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Gedenken am Mahnmal Obernheide Schüler geben NS-Opfern ihre Würde symbolisch zurück

Von Dirk Hamm | 21.11.2018, 22:54 Uhr

Eine Aktion Stuhrer Schüler hat das Schicksal jüdischer Frauen aus dem KZ-Außenlager Obernheide in Erinnerung gerufen. Am Gedenkgang zum Mahnmal nahmen knapp 200 Menschen teil.

Die Nazis haben sie zu bloßen Nummern degradiert, sie jeglicher Individualität und Menschenwürde beraubt. An die jüdischen Frauen und Mädchen, die in einem KZ-Außenlager im heutigen Stuhrer Gemeindegebiet eingesperrt wurden, um schwere Zwangsarbeit zu leisten, erinnert in Stuhr-Obernheide ein steinernes Mahnmal. Knapp 200 Schüler und Erwachsene haben am Mittwoch am Buß- und Bettag den Fußmarsch nachvollzogen, den die aus Polen und Ungarn verschleppten Frauen täglich antreten mussten, um in Bremen Bombentrümmer zu räumen.

Beschwerlicher Fußmarsch zweimal täglich

„So kann man besser nachempfinden, was diese Frauen aushalten mussten. Aber wir haben wenigstens warme Jacken an“, meinte Eva, Zehntklässlerin aus der Lise-Meitner-Schule in Moordeich, als sich die Gruppe zügigen Schrittes vom alten Bahnhof in Alt-Stuhr aus entlang der Blockener und Obernheider Straße auf die Gedenkstätte zubewegte. Die etwa drei Kilometer lange Strecke mussten rund 800 schlecht ernährte, abgekämpfte Lagerinsassinnen ab September 1944 täglich zweimal zurücklegen. Denn per Zug ging es vom Stuhrer Bahnhof zur harten Schufterei nach Bremen und wieder zurück.

Gedenkfeier mit aktuellen Bezügen

Keine sterile, formelhafte Gedenkfeier hatten die politische Gemeinde und die Kirchengemeinden in Stuhr sowie die Lise-Meitner-Schule im Sinn, als vor Jahren die Idee zu einem Gedenkgang zum Mahnmal geboren wurde. Vielmehr sollte die Veranstaltung von jungen Menschen getragen und zukunftsgewandt sein. Während der Gedenkfeier am Mahnmal stellten Lise-Meitner-Schüler, die sich im Profilkurs Geschichte mit dem Schicksal der Frauen des Außenlagers Obernheide beschäftigt haben, den Bezug zur gegenwärtigen politischen Situation her.

Schüler verurteilen AfD-Äußerungen

Vor allem auf geschichtsklitternde Äußerungen von AfD-Spitzenpolitikern wurde Bezug genommen, etwa Alexander Gaulands Wort von Hitler und den Nationalsozialisten als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. „Wie würdelos ist es, mit dem Begriff ‚Vogelschiss‘ das Leid so vieler Menschen zu verhöhnen“, sagte einer der Jugendlichen. Pastoralreferent Andreas Gautier von der katholischen Heilig-Geist-Gemeinde in Brinkum warnte davor, ganze Gruppen von Menschen pauschal über einen Kamm zu scheren und abwertend mit dem Finger auf sie zu zeigen, etwa wenn von „Migrantenströmen“ geredet wird.

Beklemmende Schilderungen

Am Bahnhof in Alt-Stuhr lasen Schüler Auszüge aus den 1999 in Buchform veröffentlichten Erinnerungen der ungarischen Jüdin Lilly Kertesz („Von den Flammen verzehrt“). Beklemmung löste die Schilderung der menschenverachtenden Behandlung nach der Ankunft in Auschwitz aus, von wo aus die 20-Jährige weiter nach Bremen und dann nach Obernheide verschleppt wurde – zwar der Gaskammer entronnen, aber zur Zwangsarbeit missbraucht. Völlig nackt und kahl geschoren mussten die Frauen vor den KZ-Aufsehern stehen, aus Menschen waren Nummern geworden.

Jeder Teilnehmer trägt einen Stein

Das individuelle Schicksal dieser Frauen in Erinnerung zu rufen, ihnen die Menschenwürde symbolisch wiederzugeben, das war das Ziel einer gemeinsamen Aktion der Schüler des Profilkurses Geschichte und von Jugendlichen des Jugendtreffs No Moor. Sie schrieben die Namen, die von etwa 300 Lagerinsassinnen bekannt sind, sowie die Geburtsdaten auf kleine Steintafeln. Zu Beginn des Gedenkganges nahm jeder Teilnehmer einen Stein in die Hand, der dann am Zielort am Mahnmal abgelegt wurde.

Nach einer ähnlichen Aktion im Jahr 2010 waren die Namenszüge verwittert. Lenke Gyoeri, Hedy Ellenbogen, Tamara Orzegowska, um stellvertretend einige wenige Namen zu nennen, sie haben jetzt wieder ein würdiges Gedenken in Obernheide gefunden.