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Vortrag in Ganderkesee Kinderarzt fordert täglichen Gang zur Schule

Von Ole Rosenbohm | 25.10.2018, 21:21 Uhr

Mehr Engagement von Vereinen, Schulen und Gemeinden fordert Johann Böhmann im Kampf gegen Übergewicht. Diäten bringen nicht viel.

„Kindesmisshandlung!“ Dr. Johann Böhmann hat eine klare Meinung zu falsch verstandener Fürsorge: „Es ist eine Form von Kindesmisshandlung, Kinder nicht Wind und Wetter auszusetzen.“ Dienstagabend sprach der frühere Chefarzt der Kinderklinik des Josef-Hospitals Delmenhorst bei der Regio-VHS über eine übergewichtiger werdende Gesellschaft, Elterntaxis und zu dicke Kinder. Und über die Sinnlosigkeit von Diäten.

Lebensstil muss sich ändern

Die wollte Böhmann schon deshalb nicht empfehlen, weil der Weg vorgezeichnet sei. 60 Prozent sei vererbt, „nur 40 Prozent können wir beeinflussen“, sagte der Arzt. Und nicht etwa über „die Seele kaputtmachende“ Diäten, die wegen den bekannten Jojo-Effekts nur für eine kurze Weile wirken. Es brauche eine Änderung im Lebensstil.

Am meisten bewirkt eine solche bei Kindern. Denn während sich Kinder immer weniger bewegen, werden sie auf der anderen Seite immer dicker.

Und Kinder werden es künftig wortwörtlich wohl noch schwerer haben, glaubt man Studien. Denn nicht nur ein Minus an Bewegung lässt sich in einen Zusammenhang mit Zunahme von Pfunden bringen: Die Gemeinde muss mehr leisten, forderte Böhmann, zeigte auf, wie wichtig ein gesundes Schulessen wäre. Wie wichtig auch ein Sportangebot nicht nur für Vereinsmitglieder. Er kritisierte die Klubs, die ihre Handball- oder Fußballabteilungen nur Leistungsstarken öffnen. Dabei sei die Gemeinschaft so wichtig für dringend benötigtes Selbstbewusstsein.

Gemeinsam essen

Böhmann kennt Fälle von Mädchen, die bei Tageslicht nicht mehr aus dem Haus gingen – also auch nicht zur Schule –, so sehr schämten sie sich über ihre Figur.

Aber sie haben es schwer, die Kinder, wenn auch in der Familie immer weniger passiert. Untersuchungen zeigen: Wenn am Wochenende viel unternommen wird, leben Kinder gesünder. Wer häufiger beim Essen mit Mutter, Vater, Geschwistern zusammen sitzt, ist weniger anfällig für Übergewichtigkeit. „Übrigens keine Frage von Bildung“, sagte Böhmann.

Aber gekocht wird weniger, das allein zeige ein Blick auf die Fertiggerichts-Regale in Supermärkten. Und die Kombination von Zucker und Fett – „so supergut sie schmeckt“ – sei pures Gift. Seine Forderungen: Zuckersteuer, Werbeverbot für Süßes und Softdrinks, Qualitätsstandards für Schulessen und täglich eine Stunde Schulsport – auch als Ausgleich für Elterntaxis.

Wie wäre es etwa, fragte Böhmann, mit einem täglichen Gang? Ein Projekt in Schottland namens „Daily Mile“, die tägliche Meile, sei ein Vorbild. Wer als Lehrer damit anfangen würde, werde es erst angefeindet werden, auch von Eltern, sagte Böhmann voraus. „Aber wenn der durchhält, sind alle dabei. Und irgendwann ist der Gang in den Genen verankert – die Kinder können dann nicht ohne.“