Ein Angebot der NOZ

Ju-Jutsu-WM 2017 in Bogota Gebürtige Delmenhorsterin Verena Rücker gewinnt zweimal Bronze

Von Lars Pingel | 16.12.2017, 11:12 Uhr

Die gebürtige Delmenhorsterin Verena Rücker, die für den PSV Oldenburg antritt, hat bei der Ju-Jutsu-WM 2017 in Bogota zwei Bronzemedaillen gewonnen. Den Sport erlernte sie beim JC Bushido

Verena Rücker strahlt – und überlegt trotzdem kurz. „Nein“, sagt sie dann, „nicht ganz. Es ist noch komisch.“ So richtig realisiert habe sie immer noch nicht, was sie am 26. November in Bogota geleistet hat. Die 25-jährige gebürtige Delmenhorsterin, die seit drei Jahren in Oldenburg lebt und arbeitet und für den dortigen Polizei SV antritt, gewann bei den Ju-Jutsu-Weltmeisterschaften in der kolumbianischen Hauptstadt zwei Bronzemedaillen. Und, als ob das nicht schon großartig genug wäre, sie schaffte dort auch noch etwas, das vor ihr noch kein deutscher Ju-Jutsuka erreicht hatte: Sie holte eine der Medaillen im Einzel in der Disziplin Ne-Waza, dem Bodenkampf. Die zweite Plakette erhielt sie noch am selben Tag für Platz drei mit der Mannschaft im „Team-Mixed-Wettkampf“.

Verband kann nicht alle Kosten tragen

Die WM-Erfolge von Verena Rücker sind nicht nur eine Geschichte über großen Trainingsfleiß, viel Selbstdisziplin gerade bei der Koordination von Leistungssport und ihrer Vollzeitberufstätigkeit als Krankenschwester im Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg. Das auch, natürlich. Aber für Rücker, die bei der WM 2016 in Polen als Mitglied zweier Teams ihre ersten WM-Medaillen gewonnen hatte (Gold und Bronze), bedeutet eine Nominierung nicht automatisch, dass sie daran teilnimmt. Das gilt erst recht für eine WM in Kolumbien. Da es dort keine Weltranglistenpunkte zu gewinnen gab, die wiederum für die Startberechtigung beim größten Wettkampf in dieser Sportart, den World Games – den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten – maßgeblich sind, konnte der Deutsche Ju-Jutsu-Verband (DJJV) seinen Athleten zwar einen Zuschuss von 500 Euro bezahlen, die restlichen 1600 Euro für Reise und Aufenthalt nach und in Bogota allerdings nicht. Das ist übrigens sowieso nicht selbstverständlich. „Normalerweise ist der Kader für alle Disziplinen doppelt besetzt; der Verband kann aber nur die Kosten für die Erststarter übernehmen“, erklärte Rücker, für die es trotzdem nie eine Alternative war, die Nominierung durch die Bundestrainer Roland Köhler, auch DJJV-Präsident, Christian Kühn und Mike Hartmann (beide Ne-Waza) auszuschlagen. „Ich habe gedacht: Ich fahre dahin. Komme, was wolle.“

Verena Rücker startet erfolgreiches Crowdfunding-Projekt

Rücker begann also, zu überlegen, wie der WM-Start zu finanzieren ist. Ganz früh in dieser Phase wurde sie von „fairplaid“, einer Crowdfunding-Plattform für Sport im Internet, angeschrieben, dass junge Sportler für Projekte gesucht werden. Die Idee ist, über die Plattform im Netz Unterstützer, also Geldgeber, zu finden. Dafür bietet der Sportler diesen Prämien an. Rücker war erst skeptisch. „Dann habe ich mir aber gesagt: hop oder top.“ Ihr Projekt „WM in Bogota“ ging online. „Ich habe dann jeden Tag darauf geguckt, klar“, sagt sie. Und sie machte dafür kräftig Werbung, z. B. in sozialen Netzwerken. Trotzdem fehlten nach einem Monat noch 1100 Euro. Und damit immer noch 1600 Euro. Denn, wenn die benötigte Summe nicht zusammenkommt, geht das schon eingegangene Geld an die Spender zurück. Doch als dann die örtliche Tageszeitung über ihren möglichen WM-Start berichtete, ging alles ganz schnell. Das führte wiederum dazu, dass Rücker spezielle Vorbereitungen treffen musste und dass ihre Tage in Bogota längst nicht nur vom Sport bestimmt wurden. „Ich bin mit weniger Gepäck losgereist, damit ich die ganzen Mitbringsel, die ich versprochen hatte, auch mitnehmen konnte“, bestätigt sie. In Bogota beschäftigte sich sich damit, diese zu beschaffen. Zudem berichtete sie jeden Tag an mehreren Stellen in Wort und Bild über die Tage in Kolumbien und über die WM. Mit riesengroßer Resonanz. „Ich kam dort ja nur über das W-Lan des Hotels ins Internet. Jedes Mal, wenn ich dort ankam, ist mein Handy vor lauter Nachrichten, die ich auf allen möglichen Kanälen bekommen hatte, explodiert.“

