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Tipps von Dötlinger Survival-Trainer Verloren in der Wildnis: So kann man überleben

Von Vincent Buß | 16.07.2019, 13:02 Uhr

Eine Horrorvorstellung: verlaufen mitten im Wald, ohne Essen, Wasser oder Unterschlupf. Was dann zu tun ist, weiß der Dötlinger Überlebensexperte Volker Wessels.

Es kann jedem passieren. Man macht Urlaub auf einem Campingplatz und will den angrenzenden Wald bei einer Wanderung erkunden. Nur ein paar Stunden soll die dauern, also ist nur ein bisschen Proviant im Gepäck. Man macht Fotos und genießt die Natur. Wo man herkommt oder wo es hingeht, gerät in Vergessenheit. Und dann ist es passiert: Man hat sich verlaufen. Es wird langsam dunkel und kalt, auch der Proviant ist aufgebraucht. Warme Kleidung – geschweige denn eine Decke – hat man natürlich nicht dabei. Der Handyakku ist leer, aber Empfang gibt es eh keinen.

„Wenn man kein Equipment dabei hat, ist das schon einmal übel“, sagt der Dötlinger Überlebensexperte Volker Wessels. Trotzdem muss niemand verzweifeln. Denn Wessels kennt Tricks, wie man in der Wildnis überlebt.

Orientierung: Zunächst einmal gilt es, sich zu orientieren. Die Himmelsrichtungen können auf verschiedene Arten bestimmt werden. Tagsüber ist die Sonne der erste Anhaltspunkt: Momentan hat sie um etwa 13 Uhr ihren höchsten Stand, dann befindet sie sich im Süden. „Wenn ich vormittags mit der Sonne im Rücken losgegangen bin, weiß ich, dass mein Auto im Südosten steht.“ Dann kann der Weg zurück angepeilt werden. Was aber, wenn es bewölkt ist? Dann können zum Beispiel Ameisenhaufen oder Bäume eine Hilfe sein. Deren bemooste Seiten zeigen gen Norden. Auch nachts gibt es Orientierungspunkte: Dann weist der Polarstern den Weg, er leuchtet im Norden. Ein Kompass ist laut dem Experten nicht verlässlich, etwa weil nahegelegene Erzminen ihn abweichen lassen könnten.

Unterkunft und Werkzeug: Nun bricht aber die Nacht an oder ein Sturm zieht auf, den Weg zurück schafft man nicht mehr. Wessels beschreibt die Situation: „Mir wird also klar: Ich muss hier warten und brauche eine Notunterkunft.“ Dabei sollte ein Platz gewählt werden, der in der Nähe von Holzvorkommen und einem Fluss ist. „Denn jede unnötige Bewegung raubt Energie, die einem das Leben kosten kann.“

Werkzeug ist für alle weiteren Schritte hilfreich. Es gibt verschiedene Wege, ein Messer herzustellen: Knochen oder hartes Holz – etwa Buche, Eiche oder Holunder – an einem Stein schleifen oder einen Feuerstein zerschmettern. Dann lässt sich ein Unterschlupf bauen, indem Äste wie ein Zelt aufgestellt und mit Nadelzweigen bedeckt werden. Eine Schicht Moos schützt vor Regen. Der Boden sollte saubergemacht werden.

Wasser: Mit dem Werkzeug kommt man auch an Wasser. Wenn ein etwa drei Zentimeter tiefer Ritz in einen Baum geschnitten wird – Birken sind besonders gut geeignet –, fließt Wasser heraus, das zum Beispiel mit einem großen Blatt aufgefangen werden kann. „In drei Stunden kann man so etwa einen Liter Wasser herausholen“, sagt Wessels.

Bei Flusswasser besteht die Gefahr, dass es verunreinigt ist. Zwar kann das Wasser abgekocht werden, jedoch beinhaltet es dann keine lebensnotwendigen Mineralien mehr. Generell sauberer ist laut Wessels Quellwasser. Er hat stets eine kleine Flasche Chlordioxid dabei, um Wasser zu desinfizieren. Mindestens drei Liter Wasser am Tag sollte man trinken.

Feuer: Fehlt noch ein Feuer. „Das ist lebensnotwendig“, sagt der Survival-Experte. Um zu kochen, sich zu wärmen und nebenbei auf sich aufmerksam zu machen. Doch ein Feuer zu entfachen ist ohne Hilfsmittel nicht einfach. „Mit Feuersteinen oder einem selbstgebauten Feuerbogen gelingt das eigentlich nur Profis.“ Wer Glück hat und eine Scherbe findet, kann mit dieser die Sonnenstrahlen bündeln und so Flammen erzeugen. Der Überlebensexperte empfiehlt jedem, auf Wanderungen einen kleinen Magnesium-Feuerstarter mitzunehmen.

Als erstes Brennmaterial eignen sich Heu, Stroh, ausgeblühte Brennnesseln, Spinnweben oder Flechten. Danach sollte Rinde nachgelegt werden, dann Zweige und schließlich Äste. Besonders lange brennen Kiefernwurzeln, selbst bei Regen. Wessels rät, das Feuer auch brennen zu lassen, wenn man schläft. Um das Waldbrandrisiko zu verringern, sollte das Feuer in einem 30 Zentimeter tiefen Loch gemacht und mit Steinen umrandet werden. In der Glut lassen sich Steine aufheizen. Diese können im Unterschlupf unter Tannenzweigen, Sand und einer weiteren Schicht Tannenzweigen vergraben werden, sodass der Schlafplatz gewärmt wird. Gegen die Insekten hilft es, Kiefernwurzeln über dem Feuer aufzuheizen, sodass eine Flüssigkeit herausläuft, und sich mit dieser einzuschmieren.

Essen: Bald knurrt jedoch der Magen. Essen zu finden, ist laut Wessels jedoch nicht leicht. Jagen und Fallen stellen? Fachwissen notwendig. Pilze und Früchte sammeln? Eventuell giftig. Der Survial-Trainer empfiehlt deshalb, Fische zu fangen. Zwar braucht man dazu in der Regel einen Angelschein. Wenn es ums Überleben gehe, könne jedoch eine Ausnahme gemacht werden, findet Wessels. Forellen lassen sich mit der bloßen Hand fangen, weil sie mit dem Kopf gegen die Strömung auf der Stelle schwimmen. Für Wessels ein Leichtes: „Einfach von hinten anschleichen und herausgreifen.“ Wer nicht so flink ist, kann sich eine Angel bauen. Brennnesselfasern lassen sich zu einer Schnur verzwirbeln, Knochen zu Haken anspitzen und Regenwürmer als Köder benutzen. Über dem Feuer kann der Fang gegrillt werden. Um ihn als Proviant länger haltbar zu machen, wird der Fisch neben den Flammen getrocknet. „Der ist dann zwar knüppelhart“, erzählt Wessels, „aber man kann ihn essen.“

Der nächste Tag: Gestärkt, gewärmt und ausgeruht bricht der neue Tag an. Wenn man wieder erholt sei, könne man weiterziehen, erklärt der Überlebensexperte. Dabei sollten Zeichen in Bäumen hinterlassen werden als Hinweise für die Retter.

Generell empfiehlt Wessels, Flüssen zu folgen, weil sich dort oft Siedlungen befänden. Damit es aber gar nicht so weit kommen muss, hat Wessels eine Bitte an alle Wanderer: „Immer auf dem Campingplatz Bescheid sagen, wo man hinlaufen will.“