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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Dieter Kunert siegt mit FC Roland – und wandert später aus

Von Lars Pingel | 24.09.2017, 10:02 Uhr

Dieter Kunert spielte bis 1959 für den FC Roland Delmenhorst in der Fußball-Amateuroberliga. Dann wanderte er zum ersten Mal nach Australien aus. Inzwischen lebt er dort seit 1983.

Im Frühjahr 1952 wirbelte in der B-Jugend-Mannschaft des FC Roland Delmenhorst ein Mittelfeldspieler, der schon wenig später, im Sommer, den Sprung in die Amateuroberliga-Mannschaft, zu den „Blau-Weißen“ wie die Fans sagten, schaffte. „Ich bin schon mit 16 Jahren mit einer Ausnahmegenehmigung in die Männermannschaft hochgerückt“, erzählte Dieter Kunert 65 Jahre später von dieser Zeit. Das habe es auch damals nicht oft gegeben. „Erst habe ich halblinks gespielt, später linker Verteidiger.“ Der 81-Jährige ist zu Besuch in Ganderkesee, in der Nähe der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Dort feiert er mit seiner Familie den 80. Geburtstag von Helga Schlarmann, der Lebensgefährtin seines Bruders Horst Kunert. Sein Zuhause ist aber seit 1983 Canberra, die australische Hauptstadt. Damals verlies Dieter Kunert Delmenhorst bereits zum zweiten Mal, 1959 war er zum ersten Mal ausgewandert.

Dieter Kunert denkt gerne an Derbys zurück

Zwei Mannschaften bestimmten in den 50-er Jahren das Fußballgeschehen in der Stadt. Außer dem FC Roland trat auch der SSV in der höchsten Amateurliga und der zweithöchsten Klasse überhaupt an. „Die Derbys waren immer etwas Besonderes“, sagt Kunert. Die heimliche, zweimal pro Saison ausgetragene Stadtmeisterschaft begeisterte die Fußball-Anhänger, vierstellige Zuschauerzahlen waren die Regel. Es sind aber nicht nur die Spiele, die ihm in Erinnerung geblieben sind. Genauso prägend seien die Freundschaften gewesen, die innerhalb der Mannschaft um Delmenhorster Fußball-Legenden wie beispielsweise Günter Klosa und Erich Dauelsberg entstanden. „Der Kontakt ist immer geblieben“, erzählte Kunert. Er war im FC Roland groß geworden. „Ich habe immer dort mitgespielt, schon als Junge. Damals durfte man aber erst mit zehn Jahren in einer Mannschaft auflaufen.“

Der FC Roland verhinderte 1953 in einem Entscheidungsspiel in Brake den Abstieg: Er besiegte den TuS Varel mit 3:1, die folgenden Spielzeiten beendete die Mannschaft auf den Rängen zehn, 14 – was wieder zu einer Relegationspartie führte, die die Delmenhoster in Vechta mit 3:1 gegen den punktgleichen VfL Oldenburg gewannen – zwölf und 15. Dieser 15. Rang bedeutete den Abstieg in die Amateurliga 2.

Dieter Kunert, der in Breslau geboren wurde und 1945 zu seiner Großmutter nach Delmenhorst kam, pendelte mit dem Fahrrad zwischen seinem Arbeitsplatz in Bremen und dem Trainingsplatz des FC Roland, erzählte er. Er hatte nach der Schule in Bremen eine Maler-Lehre absolviert. „Schuld daran war ein Vertreter für Radios“, berichtete Horst-Dieter Kunert, der Neffe von Dieter Kunert, lachend. „Ja“, bestätigte dieser. „Er klingelte bei uns an der Tür. Meine Oma sagte zu ihm, sie würde ein Gerät kaufen, wenn er eine Lehrstelle für mich hätte.“ Der Vertreter kannte einen Malermeister in Bremen.

Sieben Jahre in Australien

Im Winter 1959, viele Handwerker mussten damals in dieser Jahreszeit stempeln, fiel Dieter Kunert zusammen mit einem Kollegen eine Zeitungsschlagzeile auf. „Come to sunny Australia, stand über einem Artikel, in dem es darum ging, dass es dort viele freie Arbeitsplätze gibt“, erzählte er. Spontan entschlossen sich die beiden, dorthin zu gehen. „Wir wollten arbeiten, Geld verdienen“, sagte Kunert. Und ein bisschen Abenteuerlust war auch dabei. Der Fußball habe ihm in Australien geholfen, Menschen kennenzulernen und Arbeit zu finden. „Damals spielten Mannschaften nach der Herkunft der Spieler, die sie gegründet hatten. Ich habe für ein holländisches und dann für ein österreichisches Team gespielt.“ Kunert arbeitete selbstständig, traf seine spätere Frau. „Sie hat irgendwann gesagt, dass sie jetzt Deutschland und Delmenhorst kennenlernen will.“ 1966 war es soweit: Das Ehepaar zog nach Delmenhorst. Kunert fand eine Stelle bei VfW Fokker in Bremen, seine Frau eine beim Katasteramt der Stadt. Fußball spielte Kunert dann auch noch eine Weile.

In Australien Firma gegründet

17 Jahre später fanden Dieter Kunerts Schwiegereltern, dass es an der Zeit wäre, dass er und seine inzwischen verstorbene Frau wieder nach Australien kämen. Und sie gingen zurück. Kunert, der zwei Töchter hat, gründete dort die Firma „Southern Cross Painters“, für die er immer noch arbeitet. Er verfolgt den deutschen und den australischen Fußball, „der aber nicht so gut ist“, hat zudem seine Leidenschaft für Rugby, in Australien deutlich höher angesehen, entdeckt. Der Kontakt zu Familie und Freunden in der Heimat blieb bestehen. Die Besuche wurden aber seltener. Vor ein paar Monaten bekam er Post von Helga Schlarmann, die er noch nicht kannte. Sie lud ihn zu ihrem 80. Geburtstag ein. „Ich gebe zu, dass ich die Strapazen eigentlich nicht mehr auf mich nehmen wollte“, erzählte Kunert im Wintergarten seines Bruders. „Doch die Karte war so nett geschrieben. Ich konnte nicht ablehnen, dann habe sie meinen Nachbarn in Canberra gezeigt. Die haben gesagt: Da musst du hin.“

Die Reise war eine goldrichtige Entscheidung, sagte Dieter Kunert. In dem Delmenhorster Wintergarten wird deshalb nicht nur über die großen Spiele des FC Roland gesprochen. Es werden Reisepläne geschmiedet. Für den Gegenbesuch im nächsten Jahr.