Die deutsche Delegation, in der acht Ju-Jutsuka standen, war acht Tage vor dem WM-Start nach Bogota geflogen, um sich an die Bedingungen in der 2700 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Stadt zu gewöhnen. „Die Luft war unglaublich dünn. Wir waren jeden Tag joggen, wobei sich unser Tempo eher nach walken anfühlte. Ich habe aber geatmet wie nach einem Spurt“, berichtet Rücker. Das zahlte sich aus, denn es half der 25-Jährigen zusätzlich, die Belastungen zu überstehen.

Zwei Wettbewerbe an einem Tag

Für Rücker ging die WM mit dem Ne-Waza-Einzelturnier los, das erst am letzten der drei Veranstaltungstage ausgetragen wurde. In der Klasse bis 70 Kilogramm traf sie, die in der ersten Runde ein Freilos gehabt hatte, auf Nina Kim aus Kasachstan. „Der Kampf war wirklich gut. Ich habe nur meine Punkte nicht bekommen“, stöhnt sie auch noch rückblickend, wenn sie über die 0:10-Niederlage nachdenkt. „Damit war Gold weg. Und ich war platt.“ Trotzdem ging es in der Trostrunde weiter, die Medaillenchance war noch da.

„Nicht glorreich“ nennt Rücker ihren Erfolg über Maira Carolina Ortiz aus Kolumbien. Der war vor allem eine Willensleistung, bescherte ihr aber die Chance auf Bronze. Rückers Konkurrentin war Joselyne Edwards Loboriel aus Panama, die zuvor starke Athletinnen aus den USA und Thailand besiegt hatte. Es wurde ein langer, verbissener Kampf. Die beiden schenkten sich nichts, gaben alles. „Ich konnte nicht mehr, das ging ihr aber genauso“, erzählt Rücker. Sie hörte die Anfeuerungsrufe ihrer Mannschaft. „Ich habe dann alle meine Kraft zusammengenommen und bin in eine Halte-Position gekommen, konnte ihren Gürtel schnappen und sie abwürgen.“ Loboriel gab auf. Keine 30 Sekunden waren noch von der sechsminütigen Kampfzeit übrig. „Ich saß auf dem Boden und habe gedacht: Oh mein Gott.“

Lange jubeln konnte sie nicht. Kurz nach der Siegerehrung stand Rücker schon wieder auf der Matte. Im Mixed-Team-Wettbewerb werden pro Runde sieben Kämpfe ausgetragen: drei im Fighting, drei im Ne-Waza und einer in der Duo-Diszplin, in der einstudierte Bewegungsabläufe präsentiert und deren Ausführung bewertet werden. Das deutsche Team verlor gegen Belgien, besiegte dann die Niederlande. Mit einem Erfolg über Kasachstan sicherte es sich schließlich den Bronzerang. Dazu trug Rücker einen für sie besonderen Sieg bei: Sie bezwang Nina Kim.

Die ersten Schritte auf dem Weg in den Leistungssport – und damit nach Bogota – machte Rücker als Zehnjährige in Delmenhorst. „Durch Zufall“, sagt sie. „Eine Freundin meiner Mutter wollte, dass ihre Tochter mit dem Ju-Jutsu anfängt. Sie dachte, dass die das macht, wenn ich mitgehe.“ Verena Rücker ging mit, zum JC Bushido. Irgendwann kam ein Trainer zu ihr und meinte, dass sie an Wettkämpfen teilnehmen solle. Sie wurde immer besser und erfolgreicher – und zielstrebiger. „Vor fünf Jahren bin ich zum PSV gegangen, weil ich dort Ju-Jutsu wirklich als Leistungssport betreiben kann.“ Als sie noch in der U21-Klasse antrat, gewann sie bei einer Senioren-DM Bronze, wurde zum ersten Mal für einen Bundeskader nominiert, den der Altersklasse U21. „Ich konnte dort aber nicht mehr hin, weil ich im nächsten Jahr 21 geworden bin“, erzählt sie. Damit stand das nächste Ziel fest: in den Bundeskader der Erwachsenen aufgenommen werden. Seit 2016 gehört sie dazu.

