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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Der SV Tur Abdin – mehr als nur ein Sportverein

Von Frederik Böckmann, Frederik Böckmann | 30.04.2016, 13:33 Uhr

Tuma Uyar, Yusuf Yousef, Daniel Yousef und Andreas Seven – ihren Namen sind eng mit der Geschichte des aramäischen Klubs SV Tur Abdin Delmenhorst verbunden. Das Quartett erinnert sich an die Vergangenheit, spricht über die Gegenwart und blickt in die Zukunft.

Sie lachen und scherzen, sie diskutieren über Trainer und Spieler, sie sprechen über viele Höhepunkte und einige schlechtere Phasen. Die Yousef-Brüder Yusuf und Daniel sowie Andreas Seven sind gut drauf an diesem nass-kalten Wochentag Ende April. In ein paar Tagen steigt das für den SV Tur Abdin mit Spannung erwartete Stadtduell in der Fußball-Bezirksliga gegen den SV Atlas. Auch im Bistro des Tennisclubs BW Delmenhorst wird schon fleißig über das Duell der beiden Stadionnachbarn diskutiert. Etwa 4000 Zuschauer pilgerten bisher zu den ersten drei Duellen der beiden Clubs in das Stadion in Düsternort.

Nach der Saison werden sich die Wege beider Vereine höchstwahrscheinlich wieder trennen. Für das Trio, das als Spieler oder Trainer die Geschichte des aramäischen Klub entscheidend mitprägte, ist das kein Problem. „Wir freuen uns riesig, wenn Atlas in die Landdesliga aufsteigt. Das macht auch uns stolz“, sagt Andreas Seven und betont die ausstrahlende Wirkung des SVA für den gesamten Delmenhorster Fußball. Das Verhältnis zwischen Tur Abdin und dem neu gegründeten SV Atlas – es ist ausgesprochen gut, ja sogar sehr freundschaftlich.

Ab Mitte der 1990er setzt der SV Tur Abdin zum Höhenflug an

Das war nicht immer so. In den 1990er Jahren, als Atlas in der damals drittklassigen Regionalliga spielte, hätte Tur Abdin auf dem Stadiongelände „nichts zu melden“ gehabt, erzählt Daniel Yousef lächelnd. Atlas habe den Trainingsnachbarn zwar akzeptiert, aber mehr nicht. Dabei waren die 1990er Jahre die Zeit, als es auch beim SVT fußballerisch bergauf ging und er zu einem wahren Höhenflug ansetzte.

Tur Abdin stürmte Mitte der 1990er Jahre aus den Niederrungen der Kreisklasse über die Kreisliga und Bezirksklasse bis in die Bezirksliga. Der Sportverein schlug in Freundschaftsspielen den Drittligisten SG Wattenscheid 09, die litauische U21-Nationalmannschaft und wurde zwei Mal Hallen-Stadtmeister. „Gefühlt waren wir die aramäische Nationalmannschaft“, sagt Daniel Yousef rückblickend. „Spielerisch gab es auch keinen besseren Tur-Abdin-Jahrgang als diesen“, meint der 42-Jährige  – und weiß, wovon er spricht. Der Angreifer geht bereits in seine 24. Saison beim SVT und hat beim Video-Studium von Tur-Abdin-Spielen aus der jüngeren Vergangenheit im Vergleich dies festgestellt: „Eine hohe Fehlpassquote hatten wir damals nie. Und lange Bälle von hinten raus? Das gab‘s bei uns nicht.“

Yousef-Brüder lehnen Angebote von höherklassigen Mannschaften ab

Andreas Seven, der damals als Jugendlicher von der Tribüne aus mitfieberte, sagt: „Tur Abdin hatte in den 1990er Jahren in ihrer Truppe Bombenfußballer.“ Wie Daniel Yousef, den Torjäger vom Dienst, der nach eigenen Zählungen bislang rund 500 Tore für den SVT erzielt hat. Wie Stürmer Robil Uyar. Wie den Strategen Yusuf Yousef. Oder wie viele andere.

Klar, dass diese Spieler auch die Begehrlichkeiten von anderen Clubs weckten. Vor allem die Yousef-Brüder hatten mehrere Angebote aus höheren Ligen vorliegen. Daniel Yousef, absolvierte auch ein Probetraining beim SV Atlas. Der Mittelstürmer widerstand dann aber doch dieser und anderen Verlockungen. Er blieb wie viele andere Kicker, die das Potenzial für semi-professionellen Fußball hatten, beim SVT. Für Yusuf Yousef kam es nie in Frage, den Verein zu verlassen. „Tur Abdin ist mehr als nur Fußball. Es geht um das Familiäre, die Gemeinschaft“, erzählt der 43-Jährige und glaubt: „Ohne den Sport wäre der Zusammenhalt in der aramäischen Gemeinde in Delmenhorst vielleicht nicht so stark, wie er es heute ist.“

