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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Vor 25 Jahren: Katrin Heides historischer Sprung

Von Lars Pingel | 22.08.2015, 14:30 Uhr

Katrin Heide wurde im August 1990 in Düsseldorf Deutsche Meisterin im Weitsprung. Die damals 19-Jährige, die für den Delmenhorster TV startete, sorgte für eine Überraschung.

Delmenhorst. Vielleicht hat sie einfach ein bisschen Ablenkung gebraucht. „Ich war genervt und stinkesauer“, erzählt Katrin Heide über die Sekunden vor dem Moment, in dem sie im Düsseldorfer Rheinstadion aus einem sowieso schon herausragenden Wettkampf den machte, auf den sie auch 25 Jahre später immer wieder angesprochen wird. Die damals 19-jährige Leichtathletin des Delmenhorster TV wurde, noch unter ihrem Mädchennamen Bartschat, Deutsche Meisterin im Weitsprung.

Eigentlich hatte Katrin Heide damals die selbst gesteckte Vorgabe schon erfüllt. „Ich hatte gehofft, dass ich in den Endkampf komme.“ Dort wollte sie sich dann so gut wie möglich präsentieren. Das gelang ihr, erzählt sie, zunächst nicht. Zumindest nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte. 6,28 Meter war der beste der ersten fünf Sprünge. „Ich war ein wenig enttäuscht, denn ich wusste aus dem Training, dass es besser gehen könnte. Und ich wusste, was ich falsch gemacht hatte“, sagt sie. Ein Versuch blieb ihr aber ja noch.

Wettkampf wird im Fernsehen übertragen

Das Stadion war voll, der Weitsprung-Wettkampf zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Auch, weil dort zwei Athletinnen vertreten waren, die damals als Siebenkämpferinnen für Schlagzeilen und Medaillen bei internationalen Wettkämpfen sorgten und zudem im Weitsprung mindestens die nationale Spitzenklasse darstellten: Sabine Braun (Bayer Leverkusen) und Sabine Everts (LAV Bayer Uerdingen/Dormagen).

Das Duell faszinierte nicht nur die Fans im Stadion. „Es waren Fernsehteams da“, erzählt Heide. Das hätte ihr fast den Wettkampf ruiniert. Vor ihr war Braun an der Reihe, ihr Sprung wurde aufgenommen. Ein Kameramann war mit seinen Helfern am Anlauf postiert. In etwa dort, von wo aus die Delmenhorsterin danach starten wollte. „Ich hatte einen langen Anlauf“, berichtet Heide. „Mit einem Kabel wurde meine Markierung weggeschossen.“ Spitzenathletinnen haben ihren Anlauf im Training so weit automatisiert, dass sie immer von der selben Stelle aus lossprinten, damit sie beim Absprung den Balken treffen. Das ist die Voraussetzung für große Weiten.

Keine übertraf die 6,45 Meter

Die DTV-Athletin hatte nicht genug Zeit, ihren Startpunkt neu zu markieren. „Es half ja nichts: Ich musste anlaufen“, sagt sie. „Ich habe mir gesagt: Ach, egal.“ Mit „Wut im Bauch“ gelang einer genervten Delmenhorsterin am 11. August 1990 ein perfekter Sprung: 6,45 Meter.

„Ich habe mich über die Bestleistung gefreut“, erzählt Heide, was ihr durch den Kopf ging, als die Weite angezeigt wurde. Dass sie die Führung übernahm, habe sie nur am Rande mitbekommen. „Ich war ja auch nicht die Letzte, die springen musste.“ Mit ihrer Weite hatte sie sich, aber auch die Konkurrentinnen überrascht – und diese auch beeindruckt: Keine übertraf die 6,45 Meter. Sie gewann den Wettkampf vor Everts und Stefanie Hühn vom LAC Halensee Berlin.

Katrin Heide lebt in der Nähe von Hannover. Sie ist Lehrerin an einem Gymnasium. In der Landeshauptstadt hatte sie von 1991 an ihr Studium absolviert.

