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Gehen als Lebenselixier Delmenhorster Leichtathlet Heiko Lersch wird „ohne Sport unruhig“

Von Klaus Erdmann | 05.04.2019, 13:55 Uhr

Der 79-jährige Delmenhorster Leichtathlet Heiko Lersch wurde bei der Senioren-WM im 3000-Meter-Gehen disqualifiziert. Das wirft ihn nicht aus der Bahn: Er peilt bereits neue Ziele an.

Neulich in Torun, Polen. Bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Senioren wird der Delmenhorster Heiko Lersch, der sich in der Halle am 3000-Meter-Gehen der Altersklasse 75 beteiligt, disqualifiziert. 500 Meter vor dem Ziel. Er habe, begründen die Kampfrichter die Rote Karte, das rechte Bein nicht richtig durchgedrückt. „Früher spielte das keine Rolle“, blickt Lersch zurück. „Da wurde mehr auf Bodenkontakt geachtet.“ Und der 79-Jährige sagt, dass er den Fehler nicht bemerkt habe.

Die Entfernung von Delmenhorst nach Torun beträgt 800 Kilometer. Noch einige Zeit später ist Lersch „sauer und enttäuscht“. Dieser Gemütszustand führt dazu, dass er ernsthaft darüber nachdenkt, in diesem Jahr nicht mehr an einem Wettbewerb teilzunehmen.

Heiko Lersch tritt für den SV Brake an

Der erste Wettkampf liegt 49 Jahre zurück. 1970 sucht der im September 2017 verstorbene Ausnahme-Geher Julius Müller ein Mitglied für seine Mannschaft. Die Wahl fällt auf den Läufer Lersch, den er von der Schule her kennt und der Neuland betritt. Obwohl sie „sehr anstrengend“ ist, freundet sich Lersch mit der neuen Sporart an. „Ich wurde angesteckt“, schmunzelt er, dem besonders die „gute Kameradschaft“ gefällt. Er startet zunächst für den Müller-Verein Adelheider TV, später für den Post SV Bremen und seit 1982 für den SV Brake („Der Verein unterstützt mich gut“).

Sport hilft, schwere Krankheit zu überwinden

Anhand von Zeitungsausschnitten und Urkunden, die er in Klarsichtfolien aufbewahrt, lässt der gebürtige Delmenhorster die vergangenen Jahre und Jahrzehnte Revue passieren. „Ich habe etliche Wettkämpfe bestritten“, sagt er. 2007 startet er in Regensburg erstmals bei einer Europameisterschaft. Das Zehn-Kilometer-Gehen beendet er als Fünfter. Ebenfalls 2007 wird bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Beginn einer Leidenszeit. Lersch erinnert sich an eine Aussage seines Oldenburger Arztes. „Wenn du keinen Sport gemacht hättest, hättest du das nicht durchgestanden“, habe der Mediziner, ein Marathonläufer, gesagt. Gehen als Lebenselixier.

Zwei Jahren später freut sich die Sportlerszene über Lerschs Rückkehr. Anfang Februar 2009 startet er bei der Deutschen Meisterschaft. Beim 3000m-Bahngehen wird er Sechster. Seinen größten Erfolg feiert er 2015, als er mit Holger Flaßnöcker und Frank Knäringer ein erfolgreiches Team bildet, das bei der Europameisterschaft das Fünf-Kilometer-Gehen gewinnt. Übrigens in Torun, Polen.

Doch es sind nicht „nur“ Titel und gute Plätze, an die sich Lersch, der oft von seiner Frau Sylvia begleitet wird, gerne erinnert. Lächelnd denkt er an zwei Starts mit Julius Müller in Italien zurück („Das waren die schönsten Wettkämpfe“). Die Geher bewältigen die 36 km lange Strecke vom Petersplatz in Rom bis nach Castel Gandolfo, wo sich die Sommerresidenz des Papstes befindet. Lersch schwärmt von der „tollen Atmosphäre“ und den vielen Zuschauern an der Strecke. Und überhaupt: „Ich habe viele europäische Länder besucht. Ohne den Sport wäre ich dort nicht hingekommen.“

Delmenhorster trainiert fast täglich

Lersch, dessen Sohn Andreas sich ebenso wie die Enkel Kevin und Dominik dem Fußball verschrieben haben, trainiert beinahe täglich („Samstag ist Ruhetag“). Um 6 Uhr steht er auf. Dann legt er auf seiner Bungerhofer Strecke fünf bis zehn Kilometer zurück. „Man glaubt gar nicht, wie viele Leute dann schon mit Hunden unterwegs sind“, betont er. Mittlerweile kennt man sich.

Er plant, das Trainingspensum abzubauen. Langsam. Demnächst will er zwei trainingsfreie Tage einlegen und zudem nicht mehr so viele Wettkämpfe bestreiten. Kann er sich ein Leben ohne Sport vorstellen?. „Nein, nein“, antwortet Lersch. „Machen Sie weiter Sport.“ Das habe ihm sein Arzt empfohlen. „Wenn ich keinen Sport mache, werde ich unruhig“, sagt der Routinier und lächelt.

Während des zweiten Gesprächs kündigt er an, dass er schon bald wieder starten werde. Natürlich. Am 12. Mai nimmt er bei einem Sportfest in Oldenburg am 3000-Meter-Bahngehen teil, um die Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft zu erreichen. Einer wie Heiko Lersch lässt sich von der Disqualifikation bei seiner ersten Weltmeisterschaft nicht wirklich aus der Bahn werfen. Schließlich ist der Sport sein Lebenselixier.