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Medaillensammler wird 80 Jahre Horst Karsten: Die Vielseitigkeit ist sein Leben

Von Katrin Brandes | 01.01.2016, 10:23 Uhr

Der Delmenhorster Horst Karsten holte als Vielseitigkeitsreiter und -Trainer bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften zahlreiches Edelmetall. Von einem ruhigen Rentnerleben ist der fünffache Deutsche Meister noch weit entfernt. Am 1. Januar 2016 feiert er seinen 80. Geburtstag

Wenn Horst Karsten morgens auf dem Fahrrad mit Hündin Pauli eine Runde in Bungerhof dreht, sieht das nach einem ganz normalem Rentnerdasein aus. Doch weit gefehlt: Karsten, der das deutsche Vielseitigkeitsteam als Bundestrainer bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul zu Mannschafts-Gold führte und an Neujahr seinen 80. Geburtstag feiert, befindet sich mittendrin im „Un-Ruhestand“.

Nach vielen Jahren als Reiter und Trainer ist der Medaillensammler (siehe Erfolge) als Turnierrichter in der Vielseitigkeit deutschlandweit an mindestens zehn Wochenenden im Jahr unterwegs und trainiert weiterhin Topreiter wie Cord Mysegaes oder Ina Tapken. Auch Olympiasiegerin Sandra Auffarth gehörte früher schon zu seinen Schülern: „Es hat mich schon sehr berührt, was Sandra alles erreicht hat. Das das ist einmalig.“

Zeit für Urlaub mit Ehefrau Ingeborg, die seit fast 50 Jahren an seiner Seite ist, bleibt da kaum. Aber ein paar Tage Langeoog im Februar 2015 „haben wir geschafft,“ lächelt er zufrieden. Auch wenn Karsten gerne in der Sonne liegt und seine Frau gerne zum Nordkap möchte, sagt er: „Ich habe ja schon so viel gesehen durch die Reiterei, da reicht zum Erholen auch schon die eigene Sauna.“ Kennengelernt haben sich die Eheleute natürlich beim Reiten. Auch die Töchter Imke und Dörthe sind früher erfolgreich in der Vielseitigkeit gestartet, entschieden sich dann aber für ihre Familien.

Anfänge beim Ponyrennen in der Wesermarsch

Pferde hatten es Horst Karsten schon früh angetan. Aufgewachsen in Elsfleth-Fünfhausen war für ihn das Schönste am Tag „die Pferde im Galopp abends zur Weide zurückzureiten“. Mit dem ersten Pony „Moritz“ nahm der Drittklässler an den damals populären Ponyrennen der Wesermarsch erfolgreich teil. Sein Arbeitsleben in der Landwirtschaftslehre bescherte ihm dazu gleich einen Chef, mit dessen Pferden er in der Dressur und im Springen starten durfte: „Im Reitunterricht bei meinem Onkel Herbert in Neuenfelde wurde ich als Neffe schon härter rangenommen“ – und das, nachdem er zuvor schon acht Kilometer zum Unterricht hingeritten war. Heute undenkbar.

Schnell feierte Karsten die ersten Erfolge bis hin zur Klasse M. Auch Hinrich Weyhausen, der Atlas-Maschinenfabrikant, wurde auf ihn aufmerksam, suchte er doch einen neuen Leiter für seinen Reitstall in Delmenhorst. Ab 1957 wurde Weyhausen der Mäzen in Karstens Leben, für den er erste Turniere und auch Rennen ritt. „Bei ihm habe ich bis zu 15 Pferde täglich geritten“ – und das auch querfeldein und über Weidetore: „Extra Geländestrecken gab es damals noch nicht“, sagt Karsten.

Die Vielseitigkeit bestand damals noch neben Dressur und Springen aus einer 30 Kilometer langen Wegestrecke und der Rennbahn. Heute ist die Geländestrecke gerade noch bis zu sieben Kilometer lang. Früher wurde auch mal nur mit Schlägermütze gestartet, selbst auf den Europameisterschaften. Die heutigen besseren Sicherheitsstandards im Vielseitigkeitssport begrüßt Karsten sehr: „Es wird viel getan für die Sicherheit an Hindernissen und in der Ausrüstung.“ Viele Pferde hat er selbst in den Spitzensport gebracht. „Man fühlt sich am sichersten auf einem Pferd, dass man selber ausgebildet hat“, unterstreicht der frühere Bundestrainer, der selbst mehr als 30 Jahre aktiv geritten ist und auch Österreicher zur ersten Olympia-Qualifikation 1974 führte.

Viele Erfolge mit Paradepferd Sioux

Besonders geprägt hat Karsten sein schwierigstes Pferd Sioux, den er manchmal bis zu fünf Stunden am Tag ritt, bis sich die beiden einig waren. Karstens Konsequenz und Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass er mit Sioux zwei seiner ingesamt fünf Deutschen Meistertitel feierte und Sieger mehrerer Championate wurde. „Ich wusste, Sioux kommt groß raus. Viele glaubten, dass ich es nicht schaffe mit ihm. Aber das hat meinen Ehrgeiz geweckt.“

Bitter liefen für Karsten und Sioux die Olympischen Spiele 1972 in München. Als Topfavorit gestartet, führte der Delmenhorster nach der Dressur, musste mit seinem Paradepferd nach einem Sturz im Geländeritt allerdings aufgeben. Dennoch war der Sinus xx-Radetzky-Sohn das erfolgreichste Pferd in Karstens Karriere.

Auch mit 80 Jahren ist Karsten, der als Reiter und Trainer an insgesamt neun Olympischen Spielen teilgenommen hat, weiterhin fast täglich in Sachen Reitsport unterwegs. Es mache ihm viel Spaß, junge Reiter zu trainieren, die in ihrer Laufbahn weiterkommen wollen. „Heute ist eine gute Dressur sehr wichtig und ebenso die Konsequenz beim Reiten in allen Disziplinen“, ist sein Credo bei allen Trainingseinheiten, das sich bewährt hat.

Kein Verständnis für untrainierte Reiter

Die Reiter müssen sich auch neben dem Reitsport fit halten, findet Karsten: „Das muss man bei den Anforderungen. Wir haben früher auf den Lehrgängen gejoggt oder Fußball gespielt“, erklärt der Delmenhorster, der kein Verständnis für untrainierte Reiter hat, die dem Pferd mehr abverlangen als sich selbst.

Karsten selbst ist immer noch fit, nimmt sich aber jedes Jahr „nicht mehr ganz so viele Turniere vor.“ „Und wie lange willst Du noch richten? Bis 90?“, schmunzelt Ehefrau Ingeborg, deren guter Pflege kombiniert mit viel Schwimmen und Naturverbundenheit er seine Fitness zuschreibt.

Für das Ehepaar ist jedes Jahr das Turnier im niedersächsischen Luhmühlen ein Muss. Dort fühlen sie sich wohl, es ist für sie zu einer Art zweiten Heimat geworden: „Ich bin hier 1982 das erste Mal gestartet. Die Gemeinschaft war damals sehr eng. Viele Luhmühler sind Freunde geworden und wir sind gerne Gäste bei Familienfesten.“

Große Geburtstagsfeier im 100 Gästen im Januar

Deshalb hat Karsten zu seinem runden Geburtstag am Freitag „keine Chance, nicht zu feiern. Silvester feiern wir ganz ruhig, Neujahr dann nur in Familie.“

Das große Fest mit mehr als 100 Freunden, Richtern, Reitern und der Familie ist dann im Januar geplant. Geschenke brauche er nicht: „Mein größter Wunsch ist es, dass meine Familie und ich gesund bleiben.“