Ehemann tat es ihr gleich – und holte auch den Deutschen Meistertitel

Ihr Mann Thorsten Heide war ebenfalls ein sehr guter Leichtathlet. Die beiden lernten sich beim DTV kennen, trainierten nach ihrem Umzug bei der TK Hannover. 1997 machte er es seiner Frau nach, wurde in Frankfurt/Main mit 7,98 Metern Deutscher Meister im Weitsprung. Der persönliche Rekord liegt bei 8,08 Metern. Beide denken gerne an die Zeit im Leistungssport zurück, erzählt Katrin Heide. „Es war genau richtig, wie wir es gemacht haben“, sagt sie. „Wir haben viel gesehen und erlebt. Es war eine schöne Zeit.“

Erst als Zwölfjährige war Heide, auf mehr oder weniger sanften Druck eines Sportlehrers, der andernfalls mit dem Entzug der Note eins drohte, zur Leichtathletik gekommen. Sie etablierte sich schnell in den deutschen Bestenlisten. Dort war sie regelmäßig im Sprint, Hürdensprint und – natürlich – im Weitsprung zu finden. 1988 nahm sie an den Junioren-Weltmeisterschaften in Kanada teil, 1989 gehörte sie zur 4x100-Meter-Staffel des Deutschen Leichtathletik-Verbands, die bei den Junioren-Europameisterschaften in Riga (Lettland) Silber gewann.

Es sei für Kinder und Jugendliche schwerer geworden, Leistungssport zu betreiben, glaubt Katrin Heide. „Wir hatten damals mehr Zeit“, sagt sie. „Schule und Lehrplan nehmen heute viel mehr Zeit in Anspruch.“ Dazu käme, dass die „mediale Ablenkung sehr groß“ geworden sei. „Man muss den Leistungssport schon sehr wollen“, sagt sie. Andererseits ist das für sie dafür allerdings auch die unabdingbare Voraussetzung. Drängen dürfe man Kinder nicht.

„Richtig gefeiert“ wird erst in Delmenhorst

Sie habe, als sie mit der Leichtathletik begonnen hatte, einfach nichts anderes mehr machen wollen, erzählt Katrin Heide. Ihr Trainingsfleiß, bis zu zwölf Einheiten pro Woche, und ihr Talent hatten sie im August 1990 ins Düsseldorfer Rheinstadion gebracht. Der Weitsprung-Wettbewerb der DM war zu Ende. Die vielen Zuschauer, darunter ihre Mutter Renate Bartschat und Thorsten Heide, feierten eine Delmenhorsterin, die nicht wusste, wie ihr geschah. „Realisiert habe das zuerst nicht“, erinnert sich Heide. „Das hat lange gedauert.“ Dopingkontrolle, Siegerehrung, Pressekonferenz. Danach dämmerte es ihr langsam. Doch: „Richtig gefeiert habe ich erst, als ich wieder zu Hause war.“ Der DTV hatte einen großen Empfang für seine erste – und bis heute einzige – Deutsche Meisterin organisiert.

Sport fasziniert Katrin und Thorsten Heide immer noch. Ihren Ehrgeiz leben sie vor allem auf Tennisplätzen aus. Wenn Leichtathleten Meisterschaften austragen, läuft im Hause Heide der Fernseher. Wie wird es, wenn bei der WM in Peking der Weitsprung-Wettbewerb läuft? Den werde sie sich ansehen, erzählt Heide. Sie und ihr Mann, sagt Heide, erleben diesen anders als Fans ohne ihre Erfahrungen. „Bei uns setzt sofort die Analyse ein“, erzählt sie. Bei ihr noch ein bisschen mehr. „Ich lebe das mit. Ich laufe mit an, ich springe mit.“ Höchstwahrscheinlich würde sie es bemerken, wenn die neue Weltmeisterin genervt und stinkesauer war.