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Empfang mit 100 Gästen TSV Ganderkesee feiert 125. Geburtstag

Von Daniel Niebuhr | 11.12.2017, 07:52 Uhr

Zum 125-jährigen Jubiläum feiert der TSV Ganderkesee sich selbst bei einem Festempfang. Funktionäre und Politiker schwärmen vom Großverein – doch es gibt auch kritische Töne.

Auch Funktionäre sind der Internet-Recherche fähig, weshalb man als Besucher der 125-Jahr-Feier des TSV Ganderkesee am Sonntag auch einiges lernen konnte. Die prominenten Redner, die zum großen Jubiläum in der Mensa am Steinacker sprachen, hatten sich allerlei Vergleiche gesucht, um das Alter des Clubs greifbar zu machen – man erfuhr zum Beispiel, dass die am 10. Dezember 1892 gegründeten Vorgängervereine TV und FT Ganderkesee im gleichen Jahr die Welt betraten wie der FC Liverpool, Hertha BSC, die Idee des Dieselmotors und die Zahnpastatube. Landrat Carsten Harings fragte scherzhaft: „Warum steht die Gründung dieses Vereins eigentlich noch nicht in der Wikipedia-Chronik? Wichtiger als Hertha ist der TSV doch locker.“

Dietrichs bemerkenswerte Rede

Es war ein Nachmittag, der ganz dem mit 2100 Mitgliedern zweitgrößten Club des Landkreises gewidmet war; Bürgermeisterin Alice Gerken und Landrat Carsten Harings waren ebenso gekommen wie diverse Verbandsvertreter – es ging allerdings nicht nur besinnlich zu am Ehrentag. TSV-Vorsitzender Andreas Dietrich fand in einer bemerkenswerten Ansprache vor den rund 100 geladenen Gästen ehrliche und kritische Töne – über seinen Verein und das Drumherum. „Es war nicht alles Gold, was glänzt“, sagte er und verwies auf die zahlreichen Finanz-Miseren, die den TSV über die Jahrzehnte durchgeschüttelt haben.

Dietrich sprach über die Sinnkrise, in der Sportvereine im Jahr 2017 stecken – zwischen romantischem Relikt und Dienstleister. „Den Menschen ist Individualität heute wichtiger als Gemeinschaft“, mahnte er und nahm sich sogar die anwesende Lokalpolitik vor. In der Flüchtlingskrise seien die Mitglieder zusammengerückt und hätten ihre Hallen gerne freigemacht – um dann zu erleben, wie der Rückbau unnötig in die Länge gezogen worden sei. „In der Politik streitet man lieber“, sagte Dietrich. „Unser Verein hat Zukunft, aber zu wenige Ressourcen.“

Zusammenarbeit mit der Gemeinde

Bürgermeisterin Alice Gerken ließ das nicht unbeantwortet; man gebe als Gemeinde schon jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag für die Jugendförderung aus. „Manchmal läuft es eben nicht nach Wunsch“, sagte sie, versprach dem TSV aber Unterstützung: „Rat und Verwaltung wissen diesen Verein zu schätzen. Die Zusammenarbeit war immer gut. Wir können nur sagen: Wir sind für euch da.“

Dass der TSV und die Gemeinde zusammen Großes vollbringen können, hat sich in den 125 vergangenen Jahren unzählige Male gezeigt, unter anderem beim Bau der großen Sportanlage am Immerweg, an der der Club großen Anteil hatte. Allein das Vereinsheim kostete 2004 200000 Euro, 46693,02 Euro kamen damals aus Spenden. „Ich erinnere mich noch, wie die Anlage eingeweiht wurde – jetzt ist sie schon fast in die Jahre gekommen“, sagt der Kreissportbund-Vorsitzende Peter Ache und drehte daraus einen mahnenden Hinweis: „Der TSV muss sich fortwährend verändern – er wird es aber auch schaffen.“

Auch Harings nahm Dietrichs Kritik auf und präsentierte ein Zahlenwerk zur Einordnung: 180000 Euro würden vom Landkreis Oldenburg jährlich in Sportstätten fließen, 100000 Euro an Übungsleiter – zurecht. „In Gemeinschaften wie dem TSV lernen Menschen unschätzbare Dinge“, meinte er. „Es gibt immer auch kritische Gespräche, aber wir wissen diesen Verein zu schätzen und wir brauchen ihn.“

TSV erhält Ernst-Holb-Schild

Keiner der Festredner war ohne ein Präsent gekommen, Dietrich nahm unter anderem das goldene Ernst-Holb-Schild entgegen, das der Deutsche (DTB) und der Niedersächsische Turnerbund (NTB) für 125 Jahre vergeben. NTB-Vizepräsident Lutz Alefsen beschenkte auch das Publikum: Er schlug auf der Bühne einen respektablen Purzelbaum – zwei Tage nach einer Meniskus-Operation.

In Sachen Beweglichkeit stand er jedoch deutlich im Schatten der TSV-Tanzgruppen, die unter der Leitung von Julia Titze – zusammen mit Moderator Eike Struck – für die Unterhaltung sorgten und demonstrierten, dass schon Dreijährige im TSV Spaß am Sport haben. Das Gegenextrem war Karl-Heinz von Seggern, der seit mehr als 90 Jahren Clubmitglied ist. „Er zeigt, dass es Vereinstreue noch gibt“, sagte Dietrich. Karl-Heinz von Seggern hätte auch viel von der bewegten TSV-Historie erzählen können, die in der gestern verteilten Chronik festgehalten wurde – auch wenn er die Erfindung der Zahnpastatube um rund drei Jahrzehnte verpasste.