet.

Ereignisse des Kosovokrieges wirken nach

Abschiedsstimmung, gepaart mit etwas Hoffnung, macht sich breit an der Oberschule. Sollte es mit dem Verbleib nicht klappen, sollen Eltion, Eduard und Diartnis wenigstens ordentlich verabschiedet werden. In Priština, berichtet Eduard, würde man wohl erst einmal im Hause der Großeltern unterkommen können. Seine Mutter leide bis heute unter dem, was sie im Kosovokrieg mit ansehen musste, und das eigene Haus sei damals zerstört worden.

Die Aufforderung zur Ausreise hat die Familie laut Gemeinde Ganderkesee bereits Mitte Januar bekommen. Weil sie ihr nicht nachkam, sei die Abschiebung die logische Folge. Im Februar sind nach den Worten des zuständigen Fachdienstleiters Christian Badberg bereits zwei albanische Familien mit insgesamt neun Personen abgeschoben worden.

Warum am Mittwoch kein Platz mehr im Flugzeug war, konnte auch die Kreisverwaltung am Donnerstag nicht beantworten. Sprecher Oliver Galeotti erklärte nach Rücksprache mit der Ausländerbehörde, das Flugzeug in Hannover sei zu 50 Prozent überbucht gewesen. „Das ist ein Fehler, der sollte nicht passieren“, sagt er. „Aber so etwas ist nie ganz auszuschließen.“