Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Volkstrauertag in Ganderkesee „Wehrhaft zu Menschen stehen, die zu uns kommen“

Von Reiner Haase | 15.11.2015, 17:29 Uhr

Bürgermeisterin Gerken-Klaas und Polizeidirektor Stilke betonen am Volkstrauertag die Aktualität des Erinnerns. Sie mahnen Solidarität und Vertrauen an.

An 13 Denkmälern in der Gemeinde Ganderkesee haben am Volkstrauertag die örtlichen Vereine der Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibung gedacht. In einer vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ausgerichteten Feierstunde im Rathaus rief Bürgermeisterin Alice Gerken-Klaas in Erinnerung, dass sich zahllose Menschen der Gewalt und der Lebensgefahr nur durch Flucht entziehen können. Sie warnte davor, die offenbar von islamistischen Terroristen verübten Anschläge in Paris mit dem Thema Flüchtlinge zu vermengen. „Aber für beides gilt: Lösungswege können nur in Solidarität aufgezeigt werden“, so Gerken-Klaas.

Feierstunde mit Musik

Der Feierstunde im Rathaus und dem Niederlegen von Kränzen am Ehrenmal an der Mühlenstraße und auf den Soldatengräbern auf dem Kirchhof gab der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr den musikalischen Rahmen. Dem Leitenden Polizeidirektor Jörn Stilke dankte die Bürgermeisterin im Rathaus für eine sehr persönlich gehaltene Ansprache.

Persönliche Rede

Ein schlichtes Grab in der hintersten Reihe auf dem Friedhof in Wyk auf Föhr hat laut Stilke einen „sprechenden Stein“. Beredt sind die von Stilke entdeckten Inschriften allein durch Daten: Die Söhne sind im Alter von 22 und 27 Jahren im Zweiten Weltkrieg gefallen, die Eltern haben sie um 30 Jahre überlebt. Das spreche „von zerschlagenen Zukunftsträumen, von Schmerzen, die ein Leben lang zu spüren sind“, so Stilke. Der Stein erzähle von stillen Geburtstagen und einsamen Weihnachtsfesten. „Unzählige Familien erleben solches Leid ganz aktuell“, erinnerte der Redner. Und wieder ganz persönlich: Der sonst bei Fragen nach Kriegserlebnissen so wortkarge Großvater habe ihm gesagt, dass er „glücklicherweise verwundet“ worden sei. Dass das bedeutet, dass der Großvater im Lazarett genesen ist, statt auf dem Schlachtfeld zu sterben, ist ihm erst viel später klar geworden. „Als Kind habe ich das nicht verstanden“, so Stilke.

Warnung vor Blauäugigkeit

Symbolische Steine auf Friedhöfen sprächen für Opfer von Krieg, Gewalt und Terrorismus, „von Menschen, die geopfert wurden oder sich geopfert haben“, führte Stilke in der Feierstunde aus. Selten sei das Erinnern aktueller gewesen als heute. „Kriege andernorts werden bei uns sichtbar“, führte der Polizeidirektor mit Blick auf die Anschläge in Paris aus. „Solche Ereignisse können auch hier passieren. Es wäre blauäugig, das zu übersehen“, mahnte er und benannte „rücksichtslose Anschläge auf die Zivilbevölkerung“. Zuwanderung schüre Ängste: „Wer weiß schon, mit Unbekanntem umzugehen?“ Für Stilke ist wichtig, dass Handeln an Menschlichkeit ausgerichtet und Toleranz geübt wird. „Wir wollen wehrhafte Demokraten sei, zu allen Menschen stehen, die zu uns kommen. Wir wollen den Menschen vertrauen, die zu uns kommen“, so Stilke.