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Fußball-Oberliga Thomas Mutlu, das Kampfschwein des SV Atlas

Von Frederik Böckmann, Frederik Böckmann | 24.11.2017, 08:47 Uhr

Thomas Mutlu stopft bei Atlas Delmenhorst in der Defensive die Löcher und kurbelt gleichzeitig das Offensivspiel an. Seit 2013 ist der Defensiv-Allrounder bei den Blau-Gelben in der Startelf praktisch gesetzt. Dabei hatte er nach seinem ersten Training eigentlich schon keine Lust mehr auf den SVA.

Die Schlammschlacht bei Arminia Hannover hatte natürlich auch bei Thomas Mutlu ihre Spuren hinterlassen. „Das Duschen hat überhaupt nichts gebracht. Ich war danach immer noch dreckig“, schmunzelte der 27-Jährige rückblickend über die Nullnummer des SV Atlas Delmenhorst am vergangenen Sonntag in der Fußball-Oberliga. Dass von den Zeugwarten beider Mannschaften nach dem Nostalgie-Gipfel beim Waschen der Trikots besondere Qualitäten gefragt waren, versteht sich von selbst.

Bei den Atlas-Trikots mit der von Mutlu getragenen Nummer 4 sind besondere Waschkünste aber mehr die Regel, denn die Ausnahme. Denn beim Rechtsfuß wird nicht nur Fußball gespielt, sondern regelrecht gearbeitet – und das ist vor allem positiv gemeint, wie es beispielsweise auch der scheidende Klubchef Jörg Borkus ausdrückt: „Thomas ist unser Kampfschwein. Der kann auch in der 100. Minute noch marschieren.“ Für Block-H-Sprecher Timo Conrad ist der Aramäer schlicht und einfach „Maschine Mutlu“.

Kein Schön-Wetter-Fußballer

Es sind zwei Aussagen, die den Fußballer Thomas Mutlu ziemlich treffend beschreiben – und für die es vom Rechtsfuß auch keinen Widerspruch gibt. Ob er eine Maschine sei? Mutlu überlegt nicht lange und nickt zustimmend. „Eine Maschine ist immer fit und hat immer Luft. Das trifft wohl auch auf mich zu“, sagt der Defensivspieler und lacht. Und das Kampfschwein? Ja, das sei er auch wohl. „Ich mag den dreckigen Fußball.“ Ein Schön-Wetter-Fußball sei er jedenfalls nicht, sagt Mutlu und schmunzelt, als er darauf zu sprechen kommt, dass Atlas angesichts der derzeitigen schlechten Platzverhältnisse fast nur noch auf dem Kunststoffplatz des Hockeyclubs trainiert. „Auf Kunstrasen wird man ja gar nicht schmutzig.“

Thomas Mutlu ist die Art Fußballer, die sich wohl jeder Trainer neben den Künstlern und Führungsspielern in seiner Mannschaft wünscht. Denn er ist der klassische Teamplayer, der emotionale Anpeitscher bei Ansprachen, kurzum: jemand, der sich gerne in den Dienst der Mannschaft stellt und immer alles gibt. Der 1,75-Meter-Mann schießt nicht viele Tore, er bereitet wenig Treffer vor, er glänzt nicht mit technischen Kabinettstückchen. Dafür ist Mutlu aber zugleich Abräumer in der Defensive als auch der Antreiber für das Offensivspiel der Blau-Gelben – weshalb der immer gut gelaunte Neffe von Atlas-Legende Manuel Mutlu von Mannschaft und Fans gleichermaßen geschätzt wird.

Allrounder in der Defensive

Trainer Hahn mag vor allem die große Flexibilität seines Dauerläufers. Egal ob als Sechser oder Achter, als linker oder rechter Verteidiger: Mutlu ist seit seinem Wechsel 2013 zu den Blau-Gelben immer Stammspieler gewesen. Auch in dieser Saison stand Mutlu in jeder Partie in der Startelf, wurde nur vier Mal ausgewechselt und hat mit 1259 Minuten insgesamt nur 60 Sekunden weniger gespielt als Florian Urbainski und Tom Witte mit den meisten Spielminuten beim SV Atlas. Auf welcher Position Mutlu zum Einsatz kommt, ist dem Allrounder egal, wenngleich er einräumt, am liebsten in der Zentrale zu agieren. „Da habe ich mehr Einfluss auf das Spiel.“

