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Viele Verletzte durch Chlorgas Menschliches Versagen löst Chemie-Unfall in Ganderkesee aus

Von Thorsten Konkel | 01.04.2015, 08:42 Uhr

Bei einem Chemieunfall in einem metallverarbeitenden Betrieb in Ganderkesee sind in der Nacht zum Mittwoch 16 Menschen durch Chlorgasaustritt verletzt worden, einer davon schwer. Ersten Ermittlungen der Gewerbeaufsicht zufolge ist menschliches Versagen der Grund für die Giftgaswolke.

An der Handelsstraße im Ganderkeseer Gewerbegebiet kam es am späten Dienstagabend in einem Betrieb für Metallveredelung zu einem Chemieunfall. Die Folge – ein Gefahrgut-Großeinsatz und ein Massenanfall an Verletzten (MANV). Nach den zahlreichen Einsätzen am Dienstag tagsüber durch das Sturmtief „Niklas“ bedeutete dies einen weiteren Großalarm für die örtlichen Feuerwehren.

Großeinsatz ausgelöst

Nachdem zunächst am Dienstagabend um 23.13 Uhr lediglich der Rettungsdienst wegen eines Arbeitsunfalls auf das Gelände der Schmalriede-Zink GmbH & Co. KG an die Handelsstraße gerufen wurde, erkannten die Helfer die Lage vor Ort sofort und lösten umgehend Großalarm aus.

Chemikalien reagieren zu Chlorgas

„Bei Arbeiten waren in der Werkshalle versehentlich Chemikalien zusammengekommen, dadurch war Chlorgas entstanden, diese chemische Reaktion führte zu einer giftigen Chlorgaswolke“, berichtet der Einsatzleiter, Ganderkesees Gemeindebrandmeister Horst-Dieter Meyer. Das bestätigte am Mittwochmittag eine Firmensprecherin. Der Unfall sei durch falschen Umgang mit Chemikalien passiert, erklärte Daniela Onken. Ein Mitarbeiter habe zum Säubern vorgesehenes Natriumhypochlorid in ein Becken mit Salzsäure gegossen, so sei es zur chemischen Reaktion gekommen.

20 Mitarbeiter der Nachtschicht waren während der Freisetzung des Chlorgases anwesend.

Gefahrgutzug des Landkreises rückt aus

Einsatzleiter Meyer zog vor Ort neben der Ortsfeuerwehr Ganderkesee auch den von Ganderkeseer und Bergedorfer Einheiten gebildeten Gefahrgutzug des Landkreises und den Kreis-Fernmeldezug zusammen. Die Helfer rückten in einer Stärke von mehr als 50 Mann an.

Leitender Notarzt versorgt Opfer

Auch die Retter des Deutschen Roten Kreuzes rückten umgehend mit einem Großaufgebot an. „Eine Person, die dem Stoff am nächsten war, wurde durch das Chlorgas schwer verletzt und sofort ins Krankenhaus gebracht“, berichtet der Leitende Notarzt (LNA) Dr. Stefan Heimann aus Ganderkesee. Er war mit weiteren Notfallmedizinern ebenso vor Ort wie die DRK-Schnelleinsatzgruppen Hude und Ganderkesee sowie diverse Rettungswagen aus dem ganzen Umland. Das Großaufgebot von mehr als 30 Rettungskräften kümmerte sich um die Verletzten, die zur Erstversorgung in eine neben der Einsatzstelle liegende Halle auf dem Betriebsgelände gebracht wurden.

Die 20 Mitarbeiter der Nachtschicht mussten gesichtet und Betroffene auf Krankenhäuser in Bremen, Oldenburg und Delmenhorst verteilt werden. „Eine Schwierigkeit bestand darin, die vielen glücklicherweise nicht so schwer von den Atemwegsverletzungen betroffenen Mitarbeiter auf die Krankenhäuser zu verteilen“, sagt Dr. Heimann.

