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dk-Serie: Stadt der Biker RV Urania Delmenhorst: Breiten- statt Leistungssport

Von Frederik Böckmann, Frederik Böckmann | 24.05.2016, 10:26 Uhr

Der Radsportverein Urania Delmenhorst fuhr früher viele Erfolge ein. Jetzt steht der Spaß beim 45 Mitglieder großen Verein im Vordergrund.

375 Teilnehmer, eine schöne Strecke durch die Wildeshauser Geest und viele positive Rückmeldungen: Bei fast optimalen Radsportwetter hat der RV Urania Delmenhorst am vergangenen Sonntag seine sehr gut besuchte 23. Radtourenfahrt (RTF) über die Bühne gebracht. Nicht nur an anderen RTFs in der Umgebung teilnehmen, sondern sie einmal im Jahr selbst zu organisieren – das ist mittlerweile das Saisonhighlight für den Radsportverein. „Der Austausch mit anderen Fahrern, die Gemeinschaft, das entspannte Fahren durch die Natur – das hat schon seinen speziellen Reiz“, sagt der Vorsitzende Johannes Brinkmann.

RV Urania im Jahr 2016: Das ist für fast alle der rund 45 Mitglieder vor allem Radrennsport auf Hobbyniveau. „Die Zeiten haben sich bei uns ein wenig geändert“, sagt Brinkmann mit einem verschmitzten Lächeln. Denn Urania stand spätestens ab den 1950er Jahren dank Fahrern wie Ernst Klose, Enno Würdemann, Manfred Tielsch und dem früheren ersten Vorsitzenden Fritz Grünefeld für erfolgreichen Leistungssport. Bei Straßenrennen, Bahnveranstaltungen und Querfeldeinrennen strömten jahrzehntelang bis zu 1000 Zuschauer zu den Veranstaltungen des Radportvereins.

Ausgezeichnete Jugendarbeit in den 1990er und 2000er Jahren

Später stand Urania dann für eine ausgezeichnete Nachwuchsarbeit. Erst in den 1990er Jahren mit Fahrern wie Axel Kalkowski oder Roger Möhlenhoff. Dann ab den Nullern Jahren mit den Evers-Brüdern Simon und Jannik, Ann-Kathrin Fooken, Jonas Brinkmann oder Marten Klöpping, die in der Niedersachsenauswahl und teilweise Bundesliga fuhren – Urania genoss im Weser-Ems-Gebiet einen exzellenten Ruf. „Das waren schon echte Highlights“, blickt Brinkmann als Vater und Vorsitzender etwas wehmütig auf die früheren Erfolge der RVU-Fahrer zurück.

Nach und nach „bröckelte das Leistungsdenken bei uns dann weg“, erklärt der der 54-Jährige. Wieso Urania nun mehr für Hobby- denn für Leistungssport steht, hat für den Klubchef (seit 2008) mehrere Ursachen. Ein Grund: Rennradfahren ist ein sehr zeitintensives Hobby. Fünf Mal die Woche Training, die Pflege der Räder – „da fällt es schwer, Jugendliche zu motivieren“, so Brinkmann. „Man muss auf vieles verzichten.“ Rennradfahren sei im Leistungsgedanken „alles andere als ein Breitensport“. (Weiterlesen: Brinkmann bleibt Vorsitzender beim RV Urania)

„... mit Jan Ullrich fing das Elend an“

Das gilt auch für die Trainer; und die zu finden, ist schwer. Jugendliche für den Radsport zu begeistern, hängt mit einem Thema zusammen, das auch viele Hobbyfahrer gerne ausklammern würden: Doping. „Mit Jan Ullrich“, sagt Brinkmann deutlich, „fing das ganze Elend an“. Die ehemalige Radsport-Ikone war auch für viele junge Urania-Fahrer ein Vorbild und Ansporn, ehe dessen Saubermann-Image zu bröckeln begann – und auch die Urania-Fahrer mit den Auswirkungen der Doping-Skandale zu kämpfen hatten. „Wir wurden von Autofahrern angehalten und wüst beschimpft“, erzählt Brinkmann.

Das Bild, das viele Medien in Print, Online und TV vom Radsport zeichnen, findet Brinkmann allerdings übertrieben. „Der Radsport ist ein schönes Opfer. Natürlich haben die Profis Schindluder betrieben, aber doch nicht die breite Masse und die Jugend.“ Dass die öffentlich-rechtlichen Sender praktisch kaum mehr Radsport im TV übertragen, ist für den Urania-Chef unverständlich.

Aktuell nur noch zwei Lizenzfahrer

Mit dem heiklen Theman Doping und dem fehlendem Nachwuchs haben sie sich beim Radsportverein aber gezwungenermaßen irgendwie arrangiert. Einzige Lizenzfahrer sind Andreas Wacker, der kürzlich bei den Bezirksmeisterschaften in seiner Altersklasse zu Silber sprintete, und der in Bochum lebende Ralf Hermann Wittenberg. Wobei der RVU seine relativ überschaubare Mitgliederzahl „schon im Auge“ hat, wie Brinkmann betont. „Wir würden schon gerne wieder wachsen.“ (Weiterlesen: Andreas Wacker sprintet zu Silber)

Warum Urania ein attraktiver Verein für fast alle Altersgruppen ist, fasst Brinkmann so zusammen. „Wer seine Fitness und Gesundheit erhalten will, ist bei uns genau richtig“, sagt der 54-Jährige und betont schmunzelnd: „Wir sind keine reine Männer-Truppe.“ Neben den Trainingseinheiten und Radtourenfahrten nehmen die Urania-Fahrer auch immer an extremeren Rennen im In- und Ausland teil. (Weiterlesen: Quintett des RV Urania besteht die große Kraftprobe)