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Weihnachten in Singapur Wandergeselle macht Station in Ganderkeseer Tischlerei

Von Antje Cznottka | 09.12.2015, 17:30 Uhr

Zum ersten Mal hat Jörg Wedler einen Wandergesellen in seiner Tischlerei in Urneburg aufgenommen. Der Tischler Jan-Philipp Walther wohnt seit Sonntag in einem kleinen Aufenthaltsraum der Tischlerei.

Als Nikolaus auf dem Weihnachtsmarkt habe Jan-Philipp Walther am Sonntag das erste Mal in Ganderkesee gearbeitet. Seit Montag wohnt und arbeitet der Wandergeselle in Jörg Wedlers Tischlerei in Urneburg. „An der Tischlerei von Jörg Wedler hat mich gereizt, dass hier auch Restaurationen gemacht werden. Da habe ich noch nicht so viele Erfahrungen“, erzählt der 27-jährige gelernte Tischler.

Wandergeselle in Ganderkesee sucht interessante Weiterbildungsmöglichkeiten

Einen Titel oder ein Zertifikat bekommt Walther für seine Wanderschaft nicht. „Ich mache das für mich selbst, um den Beruf und die Welt kennenzulernen“, sagt er. Deshalb suche er sich Tischlerbetriebe aus, die interessant seien, wo er etwas lernen könne. „Ich habe einen Ofenbauer aus Würzburg kennengelernt und will im nächsten Jahr mal bei ihm in sein Gewerbe reinschnuppern“, fügt Walther hinzu. Küchenaus- und -einbau, Trockenbauarbeiten, das Verlegen von Laminat und die Arbeit an Holzmöbeln stehen für Walther in der Urneburger Tischlerei auf dem Programm.

Jörg Wedler in Ganderkesee hofft auf weitere Wandergesellen

„Ich wollte das immer mal ausprobieren, weil ich so andere Handwerkstechniken kennenlerne und die Tradition bestehen bleibt“, berichtet Jörg Wedler, Besitzer und Chef der Möbeltischlerei. Er hoffe auch, dass es sich unter den Wandergesellen herumspricht, dass er sie gern beschäftige und aufnehme. „Viele Betriebe denken, es sei kompliziert einen Wandergesellen zu beschäftigen“, berichtet Walther. Das sei es aber gar nicht. In der Tischlerei sei Walther als Aushilfe und damit als geringfügig Beschäftigter gemeldet.

Wandergeselle in Ganderkesee stellt Gepäck effizient zusammen

Walther schlafe viel im Freien, wenn er von Ort zu Ort reise; bei Kälte auch schon mal im Vorraum einer Bank. „Wenn ich arbeite, habe ich allerdings gern ein Bett und Dusche.“ Ein kleines Gästezimmer in der Werkstatt in Urneburg steht dem Gesellen für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung. „Die Unterkünfte sind oft spartanisch“, beschreibt Walther. Ein Bett und eine Waschmöglichkeit reichten ihm aber. Schlafsack, Hygieneartikel und Wechselwäsche, mehr hat Walther nicht im Gepäck. „Man freut sich über jedes Gramm weniger“, gibt er zu bedenken. Zelt oder Handy gibt es in seinem Gepäck deswegen nicht. „Ich rufe etwa einmal im Monat Zuhause an, von Telefonzellen oder vom Festnetz, wenn die Besitzer es erlauben, oder ich schreibe ganz klassisch Briefe“, fasst Walther zusammen.

Einen festen Wohnsitz hat Jan-Philipp Walther, seit er seine Wanderung am 19. April 2015 in Lörrach begonnen hat, nicht mehr. „Eigentlich ist man obdachlos“, berichtet er. Die Post würde an seine Eltern geschickt, falls überhaupt welche käme.

