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Ju-Jutsu Delmenhorsterin Verena Rücker macht Berufung zum Beruf

Von Lars Pingel | 26.10.2018, 13:28 Uhr

Die 26-jährige Verena Rücker ist ab dem 1. Januar 2019 Sportsoldatin. Die gebürtige Delmenhorsterin, die inzwischen für den PSV Oldenburg startet, hat zuletzt bei der Ju-Jutsu-Europameisterschaft zweimal Bronze gewonnen. Sie möchte sich in der Weltspitze etablieren.

Verena Rücker blickt zurück, um zu erklären, wie groß die Freude auf und über das ist, was sie erwartet. Und ein bisschen Unsicherheit ist auch noch dabei. „Das alles hat in der Hohlbein-Halle angefangen“, überlegt die 26-jährige Ju-Jutsu-Kämpferin. Zehn Jahre ist das inzwischen her. Freitags trainierte dort die Kindergruppe des JC Bushido Delmenhorst, Verena Rücker war mit einer Freundin dabei. Langsam, aber sicher wurde der Kampfsport für sie zu einer Berufung. Mit viel Trainingsfleiß und dank des großen Talents wurde sie immer besser und immer erfolgreicher. Ab dem 2. Januar 2019 ist Ju-Jutsu sogar ihr Lebensmittelpunkt. Sie wird Sportsoldatin. „Es ist noch nicht ganz real“, gibt die gebürtige Delmenhorsterin zu. „Das, was man mal hobbymäßig gemacht hat, wofür man sogar ein bisschen belächelt wurde, wird zum Beruf.“

2017 holte Verena Rücker WM-Bronze

Die Bundeswehr stellt in 15 Sporfördergruppen 744 Plätze für Athleten des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) zur Verfügung. Der Schwerpunkt liegt auf Olympischen Disziplinen, es gibt aber für Aktive aus Nicht-Olympischen Sportarten die Möglichkeit, aufgenommen zu werden. Mindestvoraussetzung ist, dass der Athlet in dieser zum A-Kader gehört. Rücker, die die Idee schon vor „zwei, drei Jahren mal hatte“, aber diese Voraussetzung nicht erfüllte, schaffte den Sprung 2016. Im vergangenen Jahr erfüllte sie sich dann zum ersten Mal einen großen Traum. In der kolumbianischen Hauptstadt Bogota gewann sie als erster deutscher Ju-Jutsuka überhaupt eine WM-Medaille im Einzel: Bronze in der Disziplin Ne-Waza, dem Bodenkampf. „Danach habe ich mir schon die Frage gestellt, was jetzt eigentlich noch kommen soll“, erzählt sie. Nach kurzer Bedenkzeit lautete die Antwort: „Mehr.“

Rücker, die am St.-Josef-Hospital in Delmenhorst eine Lehre zur Krankenschwester absolviert hatte, war 2012 wegen der besseren Trainingsbedingungen nach Oldenburg umgezogen, startet seitdem für den PSV Oldenburg, und arbeitete für das Evangelische Krankenhaus. Im Januar 2018 ging sie nach Hannover, Standort eines Olympiastützpunkts. Ihren Beruf übt sie (noch) in einer Klinik der Medizinischen Hochschule aus. „In Hannover gab es, auch weil dort viele Kaderathleten sind, noch bessere Möglichkeiten leistungsorientiert zu trainieren.“

Traum vom Start bei den World Games 2021

Rücker nutzte diese. Sie wurde im zurückliegenden Mai bei den „Paris Open“ Zweite. „Zuvor hatte ich dort nur verloren“, sagt Rücker, die dort zum dritten Mal dort angetreten war. Auch zum Saisonhöhepunkt im Juni zeigte sie sich in Bestform. Bei den Europameisterschaften im polnischen Gliwice gewann sie Bronzemedaillen: eine im Ne-Waza-Einzel und eine im Mannschaftswettkampf.

Trotzdem, Rücker stellte fest, dass sie noch mehr trainieren wollte. Schließlich gibt es da noch etwas, das sie unbedingt noch erreichen möchte: den Start bei den World Games, den Weltspielen der Sportarten, die nicht zum olympischen Programm gehören. Sie werden alle vier Jahre ausgetragen, das nächste Mal vom 15. bis 25. Juli 2021 in der Stadt Birmingham im US-amerikanischen Bundesstaat Alabama. Im Ju-Jutsu werden die Startplätze anhand der Weltrangliste vergeben. Rücker muss dann auf den vordersten Plätzen stehen, um auch diesen Traum wahr zu machen.

Freude ist riesengroß

„Die Arbeit in einem Krankenhaus und das Training waren aber nicht mehr unter einen Hut zu kriegen“, erzählt Rücker, wie der Gedanke entstand, den Versuch zu starten, eine zwei, drei Jahre alte Idee doch noch zu verwirklichen. Sie fand Unterstützung beim Deutschen Ju-Jutsu-Verband um dessen Vorsitzenden Roland Köhler, gleichzeitig Bundestrainer. „Auf gut Glück“ erstellte sie mit ihm den Antrag beim DOSB, der ihn genehmigte. Allerdings hörte sie dann drei Monate nichts mehr davon, ehe „Anfang letzter Woche die Bestätigung kam.“

Rücker ist ab dem 1. Januar Grundwehrdienstleistende mit einer elfmonatigen Dienstzeit, an deren Ende über eine Verlängerung entschieden wird. Ihre sechswöchige Grundausbildung erhält sie in Hannover, anschließend gehört sie der Sportfördergruppe in Berlin an, kann aber weiter in Hannover und zudem auch in Frankfurt trainieren. „Ich bekomme ein speziell auf mich zugeschnittenes Training“, erzählt Rücker strahlend. „Wie genau das alles laufen wird, weiß ich noch nicht.“ Dieses kleine bisschen Ungewissheit trübt die riesengroße Vorfreude, mit der Verena Rücker nach vorn blickt, allerdings überhaupt nicht.