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DFB-Chef zu Gast Reinhard Grindel diskutiert in Wildeshausen mit Vereinen

Von Daniel Niebuhr | 17.11.2016, 23:40 Uhr

DFB-Präsident Reinhard Grindel diskutiert in Wildeshausen mit Fußball-Funktionären. Der Verbandschef zeigt Verständnis für die Probleme der Basis, gibt aber auch Kontra – und nimmt vom Bürgermeister die Bewerbung für ein Länderspiel entgegen.

Wildeshausen. Vielleicht war es der Hunger, vielleicht auch seine Wertschätzung für Lebensmittel im Allgemeinen, jedenfalls war Reinhard Grindel gestern Nachmittag zwischenzeitlich ein wenig besorgt. „Was wird denn aus den Schnittchen?“, fragte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, als er vom kleinen in den großen Saal der Wildeshauser Gildestube umzog – und die fast gänzlich verschmähten Snackteller auf den Tischen sah. Man trug sie ihm und seinen Gästen schließlich hinterher, er hatte jedoch nicht wirklich viel davon. Zu viele Hände gab es zu schütteln, zu viele Fragen zu beantworten und für zu viele Fotos zu posieren – der DFB-Chef kam bei seinem Besuch in der Kreisstadt nicht zum Essen.

Erst Ahlhorn, dann Wildeshausen

Allerdings war Grindels Stippvisite ja auch nicht kulinarisch motiviert gewesen. Der 55-Jährige tourt immer mal wieder durch die Republik, um sich im Amateurbereich – an der vielzitierten Basis – nach Problemen umzuhören, dieses Mal war er auf Einladung der CDU-Bundestagsabgeordneten Astrid Grotelüschen in den Landkreis Oldenburg gekommen. Zunächst diskutierte er beim Ahlhorner SV gute 30 Minuten über Fußball und Integration, dann fuhr er weiter nach Wildeshausen, um zunächst mit gut 30 Gästen im kleinen Saal der Gildestube zu sprechen und schließlich in größerer Runde den 50 Besuchern vom Alltag eines DFB-Chefs zu berichten und Fragen zu beantworten.

Grindel verteidigt Futsal

Wenn er kommt, ist die Atmosphäre aber nicht immer durchgehend kuschelig, wie Grindel auch gestern feststellen musste. Mehrfach musste er vom DFB beschlossene Vorgaben verteidigen, die einigen Vereinsvertretern sauer aufstießen; teilweise entwickelte sich eine erfrischend offene Diskussion. Zunächst teilte ihm Fußball-Obmann Ottmar Jöckel vom VfL Wildeshausen seine Meinung zum Futsal mit, das ab kommendem Jahr den klassischen Hallenfußball bei offiziellen Turnieren ablösen soll: „Futsal ist kein Fußball, wir bedauern diesen Wechsel, das wollte ich mal gesagt haben.“ Grindel blieb gelassen, er wisse um die Tradition des Hallenfußballs, verwies aber auf die größere spielerische Qualität des Futsals. Außerdem komme die Vorgabe von der FIFA: „Wir können also ohnehin nichts ändern, lasst uns was draus machen.“

Mit dem Bus zur Umweltministerin?

Später hatte es sich Grindel neben Grotelüschen auf einem roten Sofa bequem gemacht, unbequem blieben allerdings manche Fragen. Abteilungsleiter Marco Castiglione vom TV Jahn, der mit seinem Verein unter verschärften Lärmschutzauflagen auf der Anlage am Delmenhorster Brendelweg zu leiden hat, wollte den Funktionär zu einer gemeinsamen Petition für eine tolerantere Regelung animieren und stieß auf offene Ohren. „Ich sehe das in jeder Hinsicht genauso. Ich verspreche, dass die Sache auf meiner Agenda steht, ich bin das ja auch langsam leid.“ Er werde in der kommenden Woche mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks telefonieren, um den Druck zu erhöhen: „Die Bundestagswahl im nächsten Jahr kann eine Chance sein. Politiker sind im Vorfeld oft eher bereit, hilfreichen Entscheidungen zu treffen“. Zur Not werde man „mit einem Bus aus Delmenhorst in Hendricks Wahlkreis fahren“, sagte er – und sah nicht einmal aus, als würde er scherzen.

Überhaupt waren die Worte des DFB-Chefs für den Fußball-Kreis Oldenburg-Land/Delmenhorst und den VfL Wildeshausen bemerkenswert schmeichelhaft. Der Mädchenfußball sei beispielsweise beeindruckend, die Zuschauerzahlen ebenfalls – nicht nur wegen des von 4000 Fans besuchten Bezirksliga-Finals der Wildeshauser gegen Atlas Delmenhorst im Mai 2015: „Das ist natürlich eine unfassbare Zahl.“ Die Integrationsarbeit der Clubs der Region – namentlich nannte er den Ahlhorner SV und den VfL Wildeshausen – sei stark.

Wildeshausen will Länderspiel ausrichten

Er bekam auch ein ungewöhnliches Souvenir , nämlich die Wildeshauser Bewerbung auf ein Junioren-Länderspiel, die Bürgermeister Jens Kuraschinski überreichte. Grindel versprach, sie weiterzugeben, warnte allerdings: „Es kann auch 2018 werden, wir waren ja gerade hier in der Gegend.“ Womit er auf das U16-Länderspiel Deutschland gegen Österreich vom 3. Oktober in Delmenhorst anspielte.

Kontra gab Grindel auch gelegentlich, zum Beispiel bei der Kritik an einigen, für den Amateurbereich womöglich zu starren Auflagen – wie der selbst in den Kreisklassen vorgeschriebenen Eingabe des Spielberichts ins DFB-System innerhalb einer Stunde: „Ihr wollt doch alle sofort wissen, wie die anderen gespielt haben. Es hilft allen, wenn der Bericht schnell eingeben wird.“

Natürlich schwelgte Grindel auch in der großen Fußball-Welt, er verteidigte den DFB nach der Krise um die WM-Vergabe 2006 („Wir können nur Seriösität vorleben“), schwärmte vom Papst-Besuch mit der Nationalmannschaft vier Tage zuvor („Wunderbar!“) und beurteilte die Chancen der deutschen Bewerbung auf die EM 2024 als „sehr gut“.

Weil der Tag auch für den höchsten Bürger Fußball-Deutschlands nur 24 Stunden hat, konnte Grindel jedoch selten ins Detail gehen – obwohl er das Fachwissen dazu zweifellos nachwies. Die meisten Bierdeckel, auf die die Gäste ihre Fragen geschrieben hatten, lagen noch auf den Tischen, als Grindel durch die Glastür des großen Saals entschwand. Ob er sich noch Schnittchen für unterwegs mitgenommen hat, ist nicht bekannt.