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Fan-Krösus – aber „nur“ im Norden SV Atlas mit bestem Fan-Schnitt aller Oberliga-Nordclubs

Von Daniel Niebuhr | 29.09.2017, 08:34 Uhr

Der SV Atlas liegt beim Zuschauerschnitt unter den Top-Ten aller Fünftligisten in Deutschland. Die Delmenhorster wollen im nationalen Oberliga-Ranking noch weiter nach oben – trotz erschwerter Bedingungen. Dafür trifft der Verein eine drastische Entscheidung: Aus Delmenhorst wird es keine Livebilder geben.

Es ist nicht so, dass es in dem hessischen Örtchen Flieden außer Fußball nun überhaupt nichts zu sehen gäbe. Die Gemeinde an der Grenze zu Bayern hat zwar keine 9000 Einwohner, aber eine fast 600 Jahre alte Barockkirche und gleich zwei als Naturdenkmal eingestufte Hainbuchen. Nichts davon ist jedoch so gut frequentiert wie die Sportanlage „Am Weiher“, wo es einen Hessenligisten mit dem märchenhaften Namen SV Buchonia Flieden zu sehen gibt, dessen überregionale Bedeutung sich bisher auf ein verlorenes DFB-Pokalspiel vor 27 Jahren beschränkte. Aktuell schafft dieser kleine Verein allerdings etwas, was in Deutschland keinem anderen gelingt: Flieden ist der Zuschauerkönig aller deutschen Fünftligisten. In der bisherigen Saison kamen 1155 Zuschauer pro Partie; mehr als jeder achte Einwohner ist also da, wenn Buchonia spielt.

Spitzenreiter: Buchonia Flieden

In Delmenhorst darf man da durchaus neidisch nach Osthessen schauen, der SV Atlas hat zwar ebenfalls eine beeindruckende Fan-Basis, zur absoluten Spitze der Oberligisten reicht es aber eben noch nicht. Der Überraschungs-Vierte der Niedersachsenstaffel steht im nationalen Ranking aller 14 fünften Ligen mit einem Schnitt von 885 auf Platz acht – als einziger Nordverein unter den Top-Ten, was Manager Bastian Fuhrken zurecht mit Stolz erfüllt. „Achter in Deutschland ist nicht so schlecht“, findet er, um gleich anzukündigen: „Da wollen wir aber noch Plätze gutmachen.“

Ziel ist ein Schnitt von 1000

Die nächste Gelegenheit wird das Heimspiel gegen VfL Oldenburg am Samstag sein, für das der Verein auf 1200 Besucher hofft – was in der Rangliste schon einen ordentlichen Sprung bedeuten würde. Schon jetzt ist die Delmenhorster Platzierung allerdings verblüffend, wenn man bedenkt, wie namhaft die Konkurrenz ist. Zweiter unter den Fan-Hochburgen ist die U23 des FC Schalke 04, Fünfter der ehemalige Erstligist FC Homburg. Mit Tennis Borussia Berlin taucht ein weiterer Ex-Bundesligist gar nicht unter den ersten Zehn auf. Atlas peilt am Ende einen Schnitt von 1000 Zuschauern pro Spiel an, die Ansprüche steigen schließlich mit der Höhe der Liga. „Wir sind ein Traditionsverein und spielen in der höchsten Klasse in Niedersachsen; ich hoffe schon, dass die Delmenhorster das auch würdigen“, sagt Fuhrken.

Keine Livestreams aus Delmenhorst

Im Kampf um Zuschauer und Einnahmen ist Atlas schon manch ungewöhnlichen Weg gegangen. Seit dieser Saison können sich die Fans mit ihren Tickets gratis von der DelBus zu Heimspielen fahren lassen, in dieser Woche traf der Verein aber eine eher unpopuläre Entscheidung. Aus dem Delmenhorster Stadion wird es – anders als aus den meisten anderen Oberliga-Arenen – keine Livebilder im Internet zu sehen geben. Das vom DFB subventionierte Portal sporttotal.tv, das in großem Stil in den Amateurfußball eingesteigen ist, darf seine 180-Grad-Kamera nicht an der Düsternortstraße installieren. „Wir haben endgültig Nein gesagt“, erzählt Fuhrken und stellt die klare Regel auf: „Wer Atlas sehen will, muss ins Stadion kommen. Wir sind nicht in der Bundesliga, für die kann man meinetwegen den Fernseher einschalten.“

Werder kostet im Schnitt 200 Zuschauer

Womit Fuhrken ein großes Problem anspricht. Denn Atlas hat einen übergroßen Konkurrenten praktisch vor der Haustür. Mit Werder Bremen spielt ein Bundesligist in der Nachbarstadt, was den wenigsten Oberligisten so geht. Von Fan-Primus Flieden bis in die nächste Bundesliga-Arena nach Frankfurt sind es zum Beispiel gute 90 Kilometer. In den letzten anderthalb Jahren lag der Zuschauerschnitt bei Atlas mit einem zeitgleichen Werder-Spiel bei 743 – ohne Werder-Spiel kamen 966 Besucher. „Es kostet uns massiv, egal ob Werder zuhause oder auswärts spielt“, erklärt Fuhrken.

Ähnlich gelegene Clubs mit gleichem Problem

In dieser Saison ging er mit dem Verein sehenden Auges in dieses Dilemma – denn fast alle Atlas-Heimspiele finden samstags statt, am klassischen Bundesliga-Spieltag. Dahinter steckt auch ein Zugeständnis an die anderen Mannschaften im Stadion. Weil die Zweitliga-Frauen des TV Jahn ebenfalls auf dem Hauptplatz spielen und laut DFB fünf Kabinen zur Verfügung stellen müssen, stoßen die Kapazitäten an ihre Grenzen. „Es hilft den anderen ein wenig, wenn wir samstags spielen. Unsere unteren Mannschaften profitieren ja auch davon“, sagt der Manager. Er kann sich damit trösten, dass es anderen Clubs in unmittelbarer Nähe zu einem Bundesligisten nicht anders geht. Regionalligist Eintracht Norderstedt zum Beispiel, der aus einer Stadt mit ähnlich vielen Einwohnern kommt wie Atlas Delmenhorst und an Hamburg grenzt, hat ebenfalls über 100 Zuschauer weniger im Stadion, wenn der HSV gleichzeitig spielt.

Am Samstag, wenn Atlas ab 14 Uhr Oldenburg empfängt, spielt Werder das Nordderby in Hamburg, aber erst um 18.30 Uhr. Allerdings überschneiden sich mit den Duellen gegen Lupo Martini Wolfsburg am 15. Oktober und gegen den TuS Sulingen am 25. November noch zwei Partien bis zur Winterpause teilweise mit Werder-Spielen. Fuhrken macht da lautstark Werbung für den lokalen Fußball: „Die Bundesligisten interessiert es nicht groß, ob du ins Stadion kommst, die kriegen ihre Einnahmen auch so. Aber bei uns gibt es echten Fußball mit Bier und Bratwurst, das ist doch viel geiler.“ In Delmenhorst (und in Flieden) funktioniert es jedenfalls.