Den Verletzten geht es schon besser

Laut des Leitenden Notarztes müssen auch die leicht verletzten Patienten 24 Stunden im Krankenhaus überwacht werden. Nach Firmenangaben meldete sich einer der Betroffenen bereits am Mittwochmittag wieder zurück. „Die übrigen werden noch heute entlassen, auch der Schwerverletzte soll nach unseren Erkenntnissen bereits heute wieder von der Intensivstation auf die normale Station verlegt werden“, sagte die Sprecherin.

Keine Gefahr für Anwohner

Eine Gefahr für Anwohner bestand laut Gemeindebrandmeister Meyer nicht. „Die Hallentore waren von den Mitarbeitern zum Lüften geöffnet worden, die Chlorgaswolke trat zwar nach außen aus, wurde aber durch das Wasser des starken Regens sofort niedergeschlagen“, erklärt Meyer.

Unterm Strich sei der Einsatz für die Feuerwehren zwar „anspruchsvoll, aber glücklicherweise nicht so gefährlich wie zunächst befürchtet gewesen“, betont der Gemeindebrandmeister. „Unsere Aufgabe war es, während des Einsatzes Gefahrstoff-Messungen vorzunehmen. Wir mussten selbst keine Gefahrstoffe binden oder beseitigen“, stellt der Einsatzleiter fest.

Glimpflicher Ausgang

Auch der Leitende Notarzt Dr. Stefan Heimann spricht von einem glimpflichen Ausgang: „ Der Schwerverletzte wurde sofort versorgt und ins Krankenhaus gebracht, auch die leichter Verletzten wurde umgehend versorgt“, betont er. Erst gegen 1.40 Uhr war dieser Großeinsatz beendet.

Behörden nehmen noch in der Nacht Ermittlungen auf

Noch in der Nacht zum Mittwoch hatte das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt mit Sitz in Oldenburg Überprüfungen vorgenommen und diese am Mittwochvormittag fortgesetzt. Behördenleiter Uwe Rottmann gab am Mittwochnachmittag erste Ergebnisse bekannt: „Das Vier-Augen-Prinzinzip“ hat“ bei der Befüllung versagt“, erklärte er. Organisatorisch sei eigentlich vorgesehen, die Befüllung des Beizbades erst nach Freigabe durch den Schichtleiter vorzunehmen, betonte er und kündigte an, dass die Behörde derzeit die Hintergründe für die Fehlhandlung prüfe. Auch die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Ganderkesees Erster Gemeinderat Rainer Lange betonte, dass das Rathaus intensive Aufklärung des Vorfalls einfordern werde. „Wir sind gegenüber den Bürgern und dem Gemeinderat verpflichtet“, beteuerte er. Rechtlich habe die Gemeinde aber nur wenig auszurichten. „Seitens des Bau- und Gewerberechts stehen wir in der zweiten Reihe, dafür ist der Landkreis zuständig“, sagte er. Nur für sogenannte indirekte Einleiterkontrollen des Abwassers sei die Gemeinde zuständig. „Und das wird monatlich kontrolliert“, sagte Lange.Politik drängt auf Aufklärung

Unterdessen drängt auch die örtliche Politik auf Informationen: In dem im Namen aller im Rat vertretenen Fraktionen und Gruppierungen gestellten Antrag fordert Arnold Hansen (Freie Wähler) Aufklärung über die Ursache, und er fragt nach, ob es gesetzliche Vorgaben für Notfallpläne gibt, ob sie vorhanden sind und wer sie kennt.

Betrieb wird wieder aufgenommen

„Wir konnten bereits zwei Anlagen wieder anlaufen lassen, der Vollbetrieb ist für morgen vorgesehen“, blickte die Firmensprecherin am Mittwochmittag voraus.

 Weiterlesen: Stellungnahme des Betriebes Schmalriede-Zink GmbH & Co. KG im Wortlaut