Tur Abdin „ein Baby, das man gemeinsam großzieht“

Bei Tur Abdin spielten in der Vergangenheit immer Akteure, die keine aramäischen Wurzeln haben. Warum der Verein auch für sie eine Herzensangelenheit sei, erklärt Andreas Seven so: „Tur Abdin ist ein Baby, das man gemeinsam großzieht.“ Mit allen Höhen und Tiefen, positiven und negativen Erlebnissen. „Dieses Baby lässt man nicht so einfach los“, sagt Seven und erklärt damit auch, warum Betreuer wie die Sen-Brüder Susem und Iskender, Jakob Prieb und Süleyman „Sillo“ Celik („Mr. Tur Abdin“) zu jeder Tag- und Nachtzeit für den Verein im Einsatz sind.

Seven selbst galt früher als Riesentalent, spielte in der A-Jugend von Werder Bremen (wie übrigens auch Daniel Yousef) und träumte davon, in der ersten Tur-Abdin-Mannschaft zu kicken. Schwere Knieverletzungen zwangen ihn jedoch früh zum Ende der Laufbahn. Ein kleines Stück Abdin-Geschichte prägte er jedoch auch mit: nämlich den furiosen Schlussspurt in der Saison 2005/2006, an den sich junge wie alte Tur-Abdin-Anhänger gerne zurück erinnern.

Andreas Seven und „das achte Weltwunder“

Es war jene letzte Saison, als die Bezirksklasse abgeschafft wurde. Aufstieg in die Bezirksliga? Oder Abstieg in die Kreisliga? Tur Abdin drohte nach 14 sieglosen Spielen das selbst gesteckte Ziel „Bezirksliga-Quali“ mit Pauken und Trompeten zu verpassen. Also übernahm der damals erst 24-jährige Seven für die letzten zehn Spieltage das Kommando. „Wir mussten quasi jede Begegnung gewinnen“, erzählt Seven – und erinnert sich an Nerven aufreibende Spiele. Etwa an einen genialen Siegtreffer von Yusuf Yousef am drittletzten Spieltag in der Nachspielzeit, einem wütenden Daniel Yousef am vorletzten Spieltag, der auf Grund vergebener Großchancen während des Spiels sein Trikot zerrissen hatte und an die Aufstiegsfeier nach dem rettenden Sieg am letzten Spieltag, nachdem Seven damals sagte: „Das ist das achte Weltwunder.“

Die Geschichte des SV Tur Abdin – sie wäre wahrscheinlich anders verlaufen, wenn es nicht diesen Mann im Verein geben würde: Tuma Uyar. Ihn zog es nach einigen Jahren beim SVA 1988 zum damals noch als FC Mizizah eingetragenem Klub. „Tuma ist eine Ikone, unser Fußballgott“, schwärmt Andreas Seven noch heute. Daniel Yousef meint: „Tuma konnte alles am Ball.“ Und: „Was er sagte, hatte Gewicht.“

1997 Umbenennung vom FC Mizizah in den SV Tur Abdin

Uyar war Spieler, Trainer und bis Ende der 1990er Vorsitzender, ehe er dieses Amt an Wahib Yousef abgab. Die sportlichen Erfolge findet der ehemalige Spielmacher und Torjäger rückblickend „klasse“. Wichtiger sei Uyar aber schon damals gewesen, dass Tur Abdin viel mehr sei, als ein normaler Sportverein. „Er verbindet Menschen.“ Deshalb war der heute 53-Jährige auch treibende Kraft bei der Umbenennung des Vereins vom FC Mizizah in den SV Tur Abdin, die er so begründete: „Anfangs kamen die Delmenhorster Aramäer zu 99 Prozent aus dem Ort Mizizah. Später dann aus der gesamten Region Tur Abdin.“ So sollten sich alle Aramäer aus Delmenhorst mit dem Sportverein verbunden fühlen.

Zurück zur Gegenwart: In der Bezirksliga schwebt die erste Mannschaft in Abstiegsgefahr. Ob der SVT in der kommenden Saison in der Bezirksliga oder in der Kreisliga spielt, findet Urgestein Uyar eher zweitrangig. Priorität habe für ihn vielmehr „die Stabilität des Vereins. Er muss langfristig gesund bleiben.“ Wie das am besten gelinge? „Mit der Jugend“, sagt Uyar. Die Nachwuchsarbeit habe der Verein in der Vergangenheit schleifen lassen, räumt er auch selbstkritisch ein. Mit der von Daniel Karli und Lukas Matta betreuten C-Jugend sei zumindest ein erster Schritt gemacht.

Seven ist um die Zukunft seines Vereins jedenfalls nicht bange. Er spricht das aus, was die Philosophie der Aramäer wohl am besten beschreibt: „Tur Abdin verkörpert Werte, die man nicht bezahlen kann.“