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„Fußball ist keine Selbstjustiz“ Der Kreisvorsitzende Hartmut Heinen im Interview

Von Frederik Böckmann | 01.01.2015, 19:29 Uhr

Sportlich läuft es gut für den Fußball-Kreis. Dennoch hat der Vorstand weiterhin viel Arbeit vor der Brust. Welche Aufgaben anliegen, erklärt Fußball-Chef Hartmut Heinen im Interview.

Herr Heinen, hinter dem Fußball-Kreis Oldenburg-Land/Delmenhorst liegen bewegte zwölf Monate. Wie bewertet der Fußball-Chef das vergangene Jahr 2014?

Hartmut Heinen: In fußballerischer Hinsicht war es ein sehr zufriedenstellendes Jahr für uns. Mit dem SV Atlas, Wildeshausen und Tur Abdin dominieren drei unserer Mannschaften die Bezirksliga. Auf- und Abstiegskampf in der Kreisliga sind spannend, außerdem gab es dort kaum Spielausfälle. Im DFB-Stützpunkt in Ganderkesee wird tolle Arbeit geleistet. Dazu stellen wir von allen Fußball-Kreisen aus der Region die meisten Landesliga-Schiedsrichter. Wir sind total im Soll. Aber es gab natürlich auch negative Begleiterscheinungen.

Damit spielen Sie auf die regelmäßigen Urteile des Sportgerichts an. Zwei Spielabbrüche, Rangeleien unter Zuschauern, verbale Entgleisungen, körperliche Attacken unter Spielern und gegen Schiedsrichter: Das Sportgericht um Heiner Spark musste in der vergangenen Halbserie so oft tagen wie schon lange nicht mehr …

Im vergangenen halben Jahr hat es eine erschreckende Entwicklung gegeben. Bowler, Kegler und andere Sportler fragen mich, was bei uns im Fußball-Kreis los sei. Wenn schon zwei Mannschaften gegen ein anderes Teams zukünftig nicht mehr antreten wollen, stimmt irgendetwas nicht. Unsere Außenwirkung ist schlecht, das müssen wir ändern. Fußball ist keine Selbstjustiz, das werden wir nicht hinnehmen.

Wie wollen sie dieses Problem lösen?

Erst einmal muss ich klar stellen, dass uns nur drei, vier Vereine regelmäßig Sorgen bereiten – obwohl dort das Personal häufig ausgetauscht wird. Wir haben diesen Vereinen in unseren Gesprächen ganz deutlich zu verstehen gegeben, dass sie bei dem nächsten Vorfall nicht mehr mit einer Geldstrafe davon kommen. Geldstrafen interessieren einige Vereine überhaupt nicht, egal wie hoch sie sind. Wenn es sein muss, werden wir in diesem Jahr drastischere Maßnahmen ergreifen.

Was bedeutet das konkret?

Unsere Satzung gibt viele Möglichkeiten her, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Davon haben wir doch vielleicht erst 40 Prozent ausgeschöpft. Die Konsequenz ist, dass wir bei zwei Vereinen nach dem nächsten Vorfall Punkte abziehen werden. Drei bis sechs Zähler weniger, das würde die Vereine im Auf- oder Abstiegskampf schon hart treffen. Im härtesten denkbaren Fall können wir als Fußball-Kreis den Antrag stellen, den Verein aus dem Fußballverband auszuschließen. Wir hoffen aber natürlich, dass es soweit erst gar nicht kommt. In dieser Hinsicht bauen wir auch auf die Selbstreinigungsprozesse der Vereine.

Themawechsel: Ab diesem Wochenende starten mit den Damen die Senioren in die ersten gemeinsamen Hallen-Kreismeisterschaften der früheren Altkreise Delmenhorst und Oldenburg-Land. Möglicherweise ist die Premiere schon das letzte Mal, dass dort nach Fußball-Regeln gespielt wird. Der DFB will die Kreise verpflichten, nach Futsal-Regeln zu kicken…

Das ist richtig. Kurz- oder langfristig werden wir in der Halle nach Futsal-Regeln spielen müssen…

was nicht bei allen Trainern und Spielern auf Gegenliebe stößt.

Das kann sein. Kinder und Jugendtrainer sind vom Futsal jedenfalls schlichtweg begeistert. In der Futsal-Ausbildung sind wir federführend. Fest steht, dass wir als Fußball-Kreis an Futsal mittelfristig nicht vorbeikommen. Aber: Solange wir als Fußball-Kreis in den nächsten Jahren noch unsere Eigenständigkeit behalten, werden wir bei den Kreismeisterschaften in der Halle noch nach Fußball- und nicht nach Futsal-Regeln spielen. Das kann noch ein, zwei oder drei Jahre lang so sein.

