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Zum Beginn des Ausbildungsjahres Mängel beim Nachwuchs bereitet Handwerk sorgen

Von Dirk Hamm | 26.07.2016, 17:26 Uhr

„Es sieht nicht besonders gut aus“: Sabine Tönjes hält mit ihrer Meinung über Zahl und Qualität der Bewerbungen um Ausbildungsplätze im Bäckereihandwerk nicht hinterm Berg. In der Geschäftsleitung der Landbäckerei Tönjes ist sie für die Bereiche Personal und Verkauf zuständig. Nicht nur sei die Zahl der jungen Männer und Frauen, die sich um einen Lehrvertrag bewerben, in den vergangenen Jahren zurückgegangen, hat Tönjes festgestellt, sondern deren schulische Qualifikationen und soziale Kompetenzen ließen zudem oftmals zu wünschen übrig: „Von den früheren Anforderungen haben wir etliches zurückgenommen.“

Beispielsweise habe noch vor drei, vier Jahren ein Vermerk auf dem Abschlusszeugnis über fünf und mehr unentschuldigte Fehltage dazu geführt, dass sie eine Bewerbung zurückgestellt habe, sagt Tönjes. Jetzt lade sie den Bewerber direkt zum Vorstellungsgespräch ein, mit dem Hintergedanken: „Vielleicht hat sich die Person inzwischen weiterentwickelt. Oft zeigt sich dann aber in der Praxis, dass sich die Einstellung nicht geändert hat.“

Probleme bei Mathe und Pünktlichkeit

Auch Anika Strodthoff bereiten bei vielen jungen Leuten, die sich um einen Ausbildungsplatz bewerben, nicht nur schulische Mängel Sorgen: „Mathe, Pünktlichkeit, Sauberkeit“ nennt die Ausbilderin für den Verkaufsbereich der Ganderkeseer Bäckerei Meyer Mönchhof, die wie Tönjes zahlreiche Filialen in der Region betreibt, wie aus der Pistole geschossen als die Anforderungen, bei denen häufig Defizite auffielen. „Es hapert oft schon am Einmaleins oder am Prozentrechnen“, so Strodthoffs Erfahrung aus dem Probearbeiten, dass sich bei Meyer Mönchhof vor dem Abschluss des Lehrvertrags an das Bewerbungsgespräch anschließt.

„Auch Elternhäuser in der Verantwortung“

Dass die Klagen über schlechtere Schulnoten und eine laschere Arbeitseinstellung beim beruflichen Nachwuchs nicht auf einen bestimmten Handwerkszweig beschränkt sind, belegen die Erfahrungen von Britta Jochims. Die Hoykenkamper Malermeisterin spricht bei einem Teil der Bewerber um einen Ausbildungsplatz von einem „abenteuerlichen Niveau“ und beklagt die Einstellung, in den Tag hineinleben zu wollen, die anders als früher nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei 18- oder 19-Jährigen zu beobachten sei. „Dafür kann man nicht allein die Schule verantwortlich machen, auch die Elternhäuser stehen in der Verantwortung“, sagt Jochims.

Hausinterne Schulungen sollen Mängel beheben

Dass die Ausbildungsbetriebe sich darauf einstellen müssen, mit den Gegebenheiten umzugehen, verdeutlicht Anika Strodthoff: „Die Jugend verändert sich, man muss sich ein Stück weit anpassen. Und über ein Fehlverhalten wie Unpünktlichkeit mit den jungen Leuten sprechen, dann verstehen es 99 Prozent von ihnen.“ Um vorhandene Defizite etwa beim Kundenkontakt zu beheben, hat Meyer Mönchhof laut Strodthoff vor zwei Jahren für die angehenden Bäckereifachverkäuferinnen interne Schulungen und Trainings eingeführt. Und auch Sabine Tönjes berichtet von hausinternen Schulungen, „um etwas von den schulischen Mängeln abzufangen“.

Keinen geeigneten Bewerber für Backstube gefunden

Die Suche nach qualifiziertem Nachwuchs im Handwerk wird durch die demografische Entwicklung und eine veränderte Einstellung vieler Schulabgänger zum Beruf erschwert. „Viele können sich nicht vorstellen, jeden Tag tatsächlich acht Stunden zu arbeiten und dabei die ganze Zeit nicht aufs Handy zu schauen“, sagt Sabine Tönjes. Die Landbäckerei Tönjes habe für ihre 22 Filialen in der Region zum neuen Ausbildungsjahr neun geeignete Auszubildende im Verkaufsbereich finden können, so die Personalverantwortliche. Vor Jahren habe die Zahl noch bei 15 bis 18 gelegen. Was Tönjes besonders wurmt: Für die Backstube an der Rudolf-Diesel-Straße hat sich in diesem Jahr kein Bewerber gefunden, der den Anforderungen genügt.

Kurzfristig keine Abhilfe aus dem Kreis der Flüchtlinge

Auch bei Meyer Mönchhof ist ein – wenn auch zuletzt schwacher – Rückgang an Bewerbungen um eine Lehrstelle zu verzeichnen. Grund zur Panik besteht laut Anika Strodthoff aber derzeit nicht: „Noch können wir unsere Stellen besetzen.“ Dass aus dem Kreis der vielen jungen Flüchtlinge mit handwerklichen Qualifikationen die Lücken beim Nachwuchs hierzulande geschlossen werden können, sieht Britta Jochims „zurzeit noch nicht“. Das große Problem sei die Sprache, so die Obermeisterin der Maler- und Lackierer-Innung Delmenhorst/Oldenburg-Land. Grundsätzlich sei hier aber Potenzial vorhanden.