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Kunstrasenplatz-Debatte Die Sorgen von Delmenhorster BV und Borussia Delmenhorst

Von Daniel Niebuhr und Frederik Böckmann | 25.10.2018, 09:05 Uhr

Der CDU-Vorschlag, aus wenig genutzten Sportanlagen Bauland zu machen und damit möglicherweise einen Kunstrasenplatz zu refinanzieren, sorgt bei den zwei kleinen Delmenhorster Vereinen DBV und Borussia für Unruhe. Die Clubs mit wenigen Mannschaften fürchten eine Zwangsumsiedlung. Der Delmenhorster BV kündigt erbitterten Widerstand an, die CDU ist um Deeskalation bemüht – und um Pragmatismus.

Über den Ruf von Delmenhorst im Rest der Welt lassen sich vermutlich abendfüllende Diskussionen führen, bei Bauherren hat sich die Stadt in der jüngeren Vergangenheit in jedem Fall nicht beliebt gemacht – der Mangel an Grundstücken ist seit Jahren ein Dauerthema. Die CDU ist im Sportausschuss jüngst mit einer Idee vorgeprescht, die zwei Probleme auf einmal lösen könnte: Die Verwaltung soll die Auslastung der Sportanlagen prüfen, um dort mögliches Bauland zu finden – und mit dem Geld den von den Fußballern in Endlosschleife geforderten Kunstrasenplatz finanzieren.

Im Sportausschuss wurde schon in der vergangenen Woche gewohnt emotional darüber diskutiert, der Gegenwind kommt allerdings nicht nur von SPD/Partner und Linken, sondern auch von den kleinen Vereinen – denn die haben viel Grün für wenige Mannschaften und fürchten deshalb um ihre Plätze. Je günstiger die Grundstückslage, so scheint es, desto größer ist die Angst, wie man beim Delmenhorster BV vielleicht am deutlichsten spürt.

Delmenhorster BV kündigt möglichen Widerstand an

Der 1912 gegründete Traditionsklub spielt (trotz des jüngsten Aufstiegs in die 1. Kreisklasse) sportlich eher eine Nebenrolle, hat aber zwei großzügige Rasenplätze an der Schanzenstraße – also im begehrten Herzen der Stadt. „Wenn man ehrlich ist, ist das eine ideale Baulandfläche“, gesteht Klaus Bischoff, der aktuell kommissarischer Vorsitzender ist und die Debatte mit Sorge verfolgt.

Drei Senioren- und vier Jugendmannschaften laufen für den DBV auf, der gerade eigentlich schon genug Probleme hat. Clubchef Georg Sedy ist seit längerem erkrankt, Ende des Monats wirft auch Bischoff als designierter Nachfolger das Handtuch – ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen. Doch er stellt bereits vor dem Umbruch klar: „Egal, wie der Vorstand künftig aussehen wird – wie werden uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass wir von unserer Anlage geschmissen werden. Das wird allen anderen auch so gehen.“

Ein Kunstrasenplatz sei zwar schon kurzfristig „eine absolute Notwendigkeit“, aber: „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass dafür vor allem die kleinen Vereine Opfer bringen. Und ob die Vertreibung eines Vereins aus einem Stadtteil nicht ein zu großes Opfer ist.“ Was in etwa der Argumentation der bei Sportthemen nicht immer glücklich argumentierenden SPD entspricht. „Man sollte nicht in die Vereinsautonomie eingriffen“, erklärte Bürgermeisterin Antje Beilemann im Ausschuss.

Borussia Delmenhorst wegen seiner Lage gelassener

Etwas gelassener gibt man sich bei Borussia Delmenhorst, allerdings hauptsächlich, weil man den Platz direkt an der Autobahnabfahrt Deichhorst als Bauland für nicht besonders begehrenswert hält. „Wer will da denn wohnen?“, fragt Abteilungsleiter Dennis Müller. Deichhorst im äußersten Westen der Stadt Delmenhorst war in der jüngeren Vergangenheit jedoch durchaus ein Gebiet für neuen Wohnraum. Sollte die Auslastung bei Borussia der Stadt tatsächlich Anlass dazu geben, über eine Umsiedlung des Vereins nachzudenken, „dann wäre das für uns natürlich schlecht“, sagt Dennis Müller.

Die CDU ist durchaus um Mäßigung bemüht. Der Ratsherr und womöglich künftige Vorsitzende Bastian Ernst, der die Debatte ins Rollen gebracht hatte, hatte Verständnis für die Vereine, die es treffen könnte: „Niemand schreit: Hurra, nehmt unseren Platz.“ Beim letzten Treffen der Vereine hätten die kleineren Clubs Ernsts im Sportausschuss vorgeschlagenen Antrag zwar verhalten aufgenommen, „es war aber auch niemand empört“.

Ernsts Sprache ist mal deeskalierend, mal pragmatisch. „Es wird nichts von oben herab durchgedrückt. Es ist ein Irrglaube, dass nach der Analyse jemand rumrennt, Plätze schließt und daraus Bauland macht“, sagt er. Allerdings: „Wer nicht mitmacht, muss sich aber dann auch nicht wundern, wenn er keine oder weniger Zeiten auf dem Kunstrasenplatz bekommt.“ Für seine Ziele müsse man manchmal „über den Tellerrand schauen“.

DBV wünscht sich „gerechte Vorschläge“

Genau darin sind sich die Fußballer, die sich heute wieder treffen, auch ungewohnt einig. Ein Kunstrasenplatz muss her, auch wenn man dafür kreativ werden muss. „Erst einmal ist es gut, dass man über Ideen spricht“, sagt Müller. DBV-Interimschef Bischoff findet: „Wir brauchen Vorschläge. Aber dieser scheint mir nicht gerecht zu sein.“