Ein Angebot der NOZ

Handball-EM in Polen Handball-Experten loben Deutschen Auftritt

Von Frederik Böckmann | 28.01.2016, 21:21 Uhr

Eine große Unbekümmertheit, taktisch starke Auftritte und die variable, offensive Deckung: Die Gründe für den Halbfinaleinzug des Deutschen Handballer bei der EM in Polen sind für die Experten Jürgen Janßen (Vorsitzender HSG Delmenhorst) und Werner Bokelmann (Trainer HSG Hude/Falkenburg Frauen) vielschichtig.

Als die zweite Niederlage im zweiten Gruppenspiel drohte, das vorzeitige Aus bei der Handball-EM in Polen schon besiegelt schien, da hielt Jürgen Janßen in der Halbzeitpause des Spiels zwischen Schweden und Deutschland in Breslau mit einem Fan der Skandinavier ein Fachgespräch zwischen zwei Handball-Experten. Sie sprachen natürlich über die erste Hälfte, in der das DHB-Team noch nicht auf Touren kam und viele Fehler produziert hatte, während die Schweden schon auf die Siegerstraße eingebogen zu sein schienen.

„Schade, dass ihr heute verliert“, sagte der Schwede zum Delmenhorster und strahlte angesichts einer 17:13-Pausenführung seines Teams. Janßen nahm diese Prognose seines Gesprächspartners gelassen hin, konzentrierte sich auf die zweite Spielhälfte – und war schließlich derjenige, der nach 60 aufregenden Minuten jubelte: Denn Deutschland hatte Schweden in einer der vielen Nervenschlachten noch mit 27:26 niedergerungen. (Weiterlesen: Handball-Helden zwischen Glückhormen und Horrorfilmen)

Jürgen Janßen macht viele nette Begegnungen während der Handball-EM

„Das war überragend. Ein richtiges Erlebnis“, schwärmt Janßen über das Spiel und die Sticheleien mit dem Schweden. Es ist nur eine kleine von mehreren Anekdoten, die der Vorsitzende der HSG Delmenhorst vor dem Halbfinale am Freitag (18.30 Uhr) gegen Norwegen über seinen Kurztrip zur Handball-EM in Polen berichten kann. Mit fünf Handball-Freunden hatte sich Janßen per Bulli auf den Weg nach Breslau gemacht und dort die drei deutschen Vorrundenspiele gesehen. (Weiterlesen: Kein Belohnungsessen: Regeneration für Handball-Helden)

„Europa lebt“, sagt Janßen nach dem stimmungsvollen Trip in den Südwesten des Nachbarlandes. Bei Gesprächen mit Schweden, Spaniern, Slowenen oder Polen, auf den Fanmeilen oder an Fantischen, in Kneipen oder an den Hotelbars: Janßen erlebte mit seinen fünf Bekannten überall eine „hervorragende Stimmung“. Die gab es natürlich vor allem bei den Spielen in der Breslauer Jahrhunderthalle mit deutscher Beteiligung, wo jeweils rund 2000 DHB-Fans die Mannschaft nach vorne gepeitscht haben.

Kritisch merkte Janßen aber auch zwei Aspekte an. Punkt eins: Die Sponsorentribüne, die vom TV aus nicht zu sehen ist, war in den drei Spielen meistens „nur zur Hälfte gefüllt“. Punkt zwei: Die Breslauer Verkehrsinfrastruktur war auf den großen Fanandrang nicht optimal vorbereitet. Dennoch konstatierte der Delmenhorster: „Die Reise war richtig toll.“ Was natürlich auch an den „taktisch starken“ Auftritten des deutschen Teams lag. „Das Potenzial der Mannschaft ist riesig. Ich hoffe, sie behält ihre Unbekümmertheit“, sagt Janßen und findet: „Der Halbfinaleinzug ist jetzt schon mehr wert, als der WM-Titel 2007. Wenn wir jetzt nur Vierter, wäre das auch voll okay.“

Werner Bokelmann glaubt an den EM-Titel

Den EM-Titel hält indes Werner Bokelmann nicht für unrealistisch. „Jetzt kann die Mannschaft richtig durchstarten. Die hat einen Lauf“, sagt der Drittliga-Trainer der HSG Hude/Falkenburg und meint: „Es ist ein Märchen, was da in Polen gerade abgeht. Das hätte ich der Mannschaft nicht zugetraut.“ Der Turnierverlauf der deutschen Mannschaft sei auch angesichts der vielen Ausfälle ein „Hollywood-Stück“, das kein Regisseur besser hätte inszenieren können. Dieser Erfolg, das betont Bokelmann, sei für den deutschen Handball sehr wichtig gewesen. „Wir brauchten das.“ Die Entwicklungen zuletzt sei „sehr schrecklich“ gewesen. (Weiterlesen: Handballer spielen um Medaillen)

Die Gründe für den überraschenden Halbfinal-Einzug liegen für den früheren Bundesliga-Coach des VfL Oldenburg auf der Hand: das gute Coaching von Dagur Sigurdsson, eine Mannschaft, die bis zum Schluss um jeden Ball „fightet“ und die variable, offensive Abwehrformation mit ihrer enormen Handlungsschnelligkeit. „Dort haben wir den größten Sprung gemacht“, sagt Bokelmann und findet: „Das, was wir in der Deckung spielen, ist Weltklasse.“