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Analyse von Tino Polster WM-Kolumne: Jetzt ist England alles zuzutrauen!

05.07.2018, 09:45 Uhr

Der Sportjournalist und gebürtige Delmenhorster Tino Polster analysiert exklusiv für das „Delmenhorster Kreisblatt“ die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Den Schwerpunkt legt er auf die Partien der DFB-Elf. Der langjährige Medienchef des Bundesligisten SV Werder arbeitet u. a. für das Sportportal DAZN, die TV-Sender sportdigital und SPORT1 sowie für die DFL.

Liebe Leser,

als wenn das Aus der deutschen Nationalmannschaft in der Vorrunde nicht schon schlimm genug war, jetzt bleibt uns noch nicht mal mehr ein wenig Schadenfreude. Die sind verrückt, die Engländer! Urplötzlich können sie Elfmeter. Gerade rechtzeitig, denn bei dieser WM muss man auf den Punkt kommen. Längst ist der Kampf um die Trophäe zum Elfmeter-Festival geworden. Es gibt so viele Strafstöße wie nie aus dem Spiel heraus und jetzt in den K.o.-Runden auch noch das Glücksspiel nach Verlängerung.

Southgate kämpft das Trauma nieder

Aber was heißt hier Glücksspiel? Hatten wir bislang von unzähligen Trainern gehört, diese Ausnahmesituation könne man nicht trainieren, belehrte uns jetzt Gareth Southgate eines Besseren. Der Chef der Engländer hat das Elfmeterschießen bei seinem Team vorab zum Riesenthema gemacht und tatsächlich so das Trauma dreier Weltmeisterschaften überwunden.

Jetzt muss man dem Titelträger von 1966 alles zutrauen. England im Finale? Für mich ein heißer Tipp: gegen Schweden gewinnen und dann gegen Russland oder Kroatien – machbar. Denn sie haben den coolsten Typen der WM. Den Anti-Neymar. Kein aua-aua und auch kein bling-bling! Er macht einfach nur seinen Job – und das klinisch! Harry Kane – „King Kane“! Tut das gut in diesem eitlen Geschäft: Ein Normalo als Schützenkönig und vielleicht ja noch mehr.

Japan stirbt den Heldentod

Aber was machen eigentlich die Favoriten? Drei sind noch im Wettbewerb. Frankreich, Belgien und Brasilien – aber nur einer kommt durch. Stattdessen werden wir Teams in Erinnerung behalten, an die vorher niemand dachte. Japan! Ja, die Japaner starben den Heldentod. Was für eine Leistung – nie spielte eine Mannschaft aus dem Land der aufgehenden Sonne besseren Fußball, schlau sind sie eigentlich auch, nur diesmal leider nicht. Anstatt sich gegen Belgien auf die Verlängerung zu besinnen, stürzten sie sich ins Schwert und verpassten die größte Sensation des Turniers. Damit das nie mehr vorkommt ist jetzt mit Jürgen Klinsmann ein deutscher Trainer im Gespräch.

Bleibt noch die Frage: Warum durften sich die Torhüter bei fast jedem Elfmeter zur Abwehr schon vor dem Schuss weit nach vorne bewegen, obwohl die Regel sagt: „Der Torhüter muss mit Blick zum Schützen auf der Torlinie zwischen den Pfosten bleiben, bis der Ball getreten wurde.“ Kein Schiedsrichter, der das abpfiff, kein Video-Referee, der hier eingriff. Wirklich unverständlich. Aber gut für England. So hat doch alles einen Sinn!