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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Der SV Baris – kleiner Verein mit großer Wirkung

Von Frederik Böckmann, Frederik Böckmann | 30.04.2017, 11:58 Uhr

Am 10. Januar 1982 gründeten 40 türkisch-stämmige Delmenhorster den Friedensklub SV Baris. Obwohl die Fußballer viele Erfolge feierten, steht nicht der Sport an erster Stelle, sondern vor allem dies: die Integrationsarbeit.

Nein, die Meisterschaft in der Fußball-Kreisliga wird der SV Baris an diesem Sonntag noch nicht feiern können. Egal wie die Ergebnisse des Tabellenführers und der Verfolger TSV Ganderkesee und VfR Wardenburg ausfallen. Fakt ist aber auch: der türkische Klub spielt eine herausragende Saison. Er ist auf dem besten Weg, zum zweiten Mal nach 2004 den Sprung auf die Bezirksebene zu schaffen. „Wir ernten jetzt wieder einmal die Erfolge unserer harten Arbeit“, sagt Cengiz Caki.

Cengiz Caki ist seit 2009 Vorsitzender des Sportvereins und einer der Gründunmitglieder des Clubs. Als Caki diesen Satz spricht, nicken ihm Mustafa Uygun, Dervis Ugurlu und Deniz Bastürk zu. Dieses Quartett prägte und prägt die Geschichte des SVB entscheidend mit, als sie bei alten Fotos und verbleichten Zeitungsartikeln auf ihre Geschichte zurückblicken. Mit der Ernte und den Erfolgen meint Caki aber nicht nur den Aufschwung der Kreisliga-Fußballer – sondern das, was der Verein in den vergangenen 35 Jahren seines Bestehens erreicht hat. Einen eigenen Fußballplatz, seit kurzem neue Umkleidekabinen und vor allem dies: erfolgreiche Integrationsarbeit.

SV Baris will Vorurteile gegen Ausländer abbauen

Dass der SV Baris heute einmal „mit Stolz“ (Caki) auf eine 35-jährige Geschichte zurückblickt, damit konnten Caki, Ugurlu und Uygun als Gründungsmitglieder des Vereins Anfang 1980er Jahre noch nicht rechnen. Das Trio war wie viele andere türkisch stämmige Delmenhorster schon damals Mitglied im Verein der Arbeiter und Jugendlichen, spielte aber noch in anderen Vereinen Fußball. Caki etwa bei Hürriyet, Ugurlu beim SV Atlas. „Irgendwann“, erzählen Urgulu, Uygun und Caki, „haben wir den Bedarf gesehen, dass wir die Jugendlichen betreuen und besser integrieren müssen. Und: wir wollten natürlich auch die Vorurteile gegen Ausländer abbauen.“

Also kam ihnen mit vielen anderen Mitstreitern die Idee, einen Sportverein zu gründen. Das viele der 40 Gründungsmitglieder auch mit der in Deutschland aufkommenden Friedensbewegung sympathisierten, war die Namensgebung auf Gründungsversammlung am 10. Januar 1982 für den Sportverein schnell gefunden: Baris - das türkische Wort für Frieden.

SV Baris und die Probleme mit der Vereinssatzung

Bis Baris im Stadtsportbund und im Fußball-Kreis Delmenhorst aufgenommen worden war, vergingen allerdings noch einmal vier Monate. Denn neue Verein musste noch eine Vereinssatzung schreiben. Das Problem: Bei Baris hatte niemand Ahnung, wie dies zu handhaben ist. „Wir sind komplett bei Null angefangen. Wir hatten null Erfahrung“, erzählt Uygun. Hinzu kamen die damals noch mäßigen Deutsch-Kenntnisse.

„Ich musste die Satzung vier oder fünf Mal um- oder neuschreiben. Entweder waren da inhaltliche Fehler oder Rechtschreibfehler. Das war grausam, richtig harte Arbeit. Eine Qual“, sagt Caki und lacht. „Aber der Fußball-Kreis-Vorstand hat uns dann sehr viel geholfen.“ Ab Mai 1982 war der SV Baris dann auch im Vereinsregister aufgenommen.

SV Baris feiert schon früh erste Erfolge

Die Mühen mit dem Papierkram sollten sich aber lohnen. Denn bereits ab der Saison 1982/1983 nahm Baris am Spielbetrieb teil, stieg direkt drei Mal in Folge aus der 3. Kreisklasse in die Kreisliga auf und gewann Ende der 1988 bis 1990 drei Mal in Folge seine ersten drei Kreispokale. Das Kuriose: In jenen Anfangsjahren setzten sich die Fußballer praktisch nur aus drei Familien zusammen: den Cakis, den Bastürks, den Uyguns. „Vielleicht waren wir deshalb auch so erfolgreich: Denn die Spieler und Schiedsrichter konnten uns kaum auseinanderhalten“, schmunzelt Caki. „Wir waren eine große Familie.“

Diese familiäre Atmosphäre war auch ein Erfolgsrezept in der sportlich erfolgreichsten Zeit des SVB Anfang und Mitte der Nuller Jahre. Von 2004 bis 2006 spielte Baris unter Trainer Claus-Dieter Meier mit Kickern wie den Balikci-Brüdern, Nebil und Hakan Elmaz, dem heutigen Coach Önder Caki oder auch schon Mikel Kirst in der Bezirksklasse, wurde erst Neunter und dann Elfter, um dann nur wegen der Spielklassen-Reform abzusteigen.

