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Verein nutzt Jugendhof erstmals Diagnose Hochbegabt: Familien tagen in Ganderkesee

Von Sonia Voigt | 17.03.2015, 22:27 Uhr

Ein Kind, das sich mit vier Jahren das Lesen beibringt, beeindruckt –aber fordert auch heraus. Ein neues Angebot in Steinkimmen vermittelt Familien Wissen und Kontakte.

Hochbegabt sein ist ein Geschenk, aber eines, das für Kinder und ihre Familien nicht ohne Herausforderungen zu haben ist. Diesen Eindruck erhält, wer sich mit Manuela Pohlemann, stellvertretende Vorsitzende der Aktion Hochbegabtes Kind, unterhält. Der im Jahr 2000 gegründete Interessenverein begleitet rund 130 Familien mit über 200 Kindern und Jugendlichen aus Bremen und dem niedersächsischen Umland. Am Wochenende hat er seinen ersten Familientag mit 54 Teilnehmern im Jugendhof Steinkimmen erfolgreich gemeistert, ein weiterer soll am 6. Juni folgen.

Familientag bündelt Kinderprogramm und Elternvortrag

Während der Verein bisher Angebote für die Kinder von Vorträgen für die Eltern trennte, bündeln die Familientage nun beides. „Mit dem Kinderprogramm bei unserem ersten Familientag waren wir absolut zufrieden“, sagt Pohlemann und lobt das naturnahe, „tolle Umfeld“ rund um den Jugendhof. Die 21 Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren kletterten im Niedrigseilgarten des Jugendhofs und nutzten die erlebnis- und naturpädagogischen Angebote rege.

Hochbegabte fühlen sich in Kita und Schule teilweise fehl am Platz

„Die Kinder zueinander zu bringen ist unser Hauptziel“, bekräftigte Pohlemann, die seit mehreren Jahren im Verein und seit eineinhalb Jahren im Vorstand aktiv ist. Viele von ihnen machten durch ihre Hochbegabung schon im Kindergarten oder in der Grundschule die Erfahrung: „Ich passe hier nicht rein.“ Sie treffen bei den Angeboten des Vereins auf Kinder, die kognitiv ähnlich weit sind, und können Freunde finden, gemeinsam Dinge erleben und so ihr Selbstvertrauen stärken.

Langeweile kann zu Verweigerung führen

Kinder, die sich schon mit vier Jahren selbst das Lesen beibringen seien, spätestens wenn sie selbst „die Großen“ im Kindergarten sind, leicht unterfordert und gelangweilt. „Das kann dazu führen, dass sie sich verweigern und stören“, erklärt Pohlemann. Es gebe allerdings auch viele hochbegabte Kinder, die sich anpassen und gut klarkommen. Die Hochbegabung falle oft erst auf, wenn das nicht gelinge und Eltern und Pädagogen auf Ursachensuche gehen.

Anstrengende Diskussionen im Familienalltag

Für die Eltern bedeute dies schon früh häufige und intensive Diskussionen mit dem Nachwuchs. Mit einem Achtjährigen müsse man zum Teil schon pubertäre Probleme ausfechten. „Es ist oft wesentlich schwieriger, sie mit klaren Regeln zu überzeugen, weil alles hinterfragt wird“, beschreibt die stellvertretende Vereinsvorsitzende den Familienalltag.

Daher sind das Kennenlernen anderer Betroffener und der Austausch nicht nur für die Kleinen, sondern auch für die Großen ein wichtiger Bestandteil der Vereinsangebote. Aber auch die Wissensvermittlung soll bei den Familientagen nicht zu kurz kommen. Während am Samstag Heilpädagogin Renate Bleßmann einen Workshop zum Thema „Hilflosigkeit – ist das nötig?“ anbot, will der Vereinsvorstand für den nächsten Familientag wieder einen Referenten zum Thema Hochbegabung gewinnen. Bis dahin sollen auch organisatorische Probleme, die beim ersten Gastspiel im Jugendhof auftraten, behoben sein.