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dk-Serie: Sportliche Rückblicke Vor 65 Jahren: Günther Schulenberg knackt die magische Grenze

Von Richard Schmid, Richard Schmid | 16.06.2018, 17:45 Uhr

1953 lief Günther Schulenberg als erster Athlet im Bezirk die 800 Meter unter zwei Minuten. Der Delmenhorster legte vor 65 Jahren eine Zeit hin, mit der er noch heute Meisterschaften gewinnen könnte. Leichtathletik war seine große Leidenschaft.

„Nach vierjährigem hartem Training lief Günther Schulenberg gestern das Rennen seines Lebens.“ Das schrieb am 14. Juni 1953 das Delmenhorster Kreisblatt zum Sieg des für Grün-Weiß Delmenhorst startenden Leichtathleten, der im 800- Meter-Lauf bei den Bezirksmeisterschaften in Wilhelmshaven mit neuem Bezirksrekord den Meistertitel gewann – und das mit einer überragenden Zeit.

Denn mit seinen 1:58,2 Minuten unterbot Schulenberg als erster Läufer des Bezirks die damals noch magische Zwei-Minuten-Grenze. Mit dieser Zeit hätte er 65 Jahre nach seinem Triumph im Bezirk Weser-Ems auch 2018 überlegen die Meisterschaft für sich entscheiden können. Zum Vergleich: Der Sieger der diesjährigen Meisterschaften benötigte für die doppelte Stadionrunde mit 2:05,46 Minuten gut sieben Sekunden mehr, um Bezirksmeister zu werden.

Dabei ging der Delmenhorster Leichtathlet 1953 eher als Außenseiter ins Meisterschaftsrennen. „Favoriten sind die Teilnehmer aus Wilhelmshaven, allen voran Horst Duensing vom einheimischen Verein Germania“, schrieb Schulenberg selbst in seinen persönlichen Erinnerungen. Umso größer war danach der Jubel, dem favorisierten Konkurrenten ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Im Krieg in Frankreich und Norwegen

Der an Silvester 1924 geborene Schulenberg war zeit seines Lebens – so erinnert sich sein Sohn Thorsten an den im Januar 2008 verstorbenen Vater – mit der Leichtathletik verbunden gewesen. „Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren vermutlich der Auslöser für die Sportbegeisterung meines Vaters“, meint sein Sohn.

Doch eine frühzeitige sportliche Karriere blieb seinem Vater, nicht zuletzt aufgrund des 1939 durch Nazideutschland angezettelten Krieges verwehrt. Im jungen Alter von 18 Jahren wurde Schulenberg 1942 zur Wehrmacht eingezogen, da war an Sport nicht zu denken. Allenfalls Wehrsportübungen konnte der junge Mann, der im Krieg in Frankreich und Norwegen eingesetzt wurde, absolvieren. 1944 war für ihn der Krieg zu Ende, er kam in britische Gefangenschaft.

Unmittelbar nach Kriegsende verschlug es den damals 22-Jährigen zunächst ins Ruhrgebiet, wo er im Bergbau als „Kumpel“ seine Brötchen verdiente. Regelmäßiges Training war auch in dieser Zeit nicht möglich. Erst 1949, nachdem Schulenberg wieder nach Delmenhorst zurückkehrte, konnte er seinen Traum, selbst als aktiver Leichtathlet an Wettkämpfen teilnehmen zu können, verwirklichen.

Später Abteilungsleiter beim DTV

Damals gab es noch bei vielen Fußballspielen in Delmenhorst regelmäßig eine leichtathletische Pausenunterhaltung. Vor vielen hundert Zuschauern zeigten auf der Aschenbahn die Mittel- und Langstreckenläufer, darunter auch Schulenberg, ihr Können. Vor allem das Laufen hatte es dem für Grün-Weiß Delmenhorst startenden Athleten angetan. „Von den 400 bis zu den 5000 Metern – mein Vater ist eigentlich über alle Strecken gern gelaufen“, weiß sein Sohn zu berichten.

Nach seiner aktiven Zeit blieb Schulenberg der Leichtathletik noch lange verbunden. Er wurde Ende der 1950er Jahre Trainer beim Delmenhorster TV und führte 1959 sowie auch noch in den Jahren 1968 bis 1969 als Abteilungsleiter die Geschicke der Leichtathleten des Delmenhorster TV.

Sein Kreisrekord von 4:16,2 Minuten über die 1500 Meter hatte bis 1979 Bestand. Die Leichtathletik blieb für ihn, der aufgrund einer Erkrankung nicht mehr selbst aktiv seinen Lieblingssport ausüben konnte, bis ins hohe Alter hinein neben seinem Garten sein großes Hobby. „Bei leichtathletischen Großereignissen, die im Fernsehen übertragen wurden, war mein Vater nicht vom TV-Gerät wegzukriegen“, erinnert sich sein Sohn.