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Fußball-Oberliga Der späte Schmerz des SV Atlas Delmenhorst

Von Daniel Niebuhr | 13.08.2017, 20:32 Uhr

Krasse Fehler bringen die Fußballer des SV Atlas Delmenhorst zum Oberliga-Start beim TuS Sulingen um den Lohn einer taktisch ordentlichen Vorstellung.

Es war eine reichlich improvisierte Pressekonferenz, die da am Samstagabend vor dem Vereinsheim des TuS Sulingen durchgezogen wurde. TuS-Coach Maarten Schops und Atlas-Co-Trainer Marco Büsing standen am Bistrotisch und hatten alle Mühe, die Zuschauer zu übertönen, die um sie herum liefen. Die beiden Männer am Mikrofon sprachen aber tapfer gegen die Geräuschkulisse an; besonders Büsing musste man bewundern, der nach dem Last-Minute-2:3 (1:0) der Delmenhorster Fußballer den Sulingern zum ersten Oberliga-Sieg ihrer Vereinsgeschichte gratulierte – „auch wenn es wehtut“– und auch ansonsten Haltung bewahrte. Was an diesem Tag nicht allen gelungen war.

Nickeligkeiten nach dem 3:2

Dass er überhaupt dort stand, war schon ein Zeugnis dafür, wie die Oberliga-Rückkehr des SV Atlas nach 18 Jahren gelaufen war. Cheftrainer Jürgen Hahn hatte seine Teilnahme am Pressegespräch nach dem Abpfiff abgesagt, weil er von Sulingens Stürmer Mehmet Koc nach dem Siegtor angerempelt und beleidigt worden war. „Sowas müssen wir uns nicht gefallen lassen“, fand Hahn, der Kocs Entschuldigung nach dem Spiel auch nicht annehmen wollte.

Dass Sulingen dem Atlas-Clan mit einer rustikalen Art den Spaß verdorben hatten, war eine Seite dieses ersten Spieltags; doch eigentlich wussten Hahn und Büsing sehr genau, dass sich ihre Mannschaft vor allem selbst geschlagen hat. Nach einer taktischen vorzeigbaren Vorstellung, die „in den meisten Landesliga-Spielen zum Sieg gereicht hätte“, wie Torwart David Lohmann befand, nahmen die Delmenhorster nichts Zählbares aus dem Sulinger Sportpark mit – vor allem wegen einer fehlerbehafteten zweiten Halbzeit.

Tor und Gegentor nach eigenem Standard

Bis zur 52. Minute war Atlas die reifere Mannschaft gewesen und hatte durch das Kopfballtor von Tom Witte nach einer Ecke von Patrick Degen in der 37. Minute verdient geführt. „Unsere Standards sind eine Waffe“, stellte Manager Bastian Fuhrken fest. Ironischerweise führte dann aber ein eigener ruhender Ball zum Ausgleich. Ein Freistoß aus aussichtsreicher Position wurde abgeblockt, beim Sulinger Konter hakte die Delmenhorster Abseitsfalle, TuS-Routinier Koc durfte unbehelligt zum 1:1 einschieben. „Das darf nicht passieren, der Angriff war aber auch gut gespielt“, sagte Hahn.

Überhaupt waren lange Bälle Sulingens einzige effektive Waffe, doch Atlas fand dagegen nach dem Ausgleich kein Mittel. Die Viererkette verschätzte sich regelmäßig bei hohen Pässen in die Tiefe, weshalb Hahn Neuzugang Nick Köster von seiner Position hinter den Spitzen auch weiter nach hinten beorderte.

Allerdings war er gegen die individuellen Fehler machtlos. Innenverteidiger Mark Spohler ließ sich nach einer Stunde von Koc düpieren und foulte den Stürmer ohne Not im Strafraum. „Eine ganz dumme Aktion“, meinte Hahn. Dass Lohmann bei Chris Brüggemanns Elfmetertor noch die Hände dran hatte – „weil der Trainer mir gesagt hat, wo er hinschießt“ – , passte zum Tag.

Hahns Joker stechen

Hahn blies danach mit den Einwechslungen der Angreifer Dominik Entelmann und Simon Matta zur Offensive, was mit Sulinger Hilfe auch den Ausgleich brachte. Nachdem der quirlige Marco Prießner TuS-Schlussmann Tim Becker den Ball aus den Händen stibitzt und eine Ecke herausgeholt hatte, verpasste Becker ihm einen Kopfstoß – und durfte nach der Roten Karte den Rest des Spiels vom Balkon der Vereinskneipe aus verfolgen. Er sah, wie sein Vertreter David Schröder einen Schuss des ebenfalls eingewechselten Musa Karli in der 83. Minute nicht festhalten konnte – und wie Matta zum 2:2 abstaubte.

Radkes seltener Patzer

Hahns gut funktionierende Wechsel wären womöglich eines der Themen des Spiels gewesen, doch durch den späten Sulinger Siegtreffer wurden sie zur Randerscheinung. Der Delmenhorster Rechtsverteidiger Kevin Radke, einer der Zuverlässigsten im Team, schob einen Rückpass in den Lauf von Hussein Saade, der stark zum 3:2 abschloss. „Ein unglaublicher Fehler“, meinte Hahn. Es folgten Nickeligkeiten des schon ausgewechselten Koc vor der Atlas-Bank, der Schlusspfiff und der späte Schmerz bei Spielern, Verantwortlichen und den mehreren hundert Atlas-Fans unter den 729 Zuschauern. „Meine Jungs haben ihr Herz auf dem Platz gelassen. Unser Sieg war aber glücklich“, meinte TuS-Trainer Schops.

Für seine Delmenhorster Kollegen ist der Auftrag klar. „Fehler aufarbeiten und weitermachen“, sagte Büsing. Hahn stellte sogar fest: „Bei uns hat nicht viel gefehlt. Die Aufstellung war richtig, die Taktik auch, aber so viele Geschenke dürfen wir nicht verteilen. Das ist die Oberliga.“