Wandergeselle in Tischlerei von Jörg Wedler kostet Freiheit aus

Berichte von Wandergesellen und der darin beschriebene Lebensstil haben Walther angesprochen. „So viel Zeit und Freiheit habe ich erst wieder in der Rente, und ob ich dann noch so viel Energie habe, die Welt zu entdecken, weiß ich nicht.“ Man sei kein Tourist und habe einen ganz anderen Blick auf alles. Um tatsächlich Wandergeselle zu werden, brauchte Walther jemanden, der bereits Wandergeselle war und sich bereit erklärte, ihn am Ortsschild in Lörrach abzuholen. Als frischgebackener Aspirant begleite man den erfahrenen Wandergesellen ein bis drei Monate. „Dann kann man sich noch entschieden, ob man Wandergeselle wird oder nicht. Es ist schließlich erst mal eine völlig neue Erfahrung, nicht zu wissen, wo man abends schläft“, schildert Walther.

Kaffee mit Ganderkeseer Bürgermeisterin

Walther lernte von einem Maurer die Grundlagen des Wandergesellendaseins, wie er sich nach einem Schlafplatz und Arbeit umsieht und wie er das Wanderbuch, das jeder Wandergeselle bei sich hat, führt. „Früher mussten Wandergesellen als Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis den Siegelstempel der Stadt beim Bürgermeister abholen“, erklärt er. Heute brauche man das Wanderbuch nicht mehr zwingend, trotzdem sei es „das Heiligste“, was ein Wandergeselle dabei habe. Es enthalte die Arbeitsdokumente und Arbeitszeugnisse und Stempel der Städte und Gemeinden, in denen man gearbeitet hat. „Ich war auch bei der Ganderkeseer Bürgermeisterin zum Kaffee, eine sehr nette Dame“, attestiert Walther. Sie habe ihm auch die Tischlerei von Jörg Wedler empfohlen.

Wandergeselle in Ganderkesee weiß Vertrauen zu schätzen

„Das Vertrauen, das die Leute uns entgegenbringen, ist ein wahres Geschenk“, attestiert Walther. Reisen sei so kein Problem. „Wenn man den Daumen raushält, wird man mitgenommen. Das funktioniert gut“, berichtet er. Seine Kluft sei eine Hilfe, weil die Menschen die Tradition noch kennen würden und Wandergesellen vertrauten. „Das ist schon erstaunlich. Ein Wirt wollte uns gern ein Gästezimmer geben, war aber ausgebucht. Da hat er uns in die Wohnung seiner verreisten Schwiegermutter schlafen lassen“, erzählt Walther. Daher dürfe man auch nicht vorbestraft sein, wenn man sich auf Wanderschaft macht.

Wandergeselle in Ganderkesee bereichert sich nicht

Das entgegengebrachte Vertrauen liegt vielleicht auch an einer der Regeln für Wandergesellen: Walther darf sich während seiner Wanderung nicht bereichern. „Man geht mit fünf Euro los und kommt mit fünf Euro wieder“, erläutert er. Auf der Walz dürfe er aber durchaus etwas Geld ansparen, zum Beispiel für Reisen. „Ich fliege am 22. Dezember mit zwei anderen Wandergesellen von Zürich aus nach Neuseeland.“ Ein Zwischenstopp wird in Singapur eingelegt, um Silvester zu feiern. Danach stehen Australien und Brasilien als Arbeitsorte auf der Liste, „um dem Winter aus dem Weg zu gehen“. Drei Jahre und einen Tag dauert die Wanderschaft mindestens. Währenddessen darf er sich seiner Heimat nur bis auf 60 Kilometer nähern. „Darum dürfen Wandergesellen noch keine eigene Familie haben.“ Denn Pausen zu Weihnachten oder Geburtstagen seien nicht erlaubt.

Im April oder Mai plant Walther, wieder nach Deutschland zu kommen. In Ganderkesee darf er sich aber laut den Regeln der Wandergesellen ein Jahr lang nicht aufhalten.