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Abschied für Ganderkeseer Team Rote Teufel melden sich aus der Kreisklasse ab

Von Daniel Niebuhr | 31.05.2017, 20:56 Uhr

Fünf Jahre lang schrieb das Inklusionsteam der Roten Teufel Ganderkesee mit behinderten und nicht behinderten Fußballern ein kleines Stück Sportgeschichte – doch nun reichen die Spieler nicht mehr.

Eine letzte Chance hatten sie noch, die tapferen Roten Teufel. Am Sonntag traten die Fußballer aus Ganderkesee bei der fünften Mannschaft des VfL Stenum an – ein Sieg, und die Teufel hätten den letzten Platz in der 5. und untersten Kreisklasse doch noch verlassen. Sie spielten sogar zu Elft, was zuletzt nicht gerade selbstverständlich gewesen war, doch der Fußball-Gott hatte für eine der außergewöhnlichsten Mannschaften, die je über die deutschen Plätze gejagt ist, kein Abschiedsgeschenk parat. Nach einer Stunde lagen die Teufel schon mit 0:4 zurück, am Ende hieß es 3:4 – und damit stand fest: Die erste Mannschaft aus behinderten und nicht behinderten Fußballern im regulären Spielbetrieb wird als Schlusslicht abtreten. Trainerin Jutta Lobenstein nahm es mit einer gesunden Portion Trotz zur Kenntnis: „Uns hat nie jemand etwas geschenkt. Das ist ein Beweis, dass wir normaler Bestandteil der Fußballszene geworden sind.“

„Die Spieler sind traurig“

Diese Fußballszene wird nun um einen Farbtupfer ärmer. Lobenstein musste in dieser Woche verkünden, dass die Roten Teufel sich aus dem Kreis-Spielbetrieb zurückziehen; vier Abgänge, vier Langzeitverletzte, ein erkrankter Spieler und drei, die aufhören – der Aderlass der vergangenen beiden Jahre war zu viel für den kleinen Club. „Das ist für uns nicht aufzufangen“, sagt Lobenstein. Die Wehmut über den Abschied ist groß: „Die Spieler sind traurig.“

Verein schrieb bundesweit Schlagzeilen

Viele Nachbarvereine ohne Zweifel auch. Die Teufel haben sich in den vergangenen fünf Spielzeiten nicht nur auf dem Platz Respekt erkämpft, sie haben auch Fußballgeschichte geschrieben. Als erste Inklusionsmannschaft überhaupt wagte sich Sozialpädagogin Lobenstein 2012 mit ihrem Team in den normalen Herrenspielbetrieb – und machte bundesweit Schlagzeilen. Radio Bremen war da, ein Beitrag über das Projekt lief im ARD-Morgenmagazin, der DFB zeichnete den Club mehrfach aus, und Lobenstein wurde 2013 sogar Delmenhorster Sportlerin des Jahres.

Ku(h)riose Episoden in der Kreisklasse

118 Mal traten die Teufel in der Liga an und erlebten dabei den ganz normalen Wahnsinn des unterklassigen Fußballs. In der ersten Saison musste das Spiel gegen die dritte Mannschaft der Sportfreunde Littel unterbrochen werden, weil sich eine Kuh aufs Spielfeld verirrte und nicht wieder herunterführen ließ. Bis zum ersten Sieg dauerte es fast acht Monate – allerdings mehr oder weniger auf eigenen Wunsch. Den Regeln zufolge hätten die Teufel eigentlich schon die Partie gegen den Bookholzberger TB II fünf Monate zuvor am grünen Tisch gewonnen, denn die Bookholzberger waren mit nicht spielberechtigten Fußballern aufgelaufen. Doch die Teufel verzichteten auf den Einspruch, sie wollten ihre ersten Punkte auf dem Rasen holen. Es klappte schließlich am 6. April 2013 beim 2:0 über die SG Bookhorn II.

Dass die Mannschaft in vier der fünf Saisons Letzter wurde und jeweils über 100 Gegentore kassierte, ist für die ehemalige Bundesligaspielerin und Vollblut-Fußballerin Lobenstein durchaus ein wunder Punkt, dennoch sagt sie: „Ich blicke mit großer Zufriedenheit auf die fünf Jahre Kreisklasse zurück. Wir haben gezeigt, dass Inklusion möglich ist.“

In der Integrationsarbeit Spitze

Sogar in der Integrationsarbeit gehen die Teufel voran. Dank einer Kooperation mit der AWO in Delmenhorst trainieren regelmäßig Geflüchtete mit dem Team, im letzten Ligaspiel in Stenum standen fünf Spieler irakischer oder afghanischer Herkunft auf dem Platz. „Sport bringt zusammen, das ist überall auf der Welt so“, hat Lobenstein einmal gesagt.

Weiter in der Behinderten-Fußball-Liga dabei

Die Geschichte der Roten Teufel ist am Sonntag aber noch längst nicht zuende gegangen. Lobensteins Kicker sind weiter in der niedersächsischen Behinderten-Fußball-Liga vertreten, wo sie jüngst Landesmeister wurden und im September in Duisburg um die Deutsche Meisterschaft kämpfen. Zu den Special Olympics reisen sie regelmäßig. Auch eine Rückkehr in den regulären Spielbetrieb ist nicht ausgeschlossen, wenn man Lobenstein so hört. Nur drei Spieler werden nach dem Rückzug für andere Vereine die Schuhe schnüren, alle anderen bleiben an Bord, „um bei einem eventuellen Neustart dabei zu sein“, wie die Trainerin erzählt. „Wir werden jetzt die Akkus aufladen, Spieler mit mentaler Behinderung aufbauen, die noch in der Lernphase sind, und dann gegebenenfalls wieder starten.“ Es wird wenige in der Fußballszene geben, die dafür nicht die Daumen drücken.