Apropos Eigenständigkeit. Nach der Fusion der Altkreise Delmenhorst und Oldenburg-Land 2012 wird hinter den Kulissen bereits der Zusammenschluss mit Oldenburg-Stadt, Friesland, Wesermarsch, Ammerland und Wilhelmshaven zu einem Großkreis vorangetrieben. Warum ist dieser Schritt nötig?

Die Fusion zwischen Oldenburg-Land und Delmenhorst haben wir 2012 gut hinbekommen. Aber wir müssen realistisch sein: Auf Dauer sind wir in dieser Konstellation nicht existenz- und konkurrenzfähig. Das sehen wir zum Beispiel bei unseren Jugendmannschaften. Was bringt es einer Mannschaft, wenn sie ihre Spiele gegen schwache Teams 6:0, 7:1 oder 10:3 gewinnt, weil sie keine starken Gegner hat? Das ist nicht leistungsfördernd und macht keinen Spaß.

Dann ist da noch der demografische Wandel.

Durch den demografischen Wandel gehen uns auf Dauer Mannschaften und Ehrenamtliche verloren. Die ganze Arbeit der freiwilligen Helfer ist nur zu stemmen, wenn wir die Kräfte bündeln. In einem Großkreis könnten wir das im Ammerland vom Landkreis unterstützte Sportbüro mit hauptamtlichen Mitarbeitern und FSJler nutzen. Wir können die Aus-und Fortbildung verbessern, den Online-Spielbericht optimieren und vieles mehr. Für die Ehrenamtlichen ist ein Großkreis eine extreme Entlastung. Ich sehe dazu keine Alternative.

Und der Niedersächsische Fußball-Verband (NFV) hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden…

Der Masterplan des DFB sieht ja vor, dass sich Kreise zusammenschließen. Machen wir da nicht mit, bekommen wir irgendwann auch keine Gelder mehr. Das müssen wir auch registrieren, wenn wir handlungsfähig bleiben wollen.

In struktureller und finanzieller Hinsicht mag ein Zusammenschluss logisch sein. Scheint denn eine Fusion bei den Senioren auch sportlich sinnvoll? Viele Vereine vermuten jetzt schon längere Strecken zu den Auswärtsspielen und weniger Zuschauer durch fehlende Derbys. Teilen Sie diese Kritik?

Diese Sorge kann ich den Vereinen nehmen. Für die meisten Mannschaften wird sich durch eine Fusion nichts ändern. Die Kreisliga in der jetzigen Form bleibt auch in einem Großkreis bestehen. Möglich ist eine Art Bezirksklasse, wie wir sie von früher kennen. Dann würden die ersten drei Mannschaften der jeweiligen Fußballkreise eine Spielklasse zwischen Kreis- und Bezirksliga bilden. Das ist eine Idee, die wir auch von den Vereinen aufgenommen haben. Für viele Klubs aus der Region ist der sportliche Sprung von der Kreisliga in die Bezirksliga einfach zu groß.

Bereits zur Saison 2016/2017 könnte es den Zusammenschluss zu einem Großkreis geben. Der Niedersächsische Fußballverband hat der Gründung bereits zugestimmt. Ob eine Fusion zustande kommt, darüber entscheiden letztendlich aber die Vereine. Wie sieht der weitere Fahrplan aus?

Wir sechs Vorsitzende der Fußball-Kreise haben unsere Ideen, Anregungen und Kritikpunkte besprochen und ausgetauscht. Unsere Experten der Fachausschüsse müssen jetzt ein tragfähiges Konzept ausarbeiten. Es geht nicht mehr darum, ob wir einen Großkreis wollen, sondern wie wir ihn wollen. Ich bin guter Hoffnung, den Vereinen auf unserer Arbeitstagung im Februar ein detailliertes Arbeitspapier zum Großkreis zu präsentieren und sie von einer Fusion zu überzeugen.

Glauben Sie, dass die Vereine das Konzept zur Fusion mittragen werden?

Ich hoffe es. Das Wichtigste ist, dass wir unsere Flexibilität im Spielbetrieb auch bei einer Fusion erhalten werden. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Diese Botschaft müssen wir auch den Vereinen vermitteln.