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Kreativer Comeback-Klub SV Rethorn verblüfft in der Halle und auf dem Feld

Von Daniel Niebuhr | 10.12.2015, 09:51 Uhr

Der SV Rethorn pflegt sein Image als ungewöhnlicher Verein. Am Wochenende sorgte der Comeback-Klub in der Halle für eine Sensation.

Eine Lektion hat Marcel Dönike in seinem ersten halben Jahr als Trainer offenbar gelernt: Als Autodidakt muss man in der Fußball-Branche manchmal dreist sein. Als sich im Spätsommer abzeichnete, dass der Ganderkeseer dauerhaft auf der Bank des SV Rethorn sitzen würde, fuhr er mehrfach zum Bremer Osterdeich, um beim Werder-Training vom Zaun aus zu hospitieren; einmal fing er die Co-Trainer Thorsten Frings und Florian Kohfeldt auf dem Weg zur Kabine ab und ließ sich auf kurzem Dienstweg eine Übung erklären. So unter Kollegen.

Nachhilfe bei Frings und Kohfeldt

Es ist nicht bekannt, ob sich Frings und Kohfeldt den Namen von Dönikes Verein gemerkt haben; die lokale Fußball-Szene hat der SV Rethorn am Wochenende allerdings mal wieder verblüfft. Als erster Verein aus der 5. Kreisklasse hat sich der im Sommer wiederbelebte Klub für die Endrunde der Hallenkreismeisterschaften Oldenburg-Land/Delmenhorst qualifiziert; als die Konkurrenz im letzten Spiel entscheidend patzte, fielen sich die Spieler auf der Tribüne in die Arme. Gerd Hillmann, Vorsitzender und Ur-Rethorner, lehnte am Geländer und genoss den Erfolg mit einem Kenner-Lächeln. „Irre“, sei das gewesen, schwärmt Dönike und scherzt mit Blick auf die Finalrunde Mitte Januar: „Jetzt wollen wir den Titel, ganz klar.“

Kader wächst weiter

Wer die jüngere Geschichte dieses nicht ganz normalen Klubs ein wenig verfolgt hat, würde sich wahrscheinlich nicht einmal darüber groß wundern. Der SV Rethorn ist ohne Zweifel eine der kuriosesten Fußball-Geschichten dieser Saison: Im Sommer noch ein fast vergessener Ein-Mann-Verein, sind die Rethorner nach einem dk-Bericht über den rührigen Einzelkämpfer Hillmann und dem folgenden Zulauf wieder quicklebendig. Noch in diesem Jahr werden auf der Jahreshauptversammlung die meisten Vorstandsposten – nach langer Vakanz – wieder besetzt. 27 Spieler tragen inzwischen das Rethorner Trikot, drei kommen im Winter noch dazu. Es könnten mehr sein, doch Dönike musste für den Moment ein Aufnahmestopp ausrufen. „Wir müssen vernünftig sein“, meint der 25-Jährige, der eigentlich nur nach Rethorn kam, um nach jahrelanger Pause selbst ein wenig zu kicken. Nun leitet er stattdessen das Training – und hat dabei alle Hände voll zu tun. Die Beteiligung ist enorm; einmal seien es mal nur 13 Spieler gewesen, „aber sonst immer deutlich mehr“. Da ist Improvisationstalent gefragt, auch beim Material: In Ermangelung fachgerechter Trainingsutensilien benutzen die Rethorner für Slalomübungen Absperrstangen, die Hillmann – hauptberuflich Bauunternehmer – von den Baustellen mitgebracht hat.

„Oma geht auch mal vor“

Die Rethorner Rückkehr hat im kleinen Rahmen durchaus für anhaltendes Aufsehen gesorgt: 164 Neugierige sahen im August das erste Pflichtspiel nach sechs Jahren im Kreispokal, zu den Heimspielen in der 5. Kreisklasse kommen im Schnitt immer noch 30 bis 40 Schaulustige.

Vielleicht werden es im Frühjahr noch mehr, denn die Rethorner spielen als Tabellenfünfter um den Aufstieg mit. Dönike, ganz der geduldige Trainer, macht seinem Team aber keinen Druck: „Wenn ein Spiel ist, aber gleichzeitig die Oma eines Spielers Geburtstag hat, dann geht Oma auch mal vor.“ Für seine Rethorner geht dieses Motto bislang auf. Dass er Thorsten Frings und Florian Kohfeldt beim nächsten Treffen den selben Rat gibt, darf aber bezweifelt werden.