Beim SV Baris spielen Fußballer vieler Nationen

Den Familien-Gedanken leben sie beim SV Baris vor allem natürlich bei seinem traditionsreichen Frieden- und Freundschaftsturnier, das in diesem Jahr am 2. Weihnachtstag seine bereits 32. Auflage erlebt. Aber auch auf dem Spielfeld. Die Zeiten, in den sich die Fußballer nur aus türkisch stämmigen Spielern rekrutierte und untereinander nur türkisch gesprochen wurde, sind längst vorbei. Cengiz Caki betont: „Praktisch alle Nationen, die in Delmenhorst wohnen, spielen auch bei uns Fußball.“ In zur Zeit vier Senioren-Mannschaften, zwei Junioren-Teams und einer Mädchenmannschaft. 

Beim SV Baris geht es aber längst nicht nur um Fußball. „Wir sind offen für alles und alle Sportarten. Wenn das Interesse besteht“, sagt der 2. Vorsitzende Bastürk und weiß, wovon er spricht. Denn, was viele gar nicht wissen: Beim SV Baris wurde in den 1990er Jahren sogar Basketball angeboten. Von 1994 bis 1996 spielten die „Globes“ in der Kreisliga – mit Bastürk als Center. 

SV Baris will Jugendlichen „den richtigen Weg weisen“

Seine stärksten Leistungen, da sind sich Bastürk, Cenigz Caki, Uygun und Ugurlu ein, vollbringt der Sportverein aber nicht auf einem Spielfeld. Sondern zeigt er bei seiner sozialen Komponente. Ob Hausaufgabenbetreuung, Musikunterricht, oder Hilfe bei der Ausbildung, dem Studium oder der Arbeit – das zeichne den SV Baris seit 35 Jahren aus. „Wir holen Kinder und Jugendliche von Straße und versuchen ihnen, die richtigen Wege zu zeigen“, sagt Cengiz Caki. Und Ugurlu betont: „Wir leisten soziale ehrenamtliche Arbeit, die mit Geld nicht zu bezahlen ist.“ Die Botschaft, die der SV Baris transportieren will, ist für Bastürk vor allem diese: „Wir sind ein kleiner Verein, aber die Wirkung ist groß.“

SV Baris gewinnt innerhalb von drei Jahren fast 100 neue Mitglieder

Wohl auch aus diesem Grund freut sich der Sportverein seit einiger Zeit wieder über steigende Mitgliederzahlen: 2013 hatte er noch 173 Mitglieder, Ende 2016 waren es dann 269 Sportler - Tendenz steigend. Die Mitglieder kommen aus dem gesamten Stadtgebiet und aus allen Bevölkerungsschichten. Warum das so ist, erklärt Bastürk so: „Wir unterstützen auch die sozial Schwachen. Wer keine Mitgliedbeiträge bezahlen kann, der darf auch so bei uns mitmachen“, sagt der 2. Vorsitzende. „Und wir sind demokratischer geprägt und nicht so konservativ organisiert wie vielleicht andere ausländische Vereine.“

Harte Arbeit zahlt sich auf Dauer irgendwann aus - das sind sie sich beim SV Baris einig und das sind sie gewohnt. An der Lerchenstraße hat der Verein einen eigenen Fußballplatz mit Flutlicht (seit 2014) und ein neues Kabingebäude mit vier Umkleiden (seit 2016). Doch einen Wunsch konnte sich der Verein in seinen 35 Jahren noch nicht erfüllen: ein eigenes Vereinsheim. Das Vereinsleben spielt sich zum großen Teil an der Louisenstraße ab, wo der Sportverein die Räume des Vereins der Arbeiter und Jugendlichen mitnutzt. Die räumliche Entfernung zum Sportplatz, finden Caki und Co., sei deshalb zu groß.

SV Baris träumt vom Vereinsheim an der Lerchenstraße

„Das Baurecht erlaubt an der Lerchenstraße nur Anbauten, die dem Sport dienen“, schüttelt Architekt Bastürk den Kopf. Dabei hätte der Verein auch gerne Vereinsheim und Geschäftsstelle ebenfalls im Gebäude an der Lerchenstraße integriert. „Die Stadt und Politik befürchtet, dass wir da auch Hochzeiten feiern“, sagt Caki und muss schmunzeln: „Wie soll das denn gehen? Wenn Türken Hochzeiten feiern, dann doch mit mindestens 1000 Leuten.“

Auch wenn beim SV Baris großes Unverständnis darüber herrscht, an der Lerchenstraße nicht erweitern zu dürfen, nehmen sie diese Entscheidung doch gelassener auf, als noch zu seinen Anfangszeiten ihres Bestehens. „Wir sind reifer geworden“, bestätigt Uygun. Was nicht heißt, dass der aktuelle Baris-Vorstand nicht weiter engagiert für die Verwirklichung seiner Ziele kämpft.

Gelingt SV Baris der Bezirksliga-Aufstieg im 35. Jahr?

Da passt es gut, dass die erste Mannschaft seit dieser Saison in sportlicher Hinsicht auf sich aufmerksam macht - und im Sommer vielleicht sogar die zweite Kraft im Delmenhorster Fußball werden könnte. Als künftiger Bezirksligist den bisher größten sportlichen Erfolg der Vereins zu feiern? Es gebe für den SV Baris sicherlich schlechtere Drehbücher für seine 35-jährige Geschichte. Und Cengiz Caki könnte rückblickend einmal mehr über seine Qualen beim Schreiben der Vereinsatzung schmunzeln.