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Empfang in Markthalle Der SV Tur Abdin Delmenhorst feiert 35-jähriges Bestehen

Von Frederik Böckmann, Frederik Böckmann | 17.10.2017, 21:30 Uhr

Der SV Tur Abdin Delmenhorst hat mit 130 Gästen in der Markthalle sein 35-jähriges Bestehen gefeiert. In kurzweiligen zwei Stunden erinnern sich ehemalige und aktuelle Weggefährten an die Gründung des Sportvereins, fußballerische Höhen und Tiefen und das besondere Etwas, für das der aramäische Klub steht: Heimat.

Anfang der 1980er Jahre hatte Melki Gümüs einen Traum. Einen aramäischen Verein für die aramäische Gemeinde in Delmenhorst zu gründen – „das hätte doch was“. Nur wenige Jahre später, genauer gesagt 1982, erfüllte sich für Gümüs und seine Freunde dieser Wunsch. Er gründete mit einigen weiteren Weggefährten einen Sportverein: den FC Mizizah. Trotz der Sprachbarrieren, trotz der vielen Probleme beim Verfassen einer Satzung. Doch das Engagement von Gümüs und seinen Mitstreitern hatte sich gelohnt. Seit mittlerweile 35 Jahren hat die aramäische Gemeinde in der Delme-Stadt ihren Sportverein, der 1988 in SV Tur Abdin umbenannt wurde – in Anlehnung an das gleichnamige Gebirge im Südosten der Türkei, aus dem der Großteil der Delmenhorster Aramäer kommt.

130 geladene Gäste

Diese mehr als dreieinhalb Jahrzehnte feierte der Sportverein am Montagabend in kurzweiligen zwei Stunden mit rund 130 geladenen Gästen in der Markthalle. Ehemalige und aktuelle Weggefährten erinnerten sich bei einem Streifzug durch die Geschichte in Videos oder Kurz-Interviews mit den launigen Moderatoren Alexandra Dogan und Andreas Seven an besondere Spiele, sie sprachen über Erfolge und Fehler in der Vergangenheit, über die Gegenwart und auch die Zukunft des Sportvereins.

Lob vom Kreisvorsitzenden Erich Meenken

Für den Fußball-Kreisvorsitzen Erich Meenken stand in seinem Grußwort fest, dass der SVT in Delmenhorst dank seiner Willens- und Integrationskraft „viel erreicht habe“, auch im kulturellen Bereich. Tur Abdin habe am Anfang „sicherlich viel Aufbauarbeit“ leisten müssen, die sportlichen Erfolge des Rekordchampions der Delmenhorster Hallenmeisterschaften würden aber für sich sprechen.

Erstes Spiel auf dem Hauptplatz des Stadions

Anekdoten von früher erzählten die Gäste besonders gerne. Daniel Yousef erinnerte sich daran, wie er einmal vor Wut während eines Spiels sein Trikot zerriss. Andreas Seven selbst erklärte, wie er als jüngster Tur-Abdin-Trainer aller Zeiten mit 24 Jahren doch noch den Aufstieg in die Bezirksliga meisterte („das achte Weltwunder“) und Yousef Yousef dachte besonders gerne an ein Bezirksliga-Derby in den 1990er Jahren gegen KSV Hicretspor zurück, als Tur Abdin vor am Ende rund 1300 Zuschauern zum ersten Mal auf dem Hauptplatz im Stadion spielen durfte.

Großer Zusammenhalt

Mitte der 1990er Jahre hatten die Aramäer mit den Yousef-Brüdern oder Stürmer Robil Uyar den wohl stärksten Kader zusammen, den der SVT je hatte. Tur Abdin stürmte aus den Niederrungen der Kreisklasse über die Kreisliga und die Bezirksklasse bis in die Bezirksliga. Der Sportverein schlug in Freundschaftsspielen die SG Wattenscheid 09 (mit einem gewissen Souleyman Sane), die litauische U21-Nationalmannschaft oder auch den damaligen Regionalligisten SV Atlas. „Gefühlt waren wir die aramäische Nationalmannschaft“, hatte Daniel Yousef einmal im dk-Interview erzählt.

Es standen damals aber nicht nur Aramäer in der Mannschaft. Trainer war Claus-Dieter Meier. Im Kader standen zudem deutsche Spieler wie Torwart Arne Tscherwitschke, Andreas Füller und Sascha Rustler. Sie alle erzählten am Montagabend, dass den SV Tur Abdin nicht nur fußballerische Klasse auszeichnete, sondern auch dies: Zusammenhalt und familiäre Atmosphäre.

Auch kritische Worte

„Man wurde als Deutscher sofort in der aramäischen Gemeinde aufgenommen. Das Paket bei Tur Abdin war einfach super“, erinnerte sich Rustler. Noch heute würden ihn aramäische Fußballer, die in den 1990er Jahren als Fans ziemlich jung gewesen sein müssten, auf die damalige erfolgreiche Zeit ansprechen. „Das ist einfach klasse“, sagte Sascha Rustler.

Beim Blick zurück auf die traditionsreiche Vergangenheit des SVT gab es aber durchaus auch kritischere Worte, etwa der Ex-Trainer Andre Höttges und Stefan Keller. Tur Abdin müsse sein Potenzial mit hervorragenden Individualisten auch über einen längeren Zeitraum abrufen. Es seien auch Disziplin und Einstellung gefragt, um dauerhaft Erfolg zu haben.

Auch Gründungsmitglied Tumu Uyar, der in der Geschichte des Vereins praktisch schon jede Position bekleidet hatte, mahnte, man dürfe den Blick auf die Nachwuchsarbeit nicht verlieren, „damit wir auch die nächsten 35 Jahre gut aufgestellt sind“. Man habe in der Jugendarbeit noch viel Nachholbedarf. Aber: „Ohne Fleiß, kein Preis.“

Angebot soll erweitert werden

Wie der Verein die Zukunft erfolgreich gestalten will, darüber machen sich derzeit einige jüngere Fußballer um Benjamin Sen im Hintergrund viele Gedanken. Klar ist auf jeden Fall so viel: Tur Abdin will sich zukünftig nicht nur auf Fußball konzentrieren, sondern seine Sparten ausbauen – zum Beispiel mit Volleyball, Fitness für Ältere oder Angeboten für Kinder. „Wir haben noch viel Potenzial in der aramäischen Gemeinde. Wir müssen es nur ausnutzen“, erklärte der den Vorstand in Marketing-Fragen unterstützende Sen per Power-Point-Präsentation. Das Potenzial betreffe auch wirtschaftliche Fragen. Der Verein stehe finanziell solide da, müsse die Sponsorensuche aber deutlich intensivieren.

Grundsätzlich gilt: Die Aramäer wollen frischen Wind in ihren Verein bringe. Dazu solle es auch Veränderungen respektive Erweiterungen im Vorstand geben, zudem gibt es Überlegungen, eine Art Aufsichtsrat um frühere Funktionäre wie Uyar zu installieren. Dazu will Tur Abdin auch ein Vereinsmagazin in deutscher und aramäischer Sprache herausbringen und seine Merchandise-Aktivitäten ausbauen.

Sen weiß aber auch, dass alle zukünftigen Projekte nur mit mehr ehrenamtlichen Kräften zu stemmen sind. Warum es sich lohne, sich bei den Aramäern zu engagieren, beschrieb er so: „Der SV Tur Abdin ist Heimat. Dafür lebt man.“