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Gesprächsrunde in Wildeshausen Drohen Sportvereinen noch weniger Hallenzeiten?

Von Frederik Böckmann | 19.11.2015, 22:17 Uhr

Welche Auswirkungen hat der Flüchtlingsstrom auf die Sportvereine? Darüber diskutierten Politiker und Sportler in Wildeshausen auf Einladung von VfL-Chef Wolfgang Sasse. Eine Sorge: Mittelfristig könnten für die Klubs sogar noch weniger Hallenzeiten zur Verfügung stehen. Das glaubt zumindest Marco Trips, Präsident des niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes.

Wolfgang Sasse war wie immer bestens vorbereitet. Anhand einer Power-Point-Präsentation zeigte der Vorsitzende des VfL Wittekind Wildeshausen bei einer Gesprächsrunde mit Politikern und Sportlern im VfL-Treff, wie der Verein mit der aktuellen Flüchtlingskrise umgeht. Wie der VfL versucht, Flüchtlinge in seinen Klub zu integrieren, wo er bürokratische Hürden sieht und – vor allem – wie der Verein es schafft, angesichts schwindender Zeiten in den sechs Sporthallen der Kreisstadt den Spiel- und Trainingsbetrieb noch zu organisieren.

Auf zwei Seiten der Präsentation war Sasse zumindest etwas stolz. Plan A zeigte den Wunsch-Zustand, wie der Mehrspartenverein seine Spiel- und Trainingszeiten im optimalen Fall – wenn die Hallen nicht belegt sind – nutzt. Plan B zeigte den Ist-Zustand, wie der VfL Wittekind – angesichts geringerer Hallenzeiten – den Betrieb aktuell regelt. „Wir sind gut organisiert, wir kriegen das irgendwie hin“, meinte Sasse.

„Was machen wir, wenn künftig alle Sporthallen belegt sind?“

Der Haken: Weder Plan B und erst recht nicht Plan A könnten der VfL Wittekind und viele weitere Sportvereine mittelfristig aufrecht erhalten – das befürchtet zumindest der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes (NSGB), Marco Trips, der zu der Informationsveranstaltung in den Krandel eingeladen worden war. Er wolle keine Panik schieben, sagte Trips, aber er glaube, dass bald „Plan C“ greifen müsse und fragte: „Was machen wir, wenn künftig alle Sporthallen belegt sind?“

Über diese Frage zermarterten sich alle Teilnehmer den Kopf. „Je länger die Sporthallen zu sind, umso weniger kann dort Integration stattfinden“, erkannte der Landtagsabgeordnete Ansgar Focke aus Ganderkesee. Dass der Flüchtlingsstrom nicht abreiße, davon sei allerdings auszugehen, sagte NSGB-Präsident Trips mit ernster Miene. Im Gegenteil: Er könnte trotz des Winters und vor allem im kommenden Frühjahr sogar noch größer werden. Trips kritisierte die Bundespolitik und glaubt, wenn diese weiter „so agiert, wie sie agiert, werden wir mindestens bis 2016 wir noch eine sehr angespannte Situation erleben müssen“.

Wolfgang Sasse fordert von Politik mehr Unterstützung

Die aktuelle Situation erfordert von den Vereinen – trotz der erfolgreichen Bemühungen, Flüchtlinge zu integrieren – schon jetzt viel Arbeit und wirft gleichzeitig bürokratische Fragen, etwa im Steuerrecht, auf. „Was dürfen wir? Was dürfen wir nicht?“, sinnierte Sasse und wünschte sich von der Politik mehr Unterstützung, Erleichterung und Informationen. Nur so lasse sich auch vermeiden, dass „Vertreter von Sportvereinen mit Halbwissen oder Andeutungen Politik machen“. Politik, die beim Umgang mit der Flüchtlingskrise nicht hilfreich sei. „Wir Sportler stellen keine Forderungen, sondern versuchen, mit unserem Know-how zu helfen“, sagte VfL-Chef Sasse.

Inwieweit der VfL Wittekind als Sportverein von belegten Hallen betroffen ist, machte Sasse an zwei Beispielen deutlich. In der jetzt beginnenden Hallenserie nehmen die VfL-Fußballer mit 22 Jugendmannschaften, 35 Betreuer und 380 Spielern teil. Zeiten für alle Fußballer zu organisieren, habe der VfL irgendwie gemanagt. Zufrieden mit den Regelungen seien indes nicht alle. „Wenn Eltern Druck machen, dass Kinder für ihre gezahlten Beiträge kaum Trainingsstunden haben, ist das nur verständlich“, erklärte Sasse.

Weser-Ems-Ligist HSG Wildeshausen/Harpstedt hat finanzielle Mehrbelastungen

Welche finanzielle Mehrbelastung der VfL durch fehlende Hallen tragen musste, machte der Klubchef am Beispiel der Handballer-Männer deutlich. Denn die HSG Wildeshausen/Harpstedt (Weser-Ems-Liga) trainiert seit Oktober nicht mehr in der Kreisstadt, sondern in der benachbarten Samtgemeinde. „Das verursacht alleine bei dieser Mannschaft Mehrkosten in Höhe von 135 Euro pro Woche“, rechnete Sasse vor.

Wildeshausens Bürgermeister Jens Kuraschinski gab den 20 Sportvereinen der Stadt mit ihren insgesamt 5016 Mitgliedern zumindest diese Hoffnung, einen „Plan D“, wie er ihn nannte: Die Stadt versuche Behelfs- und Schlichtbauten für die Flüchtlinge zu organisieren, um dadurch die Belegung der Sporthallen zu entlasten. „Es gibt keinen Masterplan, um die Situation zu entspannen“, sagte Kuraschinski. Dies sei zumindest ein Schritt.

Wolfgang Sasse will zur Not „die Krallen ausfahren“

Alles hinnehmen wollen die Sportvereine auf Dauer indes nicht, verdeutlichte Sasse, der auch Vorsitzender der Handball-Region Oldenburg ist. „Wir sind jetzt noch die Schmusekätzen. Aber wir können auch die Krallen ausfahren.“