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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Vor 50 Jahren: Der Triumphzug des FC Roland

Von Klaus Erdmann | 02.06.2018, 14:00 Uhr

Delmenhorst 1968 besiegen die Fußballer des FC Roland Delmenhorst die klassenhöheren Amateure von Hannover 96 im Pokalfinale mit 5:1. Mehr als 1500 Zuschauer sorgen für „Jubelstürme an der Ahornstraße“. Heute blicken Protagonisten von einst auf ein Spiel zurück, das in der Delmenhorster Fußballgeschichte einen Spitzenplatz belegt.

Delmenhorster Kreisblatt, Ausgabe Freitag, 21. Juni 1968. Der Redakteur wendet sich direkt an seine Leser: „Auf ein Wort, lieber Sportsfreund! Hätten Sie gedacht, dass der FC Roland das Endspiel der Vereinspokalspiele auf Landesebene erreichen würde?“ Wenn der Sportsfreund ehrlich ist und nicht mit einem „Hab ich doch gleich gesagt“ die Zuhörer zu beeindrucken versucht, muss er zugeben, dass er nicht damit gerechet hat. Zu mächtig scheinen die von größtenteils höherklassigen Gegnern gebildeten Hürden, die sich auf dem Weg ins Finale befinden.

Doch der FC Roland, der David, lässt sich von den Goliaths nicht aufhalten. Die Krönung: Am Samstag, 22. Juni 1968, weist der Verein, der fünf Jahre später mit dem alten Rivalen SSV Delmenhorst und dem VSK Bungerhof zum SV Atlas fusioniert, die hoch gehandelten Amateure von Hannover 96, immerhin Deutscher Amateur-Vizemeister des Jahres 1967, in die Schranken. FC Roland (Verbandsliga) gegen Hannover 96 A. (Landesliga) – 5:1 lautet das Endergebnis. Über 1500 Zuschauer sind aus dem Häuschen. „Jubelstürme an der Ahornstraße“ überschreibt das Delmenhorster Kreisblatt seinen Spielbericht.

Rudi Trumpfheller reist erst zum Endspiel an

Wenn sich Protagonisten von einst heute in der Gaststätte „Jan Harpstedt“ treffen, blicken sie auf ein 50 Jahre altes Ereignis zurück, das in der Delmenhorster Fußballgeschichte einen Spitzenplatz belegt. Zwölf Personen haben zugesagt. „Einige leben nicht mehr. Wir werden an sie denken“, sagt Hans-Dieter Fleischer.

Der 69-Jährige gehört 1968 jenem Roland-Aufgebot an, das Schlagzeilen produziert, das einen Triumphzug mit besagtem 5:1 beendet. Unter anderem bezwingen die Roländer mit dem TSR Wilhelmshaven und dem SV Meppen zwei führende Landesligisten. Der Weg ins Endspiel führt über den TSC Winsen/Luhe, den die Delmenhorster mit 2:0 besiegen. Heinz Trumpfheller (genannt „Trumpfheller I“) und Wolfgang Minet treffen. Der vom FC Schalke 04 verpflichtete Rudi Trumpfheller („Trumpfheller II“) spielt nicht mit. Der Umworbene trainiert bereits beim Bundesligisten.

„Zum Endspiel bin ich nach Delmenhorst gekommen“, sagt der ebenfalls 69-jährige Trumpfheller, der mit Fleischer und Günter Klosa in der Gaststätte „Ton Spieker“, die an diesem Mittwochvormittag erstaunlich gut besucht ist, das Gesprächspartner-Trio bildet. Natürlich sind die Blau-Weißen an jenem 22. Juni Außenseiter. „Einige Hannoveraner waren ganz schön arrogant und haben uns auf die leichte Schulter genommen“, blicken die Helden von 1968 zurück. In der 12. Minute sorgt Hannovers Reschke für das 0:1. Alles läuft nach Plan ...

Drei Tore von Ernie Jielg

Doch die Gastgeber halten sich nicht an den Plan: Ernie Jielg gleicht aus (26.), Horst-Dieter Uhlhorn markiert kurz vor der Pause das 2:1. Nach dem Seitenwechsel langt Jielg noch zweimal zu (48., 73.). Zwischendurch verwandelt Wally Broda einen Elfmeter zum 4:1 (57.) Erst Wilhelmshaven und Meppen, dann Hannover 96 Amateure. „Wir waren unheimlich heimstark“, sagt Fleischer. Niemand widerspricht.

Auf den Pokalsieg auf Landesebene wird gebührend reagiert. Natürlich. Zunächst einmal feiern sie am Abend und in der Nacht im Vereinslokal, also „bei Willibald“. „Sogar eine Blaskapelle hat gespielt“, sagt der 74-jährige Klosa und scheint darüber noch heute erstaunt zu sein. Dem legendären „La Palma“ statten sie auch einen Besuch ab. Drei Tage dauert die Feier. „Irgendwie hatten alle frei“, sagt Klosa schmunzelnd.

Die Kameradschaft spielt 1968 eine ganz wichtige Rolle. „Nach dem Spiel ist keiner nach Hause gegangen“, sagt Fleischer. Lachend fügt er hinzu: „Gefeiert wurde eigentlich immer, ob wir gewonnen oder verloren hatten.“

Apropos: Dem Sieg auf Niedersachsenebene folgt der Pokalwettbewerb des DFB. Wieder geht es gegen Meppen. Delmenhorst verliert mit 2:5 (2:2) nach Verlängerung und verpasst damit ein Treffen mit dem großen VfL Osnabrück.

Der FC Roland befindet sich damals inmitten einer Blütezeit, lockt namhafte Gäste an. Daran erinnert Fleischer: „Wir haben Freundschaftsspiele gegen den HSV, Hannover 96, Schalke und mehrmals Werder Bremen gemacht. Das waren für uns natürlich Highlights.“ Zu diesen gehören auch die Ortsduelle mit dem SSV. Es geht oft hoch her, aber „die Spieler der beiden Vereine kannten und trafen sich“ (Fleischer).

Pokal erst beschädigt, dann verschwunden

Wenn sich die 68er-Helden am Samstag treffen und viele Sätze mit den Worten „Weißt du noch...?“ beginnen werden, ist die Trophäe, die Mannschaftsführer Klosa nach dem 5:1 gegen die 96-Amateure in Empfang nahm, nicht dabei. „Der Pokal ist verschwunden“, sagt Klosa. „Aber er war sowieso nicht mehr komplett. Der Spieler, der sich auf dem Pokal befand, war schon bald abgebrochen“, sagt Fleischer. Und an noch etwas erinnern sie sich bei diesem Thema: „Der Pokal war nie verrostet. Es war immer etwas drin.“

Am Samstag, 22. Juni 1968 bestand die Mannschaft des FC Roland, die mit dem 5:1 über die favorisierten Amateure von Hannover 96 den niedersächsischen Pokalwettbewerb gewann, aus folgenden Spielern: Horst Wilmsen, Wilfried Lindenthal, Günter Klosa, Walter Buczinski, Wally Broda, Heinz Trumpfheller, Horst-Dieter Uhlhorn, Ernie Jielg, Rudi Trumpfheller, Erhard Mund (Dieter Lütjen) und Wolfgang Minet. Außerdem gehörten Dieter Wöhler, Hans-Dieter Fleischer und Wolfgang Hinz zum Kader. Als Trainer fungierte Helmut Jagielski, der 1965 mit Werder Bremen überraschend Deutscher Meister wird und als erster spielerisch agierender Libero der Bundesliga gilt.