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Delmenhorster auf Asien-Tournee Azadzoys Monat im Fußball-Wunderland

Von Daniel Niebuhr | 03.07.2015, 20:30 Uhr

Laos, Kambodscha, Bangladesch: Der Delmenhorster Mustafa Azadzoy erlebte mit der afghanischen Nationalmannschaft eine unglaubliche Reise.

Auch der graue Fußball-Alltag kann Spaß machen, wenn man die richtige Einstellung hat. Am Donnerstagabend lief Mustafa Azadzoy wieder im Trikot des ruhmreichen Turnerbundes Uphusen auf, zum ersten Mal nach seiner Länderspielreise, und hatte sich offensichtlich schnell akklimatisiert: Im Testspiel gegen den TSV Bassum erzielte der afghanische Nationalspieler beim 3:1 alle drei Treffer und meinte hinterher: „So schwer war das eigentlich nicht.“

WM-Chance gewahrt

Wer befürchtet hatte, Azadzoy könnte bei seiner Rückkehr in die Oberliga einen Kulturschock erleiden, wurde also beruhigt. Dabei hätte man ihm ein wenig Alltagsmüdigkeit durchaus zugestanden – der Delmenhorster hatte immerhin einen Monat im Fußball-Wunderland hinter sich. Von Mitte Mai bis Mitte Juni bereiste Azadzoy mit der afghanischen Nationalmannschaft halb Asien, machte seine A-Länderspiele 16 bis 18, wahrte die Chance auf das Ticket zur Fußball-WM 2018 und kehrte schließlich mit mehr als nur einem Vorgeschmack auf die große Fußball-Welt zurück. „Es war eine krasse Reise, völlig irre“, fand der 22-Jährige. „Manchmal fragt man sich, was für ein Film hier abläuft.“

55000 kreischende Zuschauer in Kambodscha

In Kambodscha erlebte er zum Beispiel so einen Moment. Es war das zweite WM-Qualifikationsspiel, das Nationale Olympia-Stadion der Hauptstadt Phnom Penh war völlig überfüllt, 55000 Zuschauer drängelten sich auf den Tribünen und schrien 90 Minuten wie am Spieß. „Das habe ich noch nicht erlebt. Es war der pure Wahnsinn“, schwärmte Azadzoy. „Die haben einfach Lärm gemacht, egal, wer am Ball war. Sowas von fußball-verrückt.“ Selbst, als Mustafa Zazai in der 86. Minute das 1:0-Siegtor für die Afghanen erzielte, wurde weitergefeiert. Azadzoy musste wegen einer Bauchmuskelzerrung, die ihn schon länger verfolgt, zur Halbzeit raus, das Erlebnis kann ihm aber niemand mehr nehmen.

Syrien-Spiel wirkt nach

Durch den knappen Erfolg bleibt Afghanistan im Rennen um die WM, allerdings war der Quali-Auftakt fünf Tage zuvor heftig misslungen. Gegen Syrien gab es im iranischen Mashdad – für diese Partie Ausweichheimstätte der Afghanen, die im eigenen Land nicht spielen dürfen – vor knapp 8000 Zuschauern ein 0:6. Azadzoy spielte durch und hat das Ergebnis bis heute nicht verstanden: „So komisch es klingt, aber wir hatten mehr Spielanteile. Aber es hat vorne nichts geklappt.“

Mannschaftsfahrt nach Thailand

Begonnen hatte die Reise zunächst mit einem Trainingslager in Bahrain, in dem der noch angeschlagenen Offensivmann Azadzoy Einzelbetreuung bekam. Im ersten Testspiel des Trips – einem 2:0 in Laos – musste er noch zusehen; dann ging es weiter zum nächsten Spiel nach Bangladesh (1:1), wo der Delmenhorster dann vor 10000 Fans in Dhaka eingewechselt wurde. Danach flog der afghanische Tross zur Vorbereitung weiter nach Katar, nach den WM-Qualifikationsspielen ging der Trip mit einer Mannschaftsfahrt nach Bangkok zuende. „Ich hätte nie gedacht, dass in Asien so viel Fußball-Begeisterung herrscht“, berichtet Azadzoy.

Entscheidung für Uphusen

Gern würde er nun auch in Uphusen zumindest eine kleine Euphorie wecken. Er hatte Angebote von den Regionalligisten BV Cloppenburg und Viktoria Aschaffenburg, blieb aber wegen seines Studiums – und wegen des Spirits im Team, in dem auch der Delmenhorster Marvin Osei spielt. „Das sind doch meine Jungs hier“, sagt Azadzoy. Der Klub musste einige Abgänge zu verkraften, hat aber auch Qualität dazubekommen, darunter Ex-Profi Dennis Offermann als neuen Trainer, der Azadzoy ganz vorne spielen lässt. „Er hat was drauf, das merkt man. Ich habe richtig Lust auf die Saison und traue uns vielleicht sogar die ersten Fünf in der Oberliga zu“, sagt er.

Duell mit Kagawa steht an – vor 100000 Fans

Falls es doch nicht läuft wie erhofft, kann sich Azadzoy damit trösten, dass es schon am 8. September die nächste Dosis große Fußball-Welt gibt: In Teheran spielt er dann mit der Nationalmannschaft gegen Japan um den Dortmunder Bundesliga-Profi Shinji Kagawa – wegen der großen afghanischen Gemeinde in der iranischen Hauptstadt werden mehr als 100000 Zuschauer erwartet.