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Fußball-Oberliga Wie der SV Atlas Delmenhorst zum Rekordsieg stürmte

Von Daniel Niebuhr | 13.11.2017, 10:53 Uhr

Oberligist SV Atlas Delmenhorst schreibt mit dem 9:2 über die SVG Göttingen Vereinsgeschichte. Auch nach dem Rekordsieggibt es aber Selbstkritik.

Auch im modernen Fußball, in dem eigentlich alles sofort gezählt wird, erschließen sich Superlative manchmal nicht direkt nach dem Abpfiff. Nach dem verrückten 9:2 (2:0) gegen die bemitleidenswerte Spielvereinigung Göttingen wurde auf der Tribüne ebenso gerätselt wie auf dem Rasen, wie historisch dieser Erfolg für den SV Atlas nun war – und die Antwort lautete: ziemlich historisch.

Trainer Jürgen Hahn überlegte nach dem Spiel noch, „ob das vielleicht ein Rekordsieg war“, ein 9:2 passiere ja nicht so oft – am Ende des Abends durfte er sich bestätigt fühlen. Seine an Bestmarken ohnehin reiche Amtszeit ist tatsächlich um ein Novum reicher: Das Schützenfest gegen Göttingen löste das 7:1 bei Preußen Hameln von 1980 als höchsten Oberliga-Sieg der Delmenhorster Vereinsgeschichte ab. Es ist auch der höchste Erfolg in Niedersachsens Eliteklasse seit mehr als sechs Jahren. „Es war ganz gute Unterhaltung, oder?“, sagte Hahn und lobte: „Die Jungs sind mit Willen und Wut in dieses Spiel gegangen.“ Nebenbei beendeten sie auch die Serie von fünf Heimspielen ohne Sieg.

Beide Abwehrreihen nervös

Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten dieses Samstagnachmittags, dass am Ende sogar darüber gesprochen werden musste, dass neun Treffer noch zu wenig waren gegen einen dramatisch schwachen Gegner. „Wir hatten noch etliche Dinger auf dem Fuß, aber nach so einem Ergebnis will ich nicht zu viel meckern“, sagte Hahn. Vierfach-Torschütze Patrick Degen gab sich selbstkritisch: „Vier Tore habe ich noch nicht oft gemacht – aber eigentlich hätte ich noch mehr schießen müssen.“ Schlusslicht Göttingen allerdings auch, wie beide bekannten.

In der Tat boten die Sturmreihen ein wildes Spektakel, tatkräftig unterstützt von den flatterigen Abwehrreihen. Schon die ersten beiden Tore, die Dominik Entelmann für Atlas erzielte, waren Göttinger Geschenke: Beim 1:0 in der 14. Minute verlor Julian Keseling als letzter Mann den Ball an Lars Scholz, dessen Schuss abgeblockt wurde, Entelmann blieb im Nachschuss dann cool. Das 2:0 produzierte Entelmann komplett selbst: Er wurde von Torwart Omar Younes gefoult und verwandelte den Strafstoß.

Auch bei Atlas klappte defensiv aber längst nicht alles, der starke Gäste-Stürmer Lucas Duymelinck tauchte mehrfach frei im Delmenhorster Strafraum auf. „Wir haben viel zugelassen, darüber werden wir reden müssen“, sagte Degen. „Wir haben davon profitiert, dass Göttingen bis zum Schluss voll nach vorne gespielt hat.“

Neun Tore in der zweiten Halbzeit

So erklärte sich zumindest halbwegs eine zweite Hälfte, wie sie selbst die älteren unter den 750 Zuschauern selten erlebt haben. Es gab Chancen nahezu im Minutentakt, neun Tore und unfassbare Abwehrfehler. Zunächst fiel das 3:0 durch Scholz (54.), dann verkürzte Duymelinck für Göttingen, begünstigt durch eine missglückte Abseitsfalle (58.). Nach Degens 4:1 nach einer Stunde fielen die Gäste komplett auseinander. Wiederum Degen (63.) und der eingewechselte Marco Prießner (65.) erhöhten auf 6:1. „Der Gegner hatte nicht die Qualität, um dagegenzuhalten“, fand Hahn. Degen meinte: „Bei Göttingen sind alle Dämme gebrochen. Wenn du Letzter bist und so hoch hinten liegst, gehen die Köpfe irgendwann runter.“

Auch das zweite Gäste-Tor durch einen feinen Lupfer von Josu De Las Heras in der 67. Minute änderte daran nichts. Degen (77./90.+2) und Prießner (90.+1) nutzten die Freiheiten zu den Toren acht und neun. Atlas polierte damit nicht nur das Torverhältnis und die bis dahin schwache Heimbilanz auf, vor allem soll das Spiel „ein Brustlöser“ sein, wie Degen es sagte: „So ein Ergebnis ist schon eine Aussage, das gibt Selbstvertrauen. Neun Tore muss man erstmal schießen.“ Hahn sah es ähnlich. „Für uns ist das ein Befreiungsschlag. Ein 9:2 – wer hat so was sonst in der Oberliga geschafft?“ Der SV Atlas zuvor jedenfalls noch nicht. Allerdings haben die Blau-Gelben bei ihrem Durchmarsch von der Kreisklasse in die Oberliga sehr wohl schon höher gewonnen, zuletzt 2016 als Bezirksligist beim 13:0 in Esenshamm. Der höchste Sieg seit der Wiedergründung vor fünf Jahren wird vermutlich nie mehr überboten: Es ist das 20:0 in Kleinenkneten im Oktober 2012.