Verena Rücker absolviert zehn- bis 15 Trainingseinheiten pro Woche

Rücker, die zunächst in der Disziplin Fighting antrat, in der die Konkurrenten mit Schlägen, Tritten und Hebel-, Wurf- und Würgetechniken punkten und siegen können, spezialisierte sich vor drei Jahren auf Ne-Waza, den Bodenkampf. Viele der Techniken, dort angewendet werden, gibt es ebenfalls im Fighting. Auch die Ne-Weza-Kämpfer starten im Stehen, Schläge und Tritte sind verboten. Der Wettbewerb wird nach einem Wurf oder wenn ein Ju-Jutsuka mit einem Griff am Gürtel des Gegners freiwillig nach unten geht am Boden fortgesetzt. Dort geht es darum, sich durch Aktionen in bestimmte Positionen zu bringen und damit zu punkten. Zudem wird versucht, den Gegner durch Hebel- oder Würgetechniken zur Aufgabe zu zwingen. Ein Kampf dauert sechs Minuten, wenn kein Kämpfer aufgibt. Dann entscheiden die erreichten Punkte.

„Sechs Minuten sind ziemlich knackig“, sagt Rücker. Deshalb stehen in ihrem Trainingsplan mit zehn bis 15 Einheiten in der Woche auch viele, in denen sie statt des weißen Ju-Jutsu-Anzugs Laufbekleidung und Joggingschuhe trägt. „Ich hasse Laufen“, gibt Rücker zu. „Aber es muss halt sein.“ Und auch das Krafttraining ist ein regelmäßiger Bestandteil ihrer Vorbereitung. „Wenn man viel gibt, bekommt man viel“, erklärt Rücker, was sie am Ju-Jutsu fasziniert und ihr so die Motivation für dieses Pensum gibt. „Es ist toll, wenn man sieht, dass man besser wird und dass der Erfolg kommt“, fährt sie fort: „Und es begeistert mich, dass es ein technischer Sport ist, in dem nicht nur das Gewicht entscheidet.“

Start bei den World-Games 2021 ist das große Ziel

Die WM-Bronzemedaillengewinnerin freut sich, dass auch ihr Arbeitgeber sie unterstützt. „Ich kann mir meine Dienstpläne selber schreiben“, erzählt sie. Das führt dazu, dass sie bis zu 13 Tage hintereinander arbeitet, um dann eineinhalb Wochen für eine WM in Kolumbien frei zu haben. Trotzdem ist auch ihre Urlaubsplanung an Wettkampfterminen ausgerichtet. Davon wird es in den nächsten vier Jahren sehr viele geben. 2021 werden die Word Games in Birmingham ausgetragen. Am besten mit der Ju-Jutsuka Verena Rücker. „Das soll schon das Ziel sein.“ Um das zu erreichen, muss sie den Sprung auf vorderste Plätze der Weltrangliste schaffen. Sie zähle noch nicht zu den ersten Anwärtern für diese, erklärt sie. „Ich würde nicht sagen, dass ich schon zur Weltspitze gehöre. Ich hatte bei der WM einen sehr guten Tag. Mir fehlt aber noch die Konstanz.“ Doch das sei klar. „2018 wird erst mein drittes Jahr im Bundeskader sein.“ Sie wird in den nächsten Jahren viele internationale Turniere bestreiten, um dort die nötigen Erfahrungen zu sammeln. Eines davon könnte die nächste WM sein, die im November 2018 in Schweden stattfindet.

WM-Erlebnisse werden in Ruhe verarbeitet

Zuallererst freut sich Verena Rücker aber darauf, dass sie in den kommenden Wochen regenerieren soll. Das Trainingspensum wird ein wenig gesenkt. Dass das in den Dezember und damit in die Weihnachtszeit fällt, scheint sich gut zu treffen. „Endlich darf ich mal eine Zeit lang wieder alles essen, was ich möchte“, schwärmt die 25-Jährige, die schon drei Tage nach dem Erfolg wieder im Dienst gewesen war. Die Festtage bieten ihr sicher auch die Möglichkeit, die WM-Erlebnisse in Ruhe zu verarbeiten.