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Der Mitspieler im Ohr Delmenhorster Fußballer Mert Tunc spielt mit Hörgeräten

Von Daniel Niebuhr | 23.12.2017, 15:38 Uhr

Der schwerhörige Delmenhorster Fußballer Mert Tunc (SV Baris) spielt mit Hörgeräten. Der 23-Jährige verlor mit drei Jahren große Teile seines Gehörs – und löst das Handicap auf dem Platz auf seine ganz eigene Weise.

Die gemeine Kopfball-Phobie ist in Fußballerkreisen eine weitverbreitete Krankheit – so alt wie die Sportart selbst und doch bis heute nicht ausgerottet. Natürlich trifft man sie manchmal noch, die Recken, die sich beherzt in jede Flanke werfen; den meisten ist die Kugel am Fuß aber immer noch deutlich lieber als am Schädel.

Mert Tunc, ohne ihm zu nahe zu treten, ist beim Thema Kopfball sogar ein hoffnungsloser Fall – doch das fällt an diesem historischen 15. Oktober 2017 weniger auf, als man bei einem Linksverteidiger vermuten würde. Der 23-Jährige vom SV Baris spielt mit seiner Bezirksliga-Elf am neunten Spieltag gegen den TSV Abbehausen, er kämpft, grätscht und wirft sich in jeden Zweikampf, so lange er am Boden stattfindet – dass er die Luftduelle alle aus der Ferne erlebt, dürften nur die wenigsten bemerken.

Seit frühester Kindheit schwerhörig

Einmal winkt er bei einer gegnerischen Ecke einen Kollegen heran, um seinen Gegenspieler zu übernehmen, der dann trotzdem trifft – hätte er nicht im Abseits gestanden, wäre der Tag vielleicht anders gelaufen. Doch im Gegenzug erzielt Baris das 1:0, aus dem am Ende der 90 Minuten ein 6:0 geworden ist – und damit der höchste Bezirksliga-Sieg der Vereinsgeschichte. Tuncs Kopfballbilanz an diesem großen Tag: das übliche 0:0.

Allerdings gibt es kaum einen Fußballer, der dafür eine bessere Ausrede hätte als er. Wenn der 23-Jährige doch mal hochsteigt, kann es nämlich länger dauern, bis es weitergeht. Immer dann, wenn ihm doch mal die Hörgeräte aus den Ohren fliegen. „Ich hasse das“, sagt Tunc. „Die liegen dann auf dem Rasen. Man braucht ewig, um sie wieder zu finden – und alle müssen auf mich warten.“ Da ist man doch lieber ein Kopfballmuffel.

„Er weiß gar nicht, wie gut er ist“

Dass der Delmenhorster seit frühester Kindheit schwerhörig ist, hat auf dem Fußballplatz bisher allerdings noch die geringsten Folgen gehabt. Tunc hat in der Jugend auch mit den kleinen Mitspielern im Ohr fast durchgehend höherklassig gespielt, beim türkischen Klub ist er Stammkraft, „weil er zweikampfstark und schnell ist“, wie Trainer Önder Caki schwärmt. In zwölf von 14 Spielen stand Tunc in der Startelf, auch dank ihm steht der von vielen als Absteiger erwartete Club überraschend auf Platz fünf. Seinen Platz in der Vereinschronik hat Tunc ohnehin schon sicher, als Teil des Teams, das den 1982 gegründeten Verein im Sommer erstmals in die Bezirksliga führte. Er ist einer dieser Spieler, über die sein Trainer sagt: „Er weiß gar nicht, wie gut er ist. Manche Dinge nimmt er sich zu sehr zu Herzen.“

Hörgeräte für beide Ohren

Fußballerisch hat Tunc seinen Weg gemacht, im wirklichen Leben auch – wenn auch mit höheren Hindernissen. Im Alter von drei Jahren verlor er große Teile seines Gehörs, warum weiß bis heute niemand so genau. Als Kleinkind war er häufig krank und bekam regelmäßig Antibiotika verschrieben, was möglicherweise zum Hörverlust führte. Die Familie besuchte danach Experten in Deutschland und in der Türkei. „Meine Eltern haben alles versucht“, sagt Mert Tunc. Doch Rat wusste niemand.

Er bekam Hörgeräte für beide Ohren und eine intensive Förderung. Tunc besuchte eine Schule für Hörgeschädigte in Oldenburg und brachte es bis zum Realschulabschluss – ohne in der Schule Hänseleien ertragen zu müssen. „Auf der Oldenburger Schule saßen wir ja alle im selben Boot. Jeder hatte irgendwas mit den Ohren“, sagt Mert Tunc. Inzwischen arbeitet er als Fluggerätemechaniker bei Airbus in Bremen.

Ganz ohne Komplikationen, das weiß er, wird der Alltag aber nie laufen. Zurufe aus der Entfernung kann er oft nicht zuordnen, was im Job bisweilen auffällt. „Manchmal ruft mich jemand 30 Meter hinter mir. Ich höre das zwar, kann es aber nicht so einfach zuordnen“, erklärt er. Telefonieren ist auch nicht leicht, es fehlt der Gegenüber. „Es hilft mir, wenn ich von den Lippen ablesen kann. Am Telefon wird schnell gesprochen, das ist schwer für mich“, sagt er. „Ich schreibe lieber Textnachrichten.“ Mit der Aussprache hat er dank der frühen Versorgung mit Hörgeräten keine Schwierigkeiten, auch sie kann aber ab und zu undeutlich werden.

Einige Ärzte haben ihm schon zu einem drastischen Schritt geraten: Tunc könnte sich ein CI genanntes Cochlea-Implantat einsetzen lassen. Die Hörprothese wird unter der Haut in einer Vertiefung im Schädelknochen befestigt, eine Spule außen am Kopf wandelt den Schall in elektrische Impulse um, die direkt auf den Hörnerv geleitet werden. Allerdings müsste Tunc das Hören dann neu lernen. „CI-Hören funktioniert anders. Die Garantie auf eine Verbesserung bringt mir das auch nicht“, sagt er.

Fußball wäre mit CI fast unmöglich. Mit Hörgeräten dagegen haben es vereinzelt schon Spieler zum Profi gebracht: Simon Ollert lief vor drei Jahren sieben Mal für die Spielvereinigung Unterhaching in der 3. Liga auf, Stefan Markolf spielte 2007/08 acht Mal unter Jürgen Klopp für den FSV Mainz 05 in der Bundesliga. „Trotz Hörverlust kann man vieles erreichen“, sagt Ollert. „Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch.“

Mert Tunc spielt beim SV Baris an der Seite seiner Freunde

Der Profi-Zirkus ist für Tunc als Siebtligaspieler aber Lichtjahre entfernt, der Delmenhorster spielt zum Spaß beim SV Baris an der Seite seiner Freunde, mit denen er zum Teil schon in der Jugend beim TuS Heidkrug und dem TV Jahn Delmenhorst zusammen gekickt hat. „Mert ist ein emotionaler Mensch. Bei uns fühlt er sich wohl“, sagt Trainer Caki, der Tunc seit Kindesbeinen kennt – und weiß, wie er ihn ansprechen muss: „Ich achte darauf, dass ich Augenkontakt habe. Dann weiß ich, dass er mich versteht.“

Es gibt aber auch Mitspieler, die ohne Augenkontakt zu ihm durchdringen – es ist alles eine Frage der Lautstärke. Torwart Orhan Karakaya ist bei Baris-Spielen Abwehr-Organisator und Kommentator in einer Person, seine Anweisungen sind noch im angrenzenden Wohngebiet zu hören. „Orhan verstehe ich immer. Seine Stimme ist nicht zu verwechseln“, scherzt Tunc, der sich von seinem Schlussmann oft genug einen Rüffel abholt. Die Baris-Abwehr ist mit 35 Gegentoren eine der anfälligsten der Liga, speziell an der Lufthoheit im Strafraum hapert es häufig. An Mert Tunc kann es jedenfalls nicht liegen.