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2015 sechs Tore in vier Spielen Tolga Üzüm: Der Innenverteidiger mit dem Torinstinkt

Von Frederik Böckmann | 01.04.2015, 11:00 Uhr

Dank seiner Kopfballstärke hält Tolga-Sakir Üzüm den türkischen Klub in der Fußball-Kreisliga weiter auf Titelkurs. Gleichzeitig hat sich der frühere türkische Junioren-Nationalspieler in den Notizblock von höherklassigen Klubs gespielt.

Mohamed Alawie? Weg. Zinar Sevimli? Auch weg. Mariusz Miklasz? Ebenfalls davongezogen. Ahmet Sheiki? Verletzt bis zum Saisonende. Murat Krmer? Noch nicht spielberichtigt. Die Wintermonate waren für Chawkat El-Hourani eine harte Zeit. Wöchentlich musste der Fußball-Trainer von RW Hürriyet schlechte Nachrichten verkünden, was die Personallage in seiner Offensiv-Abteilung betrifft. Der Absturz des Kreisliga-Spitzenreiters, der in der ersten Halbserie teilweise zauberhaften Angriffsfußball zeigte, schien angesichts dieser fehlenden Offensivpower nur noch eine Frage der Zeit – zumal dem letzten verbliebenen Stürmer Hayri Sevimli (bislang 16 Saisontore) im neuen Jahr das Abschlusspech noch an den Füßen klebt.

2015 in vier Spielen sechs Mal getroffen

Hürriyet? Absturz? Weit gefehlt! Die Rot-Weißen haben trotz ihrer großen Personalsorgen in 2015 drei von vier Spielen gewonnen und konnten sich dabei vor allem auf den Torriecher eines Mannes verlassen: Tolga-Sakir Üzüm. Ein Tor gegen gegen Großenkneten (1:0), beide Treffer in Harpstedt (2:3), eine Bude gegen Dötlingen (1:0), zuletzt beide Tore in Wüsting (2:1) – Üzüm erzielte in diesem Jahr alle sechs Treffer für RWH. Das Besondere: Der 26-Jährige spielt bei El-Hourani nicht im Angriff, sondern wird meistens in der Innenverteidigung eingesetzt.

Als Leistungsträger in der Pflicht

Üzüm nimmt seine kleine One-Man-Show indes relativ gelassen zur Kenntnis. „Die Tore kommen gar nicht überraschend. Ich habe auch hohe Erwartungen an mich“, erzählt Üzüm selbstbewusst und erklärt: „Ich sehe mich als Leistungsträger in der Pflicht, auch voranzumarschieren. Wer die Tore schießt, ist am Ende egal.“ Allerdings traf Üzüm auch in der Hinrunde schon regelmäßig. Dort hatte der Delmenhorster bereits acht Mal für RWH eingenetzt. Macht summa summarum 14 Tore bei nur 21 Einsätzen – eine für einen Defensivspieler herausragende Quote.

Enorme Kopfballstärke

Ðie meisten von Üzüms Treffer fallen nach dem selben Muster: Standardsituation, Kopfball, Tor. „Das Kopfballspiel war schon immer meine große Stärke“, findet Üzüm. Dabei ist der Rechtsfuß mit seinen 1,80 Meter kein Riese, profitiert aber bei den Flanken und hohen Bällen von seinem exzellenten Timing. „Ich kenne bis zur Landesliga keinen kopfballstärkeren Spieler als Tolga“, sagt Coach El-Hourani und meint: „Er ist schon eine Waffe in unserem Spiel.“ Üzüms Torgefahr haben auch die Gegner längst zur Kenntnis genommen. „Ich werde mittlerweile nicht nur gedoppelt. Teilweise stehen bis zu drei Gegenspieler auf meinen Füßen“, sagt Üzüm und lacht.

Führungsspieler Üzüm gibt keinen Ball verloren

Es sind aber nicht nur Üzüms Qualitäten bei Standards, die den Defensivspieler für Hürriyet so wertvoll machen. Der Deutsch-Türke ist bei den Rot-Weißen ein echter Führungsspieler. „Tolga gibt keinen Ball verloren, er steht immer richtig und hat eine unglaubliche Qualität in der Defensive. In der Kreisliga gibt es auf seiner Position keinen Besseren“, schwärmt El-Hourani. Üzüm lebt in den Spielen vor allem von seiner überragenden Physis. Der gelernte Versicherungskaufmann, der gerade eine Umschulung zum Sportkaufmann macht und später Personal Trainer werden will, trainiert fünf Mal in der Woche – entweder auf dem Fußballplatz oder im Fitnessstudio. „Ich kann in jeder Begegnung 90 Minuten lang Gas geben.“

Impulsive Spielweise, aber auch schon drei Platzverweise

Seine leidenschaftliche Spielweise musste Üzüm in dieser Spielzeit allerdings auch schon mit drei Platzverweisen (einmal Rot, zweimal Gelb-Rot) bezahlen. „Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht an mir arbeiten muss. Aber es war keine Tätlichkeit dabei“, betont Üzüm und erklärt mit einem Schmunzeln: „Langweilige Partien liegen mir nicht. Ich bin eben ein impulsiver Spieler.“

Ein Länderspiel für die türkische U18-Nationalmannschaft

Das war er auch schon in der Jugend, als Üzüm durchgängig in höheren Ligen spielte. Der Abwehrspieler kickte mit der C-Jugend des TuS Heidkrug in der Landesliga, danach sowohl mit der B-Jugend des SC Weyhe als auch mit der A-Jugend des VfB Oldenburg in der Regionalliga. Üzüms Qualitäten sprachen sich auch bis zur türkischen U-18-Nationalmannschaft herum. Bei einem Turnier in Griechenland lief er sogar ein Mal für die Halbmond-Sterne auf. Weitere Einladungen bekam Üzüm nicht, doch das stört ihn nicht. „Wenn man im Nationaltrikot aufläuft und die Hymne hört, ist man der glücklichste Mensch der Welt.“

Vom VfB Oldenburg zu RW Hürriyet

Im Herren-Bereich gehörte Üzüm später ein halbes Jahr dem Oldenburger Oberliga-Kader an, ehe sich der Delmenhorster am Knie schwer verletzte. Üzüm sammelte Spielpraxis in der U23, „aber dort hat es mir nicht gefallen“, sagt Üzüm. Also wechselte er vor sechs Jahren zu RW Hürriyet.

Probetraining beim BSV Rehden

Bei den Rot-Weißen hat Üzüm in den vergangenen Jahren alle Höhen und Tiefen mitgemacht: Von der Bezirksliga runter in die 1. Kreisklasse, dann wieder hoch in die Kreisliga. In dieser Liga möchte der Innenverteidiger aber nicht auf Dauer spielen: „Ich habe andere Ambitionen.“ Im Winter trainierte Üzüm bereits beim Regionalligisten BSV Rehden mit, in dieser Woche klopfte ein weiterer höherklassiger Klub bei Üzüm an. Er stellt aber klar: „Wenn wir aufsteigen, bleibe ich auf jeden Fall bei Hürriyet. Noch haben wir ja gute Chancen.“ Vor allem dank seines Torinstinktes.