Bälle erobern, Passwege zustellen, Zweikämpfe gewinnen – das waren auch schon Mutlus Kernkompetenzen in der Jugend. „Ich schone weder meine Gegenspieler noch mich“, lacht Mutlu. Wenn ein Gegenspieler nach der Partie zu ihm sage, er sei ekelig zu spielen gewesen, „dann weiß ich, dass ich viel richtig gemacht habe“, sagt Mutlu. Dass seine Offensivkollegen mehr im Fokus der Zuschauer und auch der Medien stehen, ist für den Delmenhorster kein Problem. Die Atlas-Angreifer wüssten es schon zu schätzen, dass Mutlu zusammen mit seinen Defensivkollegen „die Drecksarbeit übernimmt“ (Mutlu). „Dafür bedanken sie sich auch. Meistens jedenfalls. Wenn sie es nicht vergessen“, schmunzelt Mutlu.

Schock nach dem ersten Training

Wer den 27-Jährigen über die Blau-Gelben sprechen hört, der merkt bei jedem Satz, bei jedem Wort, bei jeder Silbe, dass er sich bei den Blau-Gelben pudelwohl fühlt. „Dafür, dass es unseren Verein erst seit so kurzer Zeit wieder gibt, geht hier doch alles ziemlich familiär zu.“

Von seiner ersten Trainingseinheit beim damaligen Kreisligisten ist Mutlu indes noch immer etwas geschockt. „Ich komme nicht mehr wieder“, sagte der Rechtsfuß nach der ersten Einheit im Stadion zu seinem Trainern Jürgen Hahn. Warum? „Einige Spieler hatten ihre Zigaretten in den Stutzen, andere wiederum sind ohne Socken in die Fußballschuhe gestiegen“, staunte Mutlu über damals eher an eine Thekentruppe erinnernde Situation beim SVA nach dem Aufstieg aus der 1. Kreisklasse. „So etwas kannte ich einfach nicht.“

Nach vielen Wechseln nun heimisch geworden

Denn den Fußballer Thomas Mutlu zeichnete früher wie heute sein Ehrgeiz und unbändiger Siegewille aus, weshalb der Delmenhorster schon in der Jugend immer versuchte, so hoch wie möglich zu spielen. Seine Laufbahn begann der direkt neben dem Stadion in Düsternort wohnende Mutlu beim SVA. Danach folgten in der Jugend Stationen beim SV Tur Abdin, beim TuS Heidkrug, bei Werder Bremen (in einer Mannschaft mit Felix Wiedwald und Karim Bellarabi), dem TV Jahn und dem VfL Oldenburg.

An der Oldenburger Alexanderstraße kickte der Rechtsfuß auch in seiner ersten Herren-Saison, ehe er über den TSV Ottersberg, den SSV Jeddeloh, den VfB Oldenburg (damals schon unter Coach Hahn) zum SV Atlas zurückkehrte und, wie Mutlu es nennt, „meine Reise beendet habe“.

Gegen Sulingen noch etwas gutzumachen

Mit dem Aufstieg mit ihm aus der Kreisliga bis in die Oberliga sei er auch an den Aufgaben gewachsen, findet Mutlu. „Ich glaube schon, dass ich als Spieler im Laufe der Jahre besser geworden bin.“ Das Niveau in der höchsten niedersächsischen Spielklasse habe im Vergleich zu seinem Oberliga-Engagement in Ottersberg in der Saison 2010/2011 enorm angezogen. „Das Tempo ist der Wahnsinn“, findet Mutlu.

Doch der Aramäer ist jemand, der das Tempo mitgehen kann. Weshalb Mutlu sich auch schon auf das erste Rückrundenspiel am kommenden Samstag (14 Uhr) gegen den TuS Sulingen freut. „Wir haben noch etwas gutzumachen“, erinnert er sich an die bittere 2:3-Hinspielniederlage am ersten Spieltag. Wie das Duell am Ende auch ausgehen mag, fest auf jeden Falls dies: das blau-gelbe Trikot mit der Nummer 4 wird nach den 90 Minuten definitiv nicht sauber sein. Bei Thomas Mutlu, dem Kampfschwein.