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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Als Delmenhorsts Liebe den Leichathleten galt ...

Von Richard Schmid | 26.08.2017, 17:54 Uhr

Delmenhorst entwickelte sich in den 1950er Jahren zu einer Sportmetropole. Höhepunkt waren die DM-Titelkämpfe im Marathonlauf und 50-Kilometer-Straßengehen sowie die Leichtathletik-Junioren-Meisterschaften. Bei letzterer starte auch der Delmenhorster Julius Müller.

„Delmenhorsts besondere Liebe gilt den Leichtathleten.“ So titelte im August 1959 das Delmenhorster Kreisblatt in seinem Vorschaubericht auf die in der Delme-Stadt vom 15.-16. August stattfindenden deutschen Juniorenmeisterschaften. Zwei Tage stand Delmenhorst nicht nur im Zeichen des bundesdeutschen Leichtathletik Nachwuchses, auch die deutschen Titelkämpfe im Marathonlauf sowie im 50 Kilometer Straßengehen gingen in der „sportfreudigen Stadt“ (Kreisblatt) über die Bühne.

In der Tat hatte sich Delmenhorst in den 1950er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer wahren Sportmetropole entwickelt: Sechs deutsche und sieben Landesmeisterschaften – nicht nur der Leichtathleten, sondern auch der Turner, Handballer und Boxer, zudem viele große auch internationale Turniere im Hockey und Faustball – fanden hier ihre Heimat.

 Einnerungen an die Juniorenmeisterschaften 1959: Die Abbildung der Goldmedaille dieser Meisterschaften, die vom Sportlermuseum Frank Scheffka (Oldenburger Straße 153 in Delmenhorst), zur Verfügung gestellt wurde. Foto: Richard Schmid

Gut 6000 Zuschauer erlebten bei den Juniorenmeisterschaften, die übrigens nur dem männlichen Nachwuchs vorbehalten blieben, teilweise hervorragende Leistungen der bundesdeutschen Leichtathleten. Vor allem die Resultate im Sprint konnten sich sehen lassen: Peter Gamper, 1962 in Belgrad Europameister mit der 4x100-Meter-Staffel und Bronzemedaillengewinner über die kurze Sprintstrecke, zeigte bei diesen Titelkämpfen sein großes Talent: Dreimal – im Vor-, Zwischen- und Endlauf – lief der damals 18-jährige Athlet im 100-Meter-Lauf 10,4 Sekunden. Auf einer Aschenbahn und nicht wie heute üblich auf Kunststoff, das deutlich schnellere Zeiten erlaubt. (Weiterlesen: 8000 Zuschauer bei Leichtathletik-Wettkampf in Delmenhorst) 

Auch weitere Athleten, die später national wie international für hervorragende Leistungen standen, findet man in den Ergebnisslisten: Bernd Cullmann, 1959 in Delmenhorst Zweiter im 200-Meter-Lauf, wurde 1960 in Rom gemeinsam mit Weltrekordmann Armin Harry Olympiasieger mit der 4x100-Meter-Staffel in der damaligen Weltrekordzeit von 39,5 Sekunden. Bernhard Nermerich, 1959 noch Dritter im 10-Kilometer-Straßengehen, gehörte in den Folgejahren zu den besten deutschen Gehern. 21 deutsche Meistertitel sowie eine Olympiateilnahme 1968 schmücken seine Vita.

Julius Müller und seine bittere Erinnerung

Für den wohl einzigen Delmenhorster Leichtathleten von internationalem Format haben diese Titelkämpfe bis heute allerdings einen bitteren Beigeschmack. Der damals 21-jährige Julius Müller, wie Bernhard Nermerich Geher, wollte eigentlich ebenfalls im 10-Kilometer-Gehen seine Chance suchen. Doch es kam anders, wie Müller sich erinnert: „Ich habe mich von meinem Trainer breit schlagen lassen, die 50 Kilometer in Angriff zu nehmen.“ Zum Hintergrund: Man wollte unbedingt den Titel bei der Mannschaftsmeisterschaft im 50-Kilometer-Gehen holen. Müller, der in Hamburg seine Wehrpflicht ableistete, startete für den Hamburger SV, und eben dieser HSV galt als großer Favorit auf diesen Titel.

Im Einzel klappte es dann auch: Claus Bartels wurde deutscher Meister, Julius Müller ging leer aus, da er – lange Zeit mit an der Spitze liegend – nach 38 Kilometer erschöpft aufgeben musste. „Dass ich nicht über die 10 Kilometer gestartet bin, ärgert mich heute noch. Ich hatte aufgrund meiner Vorleistungen gute Chancen ganz vorne zu landen“, sagt der heute 79-Jährige. „Ich wollte doch so gern in meiner Heimatstadt Deutscher Meister werden“.

Julius Müller feierte später große Erfolge

Die große Zeit von Müller sollte jedoch noch kommen: 14 deutsche Meistertitel, 18 Länderkämpfe sowie neun deutsche Rekorde – eine stolze Bilanz. 1968 vertrat er neben Bernhard Nermerich bei den Olympischen Spielen in Mexiko die bundesdeutschen Farben. Der Delmenhorster, der neben dem HSV auch für Eintracht Frankfurt startete, holte auch zwei deutsche Meistertitel für den Delmenhorster TV: 1969 über 20 Kilometer Gehen und 1970 in der Halle über 10000 Meter Gehen.

Nach 1953 waren die Juniorenmeisterschaften im August 1959 die letzten deutschen Titelkämpfe, die in der Delme-Stadt stattfanden. Eigentlich – liest man die damalige, nicht nur örtliche Presse – erstaunlich, fanden doch diese Meisterschaften eine überaus positive Resonanz: So schrieb die Fachzeitschrift „Leichtathletik“: „Wieder zeigte es sich, dass diese 55000-Einwohner-Stadt mit ihrer vorzüglichen Stadtverwaltung Garant dafür ist, dass auch Veranstaltungen größeren und bedeutenderen Ausmaßes in dieser Stadt durchgeführt werden können.“ Diese Zeiten sind vorbei, denn das Stadion an der Düsternortstraße, von „Leichtathletik“ noch als „wahres Schmuckstück“ bezeichnet, genügt heute den gestiegenen Anforderungen nicht mehr.