Ein Angebot der NOZ

Jorge Jacinto: „Fußball verbindet“ Portugiese aus Delmenhorst träumt vom Finale gegen DFB-Elf

Von Yannick Richter, Yannick Richter | 05.07.2016, 19:54 Uhr

Im Schatten der isländischen EM-Sensation hat sich die portugiesische Nationalmannschaft still und heimlich ins Halbfinale geschlichen. Der Deutsch-Portugiese Jorge Jacinto, Co-Trainer beim TuS Heidkrug, glaubt, dass der überraschende Erfolg Portugals die ganze Nation beflügeln könnte.

Es hätte eine der typischen Geschichten sein können, die nur der Fußball schreibt: Bei der EM im eigenen Land zog die „Goldene Generation“ Portugals um Luis Figo, Rui Costa, Fernando Couto und Nuno Gomes ins Finale ein und hatte dort den Sieg vor Augen, als der ehemalige Werder-Stürmer Angelos Charisteas am 4. Juli 2004 mit seinem Siegtreffer für Griechenland den Traum von mehr als zehn Millionen Portugiesen platzen ließ.

 So verfolgt die Region Delmenhorst die EM 2016

Glaube an Team ist zurück

Nie wieder sei der Glaube an einen Triumph bei den portugiesischen Fußballanhängern so groß gewesen wie damals, berichtet Jorge Jacinto im Gespräch mit dem dk. Doch ebenso plötzlich wie sich die Iberer jetzt für das Halbfinale qualifizierten, kehrte die Hoffnung der fußballbegeisterten Portugiesen auf einen Erfolg bei einem großen Turnier zurück: „Lange Zeit kam keine wirkliche EM-Stimmung im Land auf. Doch nach und nach wurde die Euphorie größer. Mittlerweile glaubt das gesamte Land an eine Titelchance“, sagt der 52-Jährige, der zu Beginn der EM in seinem Heimatland weilte, weiter.

Ohne Sieg ins Halbfinale

Dass es das Team um Superstar Cristiano Ronaldo überhaupt so weit geschafft hat, grenzt an ein Wunder. Fünf Spiele hat Portugal bei der EM bereits bestritten. Keines davon hat die Mannschaft gewonnen – zumindest nicht nach 90 Minuten. Nach drei Unentschieden in der Vorrunde, dem Achtelfinal-Sieg über Kroatien in den letzten Minuten der Verlängerung und dem Viertelfinal-Erfolg im Elfmeterschießen gegen die Auswahl Polens findet sich die Seleção auf einmal unter den besten vier Teams von Europa wieder. „Ich bin zwar kein Freund vom neuen EM-Modus, aber geschadet hat er uns bestimmt nicht“, macht der Co-Trainer der ersten Herrenmannschaft vom TuS Heidkrug deutlich, dass Portugal beim ehemaligen Turnierformat schon längst ausgeschieden wäre.

 Alle wichtigen Informationen zur EM gibt es auf unserer Themenseite

Cristiano Ronaldo spaltet Fußballwelt

Ebenso habe Portugal Glück gehabt, dass es bislang allen Titelfavoriten aus dem Weg gehen konnte, betont Jacinto. Mit Wales wartet am Mittwochabend im Halbfinale nun wiederum ein Underdog auf die portugiesische Auswahl. „Wenn nicht jetzt, wann dann? Diese Chance muss genutzt werden“, weiß Jacinto, dass Portugal auf dem Blatt Papier erneut eine machbare Aufgabe vor der Brust hat und mit dem Finaleinzug oder gar dem Titel das gesamte Land gestärkt werden könnte: „Der Fußball verbindet. Gerade in Zeiten, in denen die wirtschaftliche Lage schwierig ist, kann mit einem sportlichen Erfolg das Prestige, das Selbstvertrauen und die Zufriedenheit der Portugiesen wieder aufgebaut werden.“ Allerdings sei dafür eine gewaltige Leistungssteigerung erforderlich. „Die Spieler müssen geschlossen als Mannschaft auftreten und nicht als elf Einzelpersonen“, so Jacinto. Ein Rätsel für ihn sei dabei auch der bisher eher bescheidene Auftritt von Cristiano Ronaldo. „Er spaltet ganz Portugal. Viele vergöttern ihn, manche sind neidisch und hassen ihn. Aufgrund seines Ehrgeizes und des Drucks steht er sich oftmals selbst im Weg“, erläutert Jacinto die Problematik um den dreimaligen Weltfußballer.

 Alles zur EM in unserem News-Blog

Endspiel kann zu Familienkonflikt führen

Die Halbfinal-Partie verfolgt der Fußballfachmann wie zuletzt auch im Kreise der Familie und der Nachbarschaft. „Ich wünsche mir natürlich ein Finale zwischen Portugal und Deutschland“, träumt Jacinto von der idealen Endspielkonstellation. „Allerdings weiß ich nicht, zu welcher Mannschaft ich dann halte. Nach all den Jahrzehnten ist Deutschland meine Heimat geworden. Meine Tochter ist jedoch für Portugal. Ich möchte es mir mit ihr nicht verscherzen“, witzelt Jacinto (